Geld allein schießt keine Tore, aber höhere Einnahmen erhöhen die Chancen auf sportlichen Erfolg Foto: StN

Warum sollte es in der Bundesliga anders sein als im richtigen Leben? Mehr Geld, mehr Möglichkeiten. Der Mammon hat seit jeher einen Stammplatz im Fußball. Darüber entflammt immer wieder mal der Streit. Auch beim VfB Stuttgart.

Stuttgart - Die Menschen sind keine Engel. Das war schon immer so. Erst recht beim VfB Stuttgart. Der steckte Willy Rutz heimlich ein paar Reichsmark zu. Und das nicht nur, weil er es gut mit ihm meinte. Der junge Mann kam von der Spielvereinigung Cannstatt und stand im Ruf, ohne Kompass den Weg zum gegnerischen Tor zu finden.

Das elfte Gebot

1927 wurde der VfB württembergisch-badischer Meister. Rutz schoss 17 Tore. Dann gab es Stress: weil der Stürmer wohl ein paar Kreuzer mehr verlangte, der VfB aber keine mehr hatte. Rutz wechselte zu Rot-Weiß Frankfurt und arbeitete angeblich in einer Anwaltskanzlei. Das war keine gute Idee: Weil es im Fußball einen strengen Amateurstatus gab – und das elfte Gebot: Lass dich nicht erwischen!

Der VfB zeigte sich selbst an, kassierte eine zweimonatige Spielsperre und 2000 Reichsmark Strafe, kam nach einem Gnadengesuch aber mit einem blauen Auge davon. Rutz stand nie wieder auf dem Spielfeld, später arbeitete er als Trainer. Die Fußball-Geschichte weist ihn als den ersten deutschen Fußballprofi aus. Was damals nicht ganz hasenrein begann, mündete in einen Grundsatzkonflikt, der Fans und Vereine bis heute immer mal wieder beschäftigt: Wie viel Geld kann der Fußball vertragen?

Ulrich Ruf würde erwidern: falsche Frage! 35 Jahre lang lenkte er als Schatzmeister die Geldströme auf dem Cannstatter Wasen. 2015 wich der Herr der finanziellen Dinge mit der Überzeugung, dass der Mammon seinem Stammplatz verteidigen wird: „Das Geld ist da, es sucht sich einen Markt.“

Das Ende des Amateurismus

So war es schon 1963, als sich die Bundesliga und der Profifußball auch aus dem Bewusstsein heraus gründeten, dass die anschwellenden Geldflüsse die Dämme des Amateurismus längst durchbrochen hatten. Der damalige VfB-Präsident Fritz Walter schien das Ende jeder Vereinsromantik zu fürchten, als er klagte: „Wo nur das Geld im Vordergrund steht, muss der Idealismus, die Freude am Sport im eigentlichen Sinne, verloren gehen.“

Die Wettkämpfe mit anschließender Schunkelrunde im Clubhaus, einarmigem Reißen mit Bierkrug und vielstimmigem Absingen volkstümlicher Weisen waren endgültig vorbei. Und der weise Vereinschef sagte voraus, dass der VfB bald schon trennen müsse zwischen dem „geselligen Teil des Vereins und dem Teil mit Hochleistung. (...) Die Deutschen sind wahrscheinlich die Erfinder des Vereins und halten dazuhin viel von Tradition. (...) Es wird aber der Tag kommen, da die Profifußballabteilung sich vom alten Verein loslöst, sich eine geschäftliche Form gibt und völlig unabhängig wird.“ Der Mann war ein Hellseher.

Jägermeister auf der Brust

„Externe Unternehmen haben den Fußball früh als Plattform entdeckt, um Aufmerksamkeit zu generieren“, sagt Sebastian Uhrich, Professor am Institut für Sportökonomie und Sportmanagement an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Den ersten Meilenstein dieser Entwicklung setzte Günter Mast, der 1973 die breite Brust der Kicker von Eintracht Braunschweig nutzte, um seinen Jägermeister öffentlichkeitswirksam zu preisen. Der VfB Stuttgart besorgte in der Saison seines Wiederaufstiegs (1976/77) dem Nicky- und T-Shirt-Hersteller Frottesana einen positiven Imagetransfer – für ein nach heutigen Maßstäben bescheidenes Geld. Rund 50 000 Euro. Das Fernsehen knauserte: ARD und ZDF überwiesen der Liga 650 00 DM (ca. 325 000 Euro) pro Saison, für den VfB blieben rund 30 000 Euro.

