Gambias Torhüter Baboucarr Gaye macht beim Afrika-Cup in Kamerun ein überragendes Spiel – und wird dafür nicht nur von seinen Teamkollegen gefeiert.
Stuttgart - Die Mär, dass es nur ganz wenige gute afrikanische Fußballtorhüter gebe, ist nicht neu. Sie hält sich hartnäckig. Dabei beweist gerade der laufende Afrika-Cup in Kamerun, dass dieses Vorurteil schon längst nicht mehr stimmt. Richtig ist, dass kaum ein afrikanischer Keeper bei einem europäischen Topclub spielt. Zugleich aber zeigen bei dem Turnier in Kamerun viele Torwarte überragende Leistungen. Einer von ihnen hat eine Vergangenheit beim VfB Stuttgart.
Die Karriere von Baboucarr Gaye (22) war bisher eher arm an sportlichen Höhepunkten. Der gebürtige Bielefelder, Sohn einer Deutschen und eines Gambiers, wurde im Nachwuchsbereich der Arminia ausgebildet, schaffte es aber nie ins Tor der Profimannschaft. Dafür stand er am 19. Oktober 2019 im legendären Lohrheidestadion zwischen den Pfosten – beim letzten Spiel des ehemaligen Bundesligisten SG Wattenscheid 09, der danach in die Insolvenz abstürzte und von der Fußball-Landkarte verschwand. Anders als Baboucarr Gaye.
Im Kader des VfB Stuttgart II
Von der Ruhr ging es an den Neckar. Der Torhüter heuerte im Januar 2020 als vereinsloser Spieler beim VfB II an, zählte ein halbes Jahr lang zum Kader, machte in der wegen der Coronapandemie abgebrochenen Regionalliga-Saison aber kein Pflichtspiel. Der 1,94-Meter-Hüne war eigentlich nur geholt worden, damit im Trainingsbetrieb genügend Torhüter zur Verfügung stehen, nachdem sich Stammkeeper Sebastian Hornung verletzt hatte. Umso überraschender ist seine aktuelle Entwicklung.
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Denn seit Donnerstagabend ist Baboucarr Gaye in Gambia ein Volksheld. Der Keeper, in Deutschland mittlerweile bei RW Koblenz in der Regionalliga Südwest unter Vertrag, machte sein sechstes Länderspiel für das Land und sein erstes überhaupt bei einem Afrika-Cup. Das Team aus Gambia, auch als die Skorpione bekannt, hatte schon zuvor zugestochen, war bereits vor dem Spiel gegen die favorisierten Tunesier für das Achtelfinale qualifiziert. Es ging zwischen den beiden Teams nun noch um Platz zwei und drei in der Gruppe F – und damit um die Möglichkeit, als Zweiter das Aufeinandertreffen mit der Mannschaft aus Nigeria zu vermeiden, dem Topfavoriten auf den Turniersieg. Baboucarr Gaye hatte in dem richtungweisenden Duell gleich mehrere große Auftritte.
In der 42. Minute fischte er einen Weitschuss der Tunesier mit einer starken Parade aus dem Winkel. Nach dem folgenden Zweikampf im Strafraum gab es Elfmeter für Tunesien. Aber Gaye war wieder auf dem Posten, tauchte in die Ecke ab und vereitelte erneut die Führung für die Nordafrikaner.
Am Montag geht es weiter für das Team aus Gambia
Auf dem Weg in die Kabinen gab es nach einer Rangelei den ersten Platzverweis für einen tunesischen (Ersatz-)Spieler, in der Schlussphase der Partie einen zweiten. Zwischenzeitlich hatte sich Gaye mehrfach mit guten Paraden und klugem Positionsspiel ausgezeichnet. Dann folgte die dritte Minute der Nachspielzeit. Mit einem Traumtor machte Ablie Jallow den 1:0-Sieg perfekt – Gambia hat sich bei seiner ersten Teilnahme am Afrika-Cup überhaupt als Gruppenzweiter fürs Achtelfinale qualifiziert, trifft am Montag (17 Uhr) auf Guinea.
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Ob Baboucarr Gaye dann auch wieder im Tor stehen wird? Ist offen. Umso mehr hat er genossen, was nach dem Spiel gegen Tunesien passiert ist. Der komplette gambische Tross stürzte auf ihn zu, um ihn zu feiern – denn alle wussten genau, wer maßgeblich zum größten Erfolg in der Fußballgeschichte Gambias beigetragen hatte: ein überragender Torhüter mit kurzer VfB-Geschichte.