Etwa 26 Zentimeter hoch mit einen Durchmesser von gut 19,7 Zentimetern: Ein römisches Gesichtsgefäß aus dem zweiten oder dritten Jahrhundert wird im Esslinger Stadtmuseum gezeigt. Foto: Michael Saile Fotografie

Eine Keramik mit Mund, Nase, Augen und einem männlichen Geschlechtsorgan wurde bei Oberesslingen ausgegraben. Sie ist im Stadtmuseum zu sehen. Was steckt hinter der Verzierung?

Erstaunen? Erschrecken? Erschauern? Schwer zu sagen. Der Ausdruck des stilisierten Gesichts auf einem 1910 bei Oberesslingen entdeckten römischen Gefäß wirkt undurchdringlich. Was bedeuten Augen, Mund und Nase? Und welchen Sinn hat der erigierte Phallus in unmittelbarer Nähe? Die rätselhafte Keramik ist ab Dienstag, 2. Dezember, im Stadtmuseum „Gelbes Haus“ am Hafenmarkt in Esslingen zu sehen.

 

Knopfaugen wie George Clooney, ein Schmollmund wie Brigitte Bardot, buschige Augenbrauen wie Theo Waigel, eine Nase wie Thomas Gottschalk – das dickbauchige Gefäß aus dem zweiten oder dritten Jahrhundert nach Christus weist besondere Gesichtspunkte auf. Eigenartig mutet es an. Einzigartig ist es aber nicht. Römische Behältnisse mit Gesichtsdarstellungen, sagt Thomas Schierl vom Landesamt für Denkmalpflege, seien aus vielen Reichsteilen vor allem aus der Zeit vom ersten bis vierten Jahrhundert bekannt. Eine regionale Besonderheit sei das nicht.

Thomas Schierl, Archäologe am Landesamt für Denkmalpflege, beschäftigt sich seit Jahren in seinen Forschungen mit der römischen Kaiserzeit. Foto: privat

Der plastisch ausgearbeitete Phallus in unmittelbarer Nähe des Gesichts ist laut dem Archäologen ebenfalls nichts Ungewöhnliches. Solche Darstellungen fänden sich auch auf Amuletten, Pferdegeschirr oder „als frivole Aufhängung für Glöckchen“ im Römischen Reich. Entdeckt wurde die auffallend dekorierte Keramik 1910 bei Ausgrabungen im Bereich einer römischen Villa Rustica, einer Art Landgutshof, südöstlich der Kirche von Oberesslingen. Zusammen mit diesem Fund seien auch andere Spuren einer römischen Besiedelung ans Tageslicht gekommen.

Römische Keramik aus Oberesslingen: Lebensmitteldepot oder Opfergabe?

Ein männliches Geschlechtsorgan und Gesichtsteile auf einem Gefäß? Thomas Schierl kann sich viele Erklärungen dafür vorstellen. Die Keramik könne auch multifunktional eingesetzt worden sein. In der römischen Welt seien Gefäße nicht immer für denselben Zweck genutzt worden. Oft habe bewusst eine Doppeldeutigkeit erzeugt werden sollen. „Vielleicht sollten das wachsame Gesicht und der erigierte Penis einen potenziellen Dieb davon abhalten, den Inhalt zu stehlen“, vermutet der Archäologe. Doch nicht nur als nostalgische Alarmanlage mag die Keramik genutzt worden sein. „Wahrscheinlicher dürfte jedoch gewesen sein, dass man ein Verderben der Füllung verhindern wollte“. Darüber hinaus nennt der Experte eine weitere Möglichkeit: „Die auffälligen Gesichter könnten auch auf eine Funktion als Scherzgefäße für gesellige Runden am Tisch hindeuten.“

Vielleicht war die Funktion der Verzierung aber auch ernster. Dem männlichen Geschlechtsorgan wird laut Schierl eine Unheil abwehrende Wirkung zugeschrieben. Denkbar sei zudem eine rituelle Nutzung des seltsam verzierten Gefäßes. Die Keramik wurde nach Ansicht des Archäologen wohl absichtlich vergraben. Gefunden wurde sie in dem verfüllten Teil einer Heizungsanlage unter einem Mauerzug im Nordwesten des römischen Gehöftes. Die Heizung wurde vermutlich wegen einer Umgestaltung des Wohnbereichs außer Betrieb gesetzt. Die Deponierung des Gesichtsgefäßes während der Umbauarbeiten lässt Schierl auf ein Bauopfer schließen, „wie es ähnlich aus anderen Gegenden des Römischen Reiches bekannt geworden ist“. Diese Gaben an höhere Mächte sollten den dauerhaften Erhalt des Gebäudes sichern und dem Schutz des Bauwerks dienen.

Zwei ähnlich gestaltete römische Gefäße wurden in der Nähe eines ehemaligen Gutshofes bei der Kirche in Oberesslingen gefunden. Foto: D. Wolf

Entdeckung einer römischen Villa in Oberesslingen im Jahr 1910

Geholfen hat es jedoch nichts. Dem Gebäude war kein dauerhafter Bestand vergönnt. Im Umfeld des Landhauses gefundene Teile von Schwertern deuten auf Turbulenzen und unruhige Zeiten hin, meint Thomas Schierl. Waffen kamen seinen Angaben zu Folge in römischen Villen vor allem in ihrer Spätphase im ausgehenden zweiten und in der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts zum Einsatz: „Ins Römische Reich einfallende Germanen, innere Unruhen und reduzierte Kastellbesatzungen mögen in jenen Jahren eine gesteigerte Verteidigungsfähigkeit von Nöten gemacht haben.“ Spätestens im Jahr 260 mit dem Fall des Limes, des römischen Grenzwalles, wurde seiner Einschätzung nach das Anwesen aufgegeben.

Die Bewohner verschwanden. Der Platz wurde erst im Mittelalter wieder besiedelt. Spuren wie die Gesichtskeramik sind geblieben. Ein weiteres Exemplar wurde laut Thomas Schierl ebenfalls in Oberesslingen entdeckt. Die starke Ähnlichkeit beider Gefäße deute auf eine Fertigung in derselben Werkstatt hin: „Vielleicht im heutigen Köngen, Bad Cannstatt oder Waiblingen. Möglicherweise wurden sie auch zusammen erworben, vielleicht sogar als Set in einem rituellen Kontext verwendet.“ Auch über 100 Jahre nach ihrer Entdeckung geben sie noch Rätsel auf.

Römische Wohnkultur in Oberesslingen

Gutshof
Bei der Villa Rustica in der Nähe der Kirche in Oberesslingen, aus der die Funde stammen, hat es sich laut Thomas Schierl wohl um eine fast rechteckige Anlage gehandelt, die mehrfach umgebaut worden war. Ein beheizbarer Raum im Nordwesten könne zu einem Bad gehört haben, an das sich weitere Räume eines Wohntraktes nach Süden hin anschlossen. Dank der Initiative des Esslinger Altertumsvereins seien nach der Entdeckung 1910 große Teile des Gebäudekomplexes dokumentiert worden.

Exponat
Unter dem Titel „Historische Schätze“ zeigen die Städtischen Museen Esslingen Objekte und Neuerwerbungen. Zudem werden Schätze aus dem Fundus des Stadtarchivs und des Esslinger Geschichts- und Altertumsvereins präsentiert. Die Objekte sind vom ersten Dienstag des Monats an im Gelben Haus am Hafenmarkt zu sehen. Mehr unter www.museen.esslingen.de.