Steht die Bezirksliga-Tabelle auf dem Kopf? Nach vier Spieltagen wirkt es so, auch dank zwei weiter siegender Außenseiter. Bei einem, in Musberg, gibt es Doppel-Rot.
Ein aus dem Kader geworfener Torhüter, zwei rote Karten wegen Zuschauerbeleidigung und eine Tabelle, die auf dem Kopf zu stehen scheint – nach dem vierten Spieltag dieser Saison präsentiert sich die Fußball-Bezirksliga Stuttgart/Böblingen weiter als Wundertüte. So ist der vermeintliche Titelfavorit Spvgg Holzgerlingen nun Letzter, während von der Spitze zwei krasse Außenseiter grüßen. Jene, der letztjährige Beinahe-Absteiger TSV Musberg sowie der Klassenneuling TSV Jahn Büsnau, sind denn auch die am meisten strahlenden Gewinner des Sonntags.
TSV Musberg – VfL Oberjettingen
Am Turnerweg wirkt die aktuelle Situation jedenfalls als Seelenbalsam. Der TSV Musberg auf Platz eins – was für ein Kontrast zu den Abstiegskampfmühen des vergangenen Spieljahrs. Klar, noch ist es für weitreichendere Prognosen zu früh. „Wir wissen natürlich, dass die Tabelle nach vier Spieltagen noch keine große Aussagekraft hat“, sagt der neue Trainer Christopher Eisenhardt. Aber: „Spaß macht es gerade schon, draufzuschauen.“ Und: Eine gute Basis ist mit dem bereits dritten Saisonsieg, dem 3:1 gegen den VfL Oberjettingen, allemal gelegt.
Drei Standard-Tore sowie ein leidenschaftlich geführter Kampf in Unterzahl – so lautete am Sonntag das Erfolgsrezept. Auf der einen Seite waren für die Gastgeber ein Freistoß- sowie zwei Elfmetertreffer zu notieren. Die Schützen: Julien Kappeler, Manuel Rath und Pa Burray Manneh. Auf der anderen hatten sie damit klar zu kommen, von der 40. Spielminute an nur noch zu zehnt auf dem Platz zu sein. Marlon Stoll sah ebenso Rot wie in der Schlussphase sein Gegenüber Fabian Seeger. Beiden wurde ein zu loses Mundwerk zum Verhängnis. Stoll ließ sich nach Provokationen vonseiten der Gästezuschauer zu einer Beleidigung hinreißen, Seeger schnauzte den Coach Eisenhardt mit wenig druckreifen Worten an.
Letzterer konnte es in Anbetracht des Spielergebnisses gelassen nehmen. „Die Mannschaft hat mit einem Mann weniger ihr Herz auf dem Platz gelassen“, sagt er mit Blick aufs eigene Team. Dieses, nach der Pause nurmehr aufs Verteidigen fokussiert, brachte seinen Vorsprung über die Zeit. Auch dank seines Keepers. Zwischen den Musberger Pfosten stand erstmals der Neuzugang Giorgio Alber (23, vom TSV Sielmingen). Eisenhardt hat sich für ein Wechselspiel zwischen ihm und Pascal Runge entschieden. In den ersten drei Spielen durfte der eine ran, nun ist erst einmal der andere am Zug.
TV Darmsheim – Spvgg Cannstatt
Abgelöst haben die Musberger an der Tabellenspitze die Spvgg Cannstatt, die durch einen Last-Minute-Gegentreffer in Darmsheim ihre erste Saisonniederlage (1:2) hinnehmen musste – und die ebenfalls ein Torhüterthema hat, in ihrem Fall allerdings ein unfreiwilliges. Auf der Nummer-eins-Position musste sich der Trainer Damian Nagler mit einer SOS-Lösung behelfen: Zu seinem Überraschungscomeback kam der letztjährige Stammkeeper Robin Spajic – obwohl jener derzeit eigentlich beruflich in Hamburg weilt und seit Wochen keinen Ball mehr in den Händen gehabt hatte.
Was passiert ist? Zweierlei. Erstens hat sich der bisherige Spajic-Nachfolger Rafael Busic im Training einen Finger gebrochen. Zweitens hatte Nagler schon zuvor dem Winter-Einsteiger Arjanit Januzi den Laufpass erteilt. Und tschüss nach nur acht Monaten. „Meinungsverschiedenheiten“, sagt der Coach knapp – und ergänzt auf Nachfrage: „Er wollte seine Rolle als Ersatzmann nicht akzeptieren.“ Nun möchten die Cannstatter auf dieser Position noch einmal nachlegen. Glückliche Fügung: In dem Studenten Theodoros Kyriakidis (Stammverein: FC Hellas Makedonikos Hagen) haben sie gerade einen Trainingsgast aus Westfalen. Der Passanantrag für ein Zweitspielrecht läuft.