Explosion der TV-Einnahmen

Zum Vergleich: Im aktuellen Fernsehvertrag verteilt die Deutsche Fußball-Liga 1,16 Milliarden Euro pro Saison (drei Milliarden Euro in England). Läuft die Saison weiter so positiv wie zuletzt, kassiert der Wiederaufsteiger VfB Stuttgart über 40 Millionen Euro.

Möglich machten die Explosion der Preise die Einführung der konkurrierenden privaten Rundfunksender Ende der Achtzigerjahre und des Bezahlfernsehens. „Das Fernsehen ist bis heute der größte Preistreiber“, sagt Ulrich Ruf. Sebastian Uhrich weist auf den Reichweitenhebel hin. „Ein Sponsor erreicht nicht nur die 50 000 Zuschauer im Stadion, das Fernsehen kann ihn um die ganze Welt tragen.“

Jetzt kommt Netflix

Ein Ende der Entwicklung ist nicht in Sicht. Wenn in den kommenden Jahren neben Sky, Eurosport, Dazn und Telekom wie angekündigt noch Amazon, Netflix und Apple den Medieninhalt Fußball für ihre digitale Verbreitung nutzen, werden die Einnahmen für die Vermarktungsrechte nach Experten-Meinung durch die Decke gehen.

Profiteure umschwärmen die Bundesliga schon jetzt wie die Motten das Licht. Profis wie Karl Allgöwer oder Hermann Ohlicher verhandelten ihre Verträge in den Achtzigern noch selbst. Heute reisen Anwälte, Berater, Medien- und Vermarktungsexperten im Rudel an. Sie verhandeln heikle Konstrukte mit Klauseln, Tantiemen, Rechten und Laufzeiten – ihr Anteil: zehn Prozent.

Eine Null zu wenig

Ein Topmann wie Weltmeister und VfB-Ikone Guido Buchwald verdiente anfang der Neunzigerjahre schätzungsweise rund 200 000 Euro pro Jahr, inklusive aller Nebengeräusche. Inzwischen ist es eher so, wie einst der Vater von Hansi Müller scherzte, als der Jungstar 1975 seinen ersten Profivertrag im Büro des VfB-Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder unterschrieb: „Das Gehalt ist in Ordnung. Ich hab’ nur noch eine Null hinten angefügt.“

Dieser Tage entschied die Versammlung der Liga-Granden, die 50+1-Regel zu festigen. Sie verwehrt die Investoren die Übernahme der Mehrheitsanteile an den Fußball-Kapitalgesellschaften der Clubs. Das klingt kompliziert, schützt aber vor grobem Unfug, weil der Verein weiter das Sagen hat und nicht der Geldgeber. Anders ausgedrückt: Der Scheich ist reich. Und könnte auf die Idee kommen, lieber Kamelrennen als Fußballspiele zu veranstalten. Teile der Fan-Gemeinden gingen zuletzt auf die Barrikaden, um das Kulturgut Fußball vor dem Einfluss zweifelhafter Investoren zu schützen. „Die Deutsche Fußball-Liga“, beschwichtigt Ulrich Ruf, „handelt mit Bedacht“.

Furcht vor Übertreibungen

Ob das auf Dauer reichen wird, ist eine andere Frage. Der Ökonom Sebastian Uhrich weiß um die Kräfte des Marktes: „Die Eventisierung in den Stadien wird sich fortsetzen. Ich kann mir vorstellen, dass es die aktuelle Fankultur in zehn, zwanzig Jahren so gar nicht mehr geben wird.“ Fußball wird vollends zum globalen Ereignis, international vermarktet, digital zu konsumieren.

Für Fußball-Puristen eine Horrorvorstellung. Der Böblinger Unternehmer Claus Vogt kämpft mit seiner Initiative FC PlayFair gegen solche Szenarien. Ende des Monats entscheidet sich, ob sein Antrag, die Fankultur des Fußballs auf die Unesco-Liste der schützenswerten Bewegungen zu setzen, eine Chance hat. Vogt sagt: „Geld im Fußball ist an und für sich nichts Schlechtes.“ Er warnt aber vor Übertreibungen.

Der uralte Streit ist niemals zu Ende.

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