Das aktuelle Spiel bedeutete indes ein Wechselbad der Gefühle. Zur Pause durch ein Kopfballtor von Markus Lurz noch in Führung, verloren die Gäste laut Nagler in Durchgang zwei „komplett den Faden“. Unter einem Powerplay des gegnerischen Landesliga-Absteigers brachen sie schließlich ein. Das für sie bittere Ende: In der 90. Minute hämmerte Fabian Schneider den Ball zur Entscheidung unter die Querlatte. Da half es auch nichts mehr, dass Carsten Bauer den eigentlichen Darmsheimer Topscorer Simon Lindner (zuvor sechs Tore in drei Spielen) überwiegend an die Kette legte.
TSV Jahn Büsnau – Spvgg Holzgerlingen
Ebenfalls vorbeigezogen ist an den Cannstattern im Klassement der TSV Jahn Büsnau, was das bislang zweifellos größte Ausrufezeichen dieser Saison ist. Zumal in Anbetracht des Startprogramms des Aufsteigers. Vom Papier her mag am Adolf-Engster-Weg ja dem ein oder anderen vorab mulmig geworden sein. Nun, in der Realität? Vier Spiele, zehn Punkte. Und, staunen ist erlaubt: Am Sonntag hat der Ligadebütant dem bereits zweiten Titelfavoriten eine lange Nase gedreht. Dem 2:1-Coup in Bonlanden ist ein 3:1 gegen den seinerseits überraschend im Tabellenkeller taumelnden Vizemeister Spvgg Holzgerlingen gefolgt.
Fußball verkehrt also in der Bezirksliga. „Wir freuen uns, dass wir so gut in der Liga angekommen sind“, sagt der Büsnauer sportliche Leiter Ralf Lenhardt und schiebt vorsichtshalber nach: „Das Ziel heißt natürlich weiter Nichtabstieg.“ Auch wenn gerade ein Rädchen ins andere greift. Dass die Büsnauer in der vergangenen Saison trotz Meistertitel mit wenig meisterlichen 53 Gegentoren noch Schießbude waren? Kein Problem. Mit der Umstellung von Viererkette auf drei Innenverteidiger machen sie seither die Schotten dicht. Und dass aktuell der Torjäger und Lenhardt-Filius Sebastian urlaubsbedingt fehlte? Auch dies kein Sorgengrund.
In die Bresche sprang kurzerhand ein anderer. Marc Hetzel schnürte einen Toredreierpack. Erst ein Elfmeter, dann zwei feine Einzelleistungen, mit denen er die gegnerische Abwehr aussteigen ließ. „Ein Sahnetag von ihm“, sagt Lenhardt. Freilich, der 26-Jährige bringt aus seiner Sindelfinger Zeit auch Verbandsliga-Erfahrung mit.
ASV Botnang – TV Echterdingen II
Unterdessen hält das Warten des zweiten Stuttgart/Filder-Aufsteigers auf den ersten Saisonsieg an. Wobei, man kann es auch andersherum sehen: Mit seinem 3:3-Remis gegen den TV Echterdingen II blieb der ASV Botnang in Spiel vier zum dritten Mal ungeschlagen. Letzteres ist für den Trainers Alexander Schweizer „top“. Allerdings: „Ein Dreier“, weiß er, „würde jetzt demnächst schon einmal gut tun.“
Aktuell rettete ein Kraftakt nach der Pause den wenigstens einen Zähler. „Dafür mussten wir reichlich Körner investieren“, sagt Schweizer, dessen stürmender Bruder Daniel fehlte. Für ihn galt: Flitterwochen statt Fußballplatz. Nach seiner Hochzeit vom August ist er auf Reise. Stattdessen traf Mirlind Kamberi zum Ausgleich. Ein weiter Einwurf von Marouan Abarriche diente als Vorlage. Letzterer machte damit ein vorheriges Missgeschick ein Stück weit wett: Beim ersten Gegentor war Abarriche ausgerutscht. Flutsch, einmal Hosenboden, während für den Kontrahenten Flon Ajvazi einnetzte. Schon wieder Ajvazi. Der Youngster hat bisher in jedem Spiel dieser Saison getroffen. Insgesamt steht sein Zähler bereits bei fünf.
Überhaupt richtet es für die Echterdinger gerade deren „Baby“-Sturm. Ajvazi 19 Jahre, Wesley Acholonu 18 Jahre. Wären nur nicht die parallel „defensiven Leichtsinnsfehler“, die der Trainer Sascha Blessing moniert. „Leider haben wir unser Spiel nicht über 90 Minuten hinbekommen“, sagt er.
SV Bonlanden – Croatia Stuttgart
Schon eher gelang dies dem SV Bonlanden. Bei jenem: Erleichterung allenthalben. Nach dem Fehlstart der vergangenen Wochen feierten die Schwarz-Weißen nun gegen Croatia Stuttgart ein überzeugendes 4:1. Ein Ergebnis als erhoffte Initialzündung und zugleich passendes Abschiedsgeschenk. Sein vorerst letztes Spiel bestritt der Routinier Jonathan Baur. Der einstige Futsal-Nationalspieler geht wie berichtet auf einjährige Weltreise – nicht, ohne zuvor noch eine fußballerische Duftmarke zu hinterlassen. Dreifacher Torvorbereiter am Sonntag war – richtig, Baur. „Er wird uns sehr fehlen“, sagt dessen Trainer Carmine Napolitano. Nicht nur er. Zusätzliche Hiobsbotschaft für die Bonlandener: Für Dennis Adam dürfte die Hinserie bereits beendet sein. Die Diagnose bei ihm: ein Innenbandriss im Knie.
Zwei Leistungsträger weniger also. Aber, so Napolitanos Einschätzung, immer noch genug Potenzial, um ins Rollen zu kommen. Aktuell ließen sich die Seinen auch durch einen schnellen Rückstand nicht beirren. Unter den vier eigenen Treffern stach jener von Arbnor Krasniqi heraus, erzielt nach doppeltem Doppelpass. Das „Traumtor“ des Gegners? Am Ende egal.
Ja, das hatte Klasse, wie Croatias Duje Tokic zwei Spieler wie Slalomstangen stehen ließ, nach Innen zog und den Ball in den Winkel schlenzte. Aber kaufen konnten sich die Gäste dafür letztlich nichts. Ernüchternd fällt das Fazit des Torhüters und Co-Trainers Mirko Perkovic aus: „Uns haben im Spiel nach vorne die Ideen gefehlt, zudem Willen und Leidenschaft.“ Kurzum: „Ein Rückfall in alte Muster.“ Erschwerend kommt hinzu, dass die Seinen mindestens bis Mitte Oktober nur Auswärtsspiele haben. Der heimische Kunstrasen am Frauenkopf wird derzeit renoviert. Auch aktuell erfolgte deshalb ein Tausch mit der Rückrunden-Partie.
SV Vaihingen – SV Rohrau
Mit dem Mangel an Angriffswucht, immerhin, befanden die Kroaten sich in guter Gesellschaft. Nicht besser erging es dem SV Vaihingen. Jener beendete mit dem 0:0 gegen den Landesliga-Absteiger SV Rohrau zum ersten Mal seit März ein Punktspiel ohne eigenen Treffer (damals 0:6 gegen den Türkischen SV Herrenberg). Das, findet der Trainer Tim Schumann, dürfe gegen einen „spielerisch starken Gegner“ dann zwar auch einmal sein. Dennoch aber Vaihinger Haareraufen, hatten die Gastgeber in der Endphase doch drei Großchancen zur Entscheidung. Rüchan Pehlivan, Vincent Moser, Maximilian Eisentraut – ein jedes Mal erstarb ihnen der Torschrei auf den Lippen. Einmal eine Kopfballabwehr auf der Torlinie, einmal Innenpfosten, einmal eine Glanzparade des gegnerischen Keepers.
Wird Zeit, dass der eigentliche Knipser David Hug Fahrt aufnimmt. Nach halbjähriger Verletzungs- und Urlaubspause stand er am Sonntag zum zweiten Mal wieder in der Startelf. „Ein Monat noch, dann wird er zurück auf Topniveau sein“, schätzt Schumann. Es klingt wie eine Drohung an die Konkurrenz, die einstweilen verrückte Dinge macht. Siehe oben. Siehe momentane Tabelle.
Die Statistik zum 4. Spieltag
TSV Jahn Büsnau – Spvgg Holzgerlingen 3:1. Tore: 1:0 Hetzel (15., Foulelfmeter), 2:0 Hetzel (30.), 3:0 Hetzel (32.), 3:1 Paetzold (78.). Besonderes: Gelb-Rot für Horn (Holzgerlingen, 88.)
ASV Botnang – TV Echterdingen II 2:2. Tore: 1:0 Prajo (3.), 1:1 Ajvazi (15.), 1:2 Acholonu (16.), 2:2 Kamberi (56.). Besonderes: –
TV Darmsheim – Spvgg Cannstatt 2:1. Tore: 0:1 Lurz (39.), 1:1 Esteves (70.), 2:1 Schneider (90.). Besonderes: –
SV Deckenpfronn – TSV Dagersheim 1:1. Tore: 0:1 Dodoli (34.), 1:1 Wunsch (40.). Besonderes: Gelb-Rot für Drotleff (Dagersheim, 72.); rote Karte für Paulus (Deckenpfronn, 90.+6/grobes Foulspiel)
TSV Musberg – VfL Oberjettingen 3:1. Tore: 1:0 Kappeler (17.), 2:0 Rath (38., Foulelfmeter), 2:1 Yannick Ruß (45.+2), 3:1 Manneh (90.+5., Foulelfmeter). Besonderes: rote Karte für Stoll (Musberg, 40./Zuschauerbeleidigung) und Seeger (Oberjettingen, 86./Beleidigung des gegnerischen Trainers)
SV Bonlanden – Croatia Stuttgart 4:1. Tore: 0:1 Tokic (6.), 1:1 Krasniqi (30.), 2:1 Berisha (33.), 3:1 Tschentscher (61.), 4:1 Poet (87.). Besonderes: –
SV Vaihingen – SV Rohrau 0:0. Tore: – . Besonderes: –
VfL Herrenberg – SV Nufringen 2:3. Tore: 1:0 Franguere (3.), 1:1 Tropsch (7.), 2:1 Franke (43.), 2:2 Kaupp (84.), 2:3 Ciuff-reda (90.+2). Besonderes: –