Camp-David-Abkommen: Ägyptens Präsident Anwar El Sadat (li.), US-Präsident Jimmy Carter und der israelische Ministerpräsident Menachem Begin (re.) nach der Unterzeichnung des ägyptisch-israelischen Friedensvertrages vor dem Weißen Haus in Washington (Archivfoto vom 26. März 1979). Foto: dpa

Izzeldin Abuelaish ist in ärmlichen Verhältnissen im Gazastreifen groß geworden. Lange hat  er unter der israelischen Besatzung gelitten. Drei seiner Töchter wurden von israelischen Raketen getötet. Trotzdem setzt er sich für Frieden und Versöhnung ein.

Stuttgart - „Leben ist das, was wir daraus machen“, sagt Izzeldin Abuelaish (60) im Gespräch mit den Stuttgarter Nachrichten. Es ist ein Satz, der wie eine Überschrift über dem Leben des Palästinensers aus dem Gazastreifen stehen könnte. Der Mediziner versuchte immer, das Beste aus dem zu machen, was ihm das Leben bot. Trotz widriger Bedingungen und Schicksalsschlägen. Wer seine Geschichte hört, weiß, dass Abuelaish allen Grund gehabt hätte, verbittert zu werden oder aufzugeben. Aber das ist für ihn keine Option. Schwäche ist ein Gefühl, das er sich nicht erlaubt.

Er beschreibt sich als „hoffnungsvoll, entschlossen, optimistisch“ und sagt: „Ich vermisse meine drei Töchter, aber sie leben in mir weiter. Rache bringt sie nicht zurück.“ Es scheint, als habe ihn der Tod der Mädchen in seinem Kampf für die Versöhnung mit Israel­ noch stärker gemacht. „Frieden ist möglich“, sagt er mit fester Stimme. Davon lässt er sich nicht abbringen – auch wenn der seit Jahrzehnten schwelende Konflikt mit unzähligen Toten und Verletzen andere zum Verzweifeln bringen mag.

„Du sollst nicht hassen“

Die Botschaft von Abuelaish ist simpel: „Du sollst nicht hassen.“ Es klingt wie ein biblisches Gebot. Abuelaish ist Moslem und schöpft aus seinem Glauben viel Kraft. „Du sollst nicht hassen“, dieser Satz ist auch Titel­ seiner Lebensgeschichte, die er 2011 veröffentlichte (zurzeit nur als als E-Book erhältlich bei Bastei-Lübbe, 9,99 Euro). Daraus wurde auch ein Theaterstück, das im Theaterhaus Stuttgart zu sehen ist. Die nächsten Vorstellungen sind am 15. und 16. Januar. Zur Premiere kam Abuelaish aus dem kanadischen Toronto, wo er inzwischen mit Familie lebt und arbeitet, nach Stuttgart und nahm sich Zeit für ein Gespräch. Dunkler Anzug, gepunktete Krawatte, weißes Einstecktuch – ein vornehmer Herr.

Der Aufstieg ist ihm keineswegs vorgezeichnet, als er 1954 im Flüchtlingscamp Jabaliya im Gazastreifen zur Welt kommt. Auf diesem Stückchen Land – gerade mal 40 Kilometer lang und maximal 14 Kilometer breit – leben unter israelischer Besatzung 1,5 Millionen Menschen. Die Lebensbedingungen im „dichtbesiedeltsten Gefängnis der Welt“, so Abuelaish, sind unerträglich. Das beklagen auch Hilfsorganisationen immer wieder­. Stromausfälle, Arbeitslosigkeit, Armut, Hunger und Perspektivlosigkeit prägen den Alltag. Drei auf drei Meter umfasst der Raum, in dem Abuelaishs Familie jahrelang lebt, nachdem sie aus ihrem Heimatdorf vertrieben wurde – eine Folge der Gründung Israels­ im Jahr 1948. Den Hof bekommen israelische­ Siedler.

Die Familie flieht mit ihren neun Kindern ins Flüchtlingscamp, schläft auf einer Matratze, das jüngste Kind in der Waschschüssel. Es gibt weder Strom noch Wasser. Schon früh muss Abuelaish als ältester­ Sohn zum Lebensunterhalt beitragen. Der Gestank der Latrinen, der nagende Schmerz des Hungers und die Erschöpfung nach dem Milchverkaufen, zu dem Abuelaish als kleiner Junge mitten in der Nacht von der Mutter geweckt wird – „diese Eindrücke gehören zu meinen stärksten Erinnerungen an die Kindheit“.

„Der Traum, Arzt zu werden“

Schon damals wird ihm klar, dass Bildung „ein Schlüssel zu vielen Möglichkeiten“ ist. Ein Lehrer vermittelt dem Erstklässler, dass „ich alles lernen konnte, was ich lernen wollte, und alles werden konnte, was ich werden wollte“. Aus dem Camp herauszukommen, das treibt ihn an. Als er wegen entzündeter Gelenke ins Krankenhaus muss, fasziniert ihn der Alltag dort: „Die Begegnungen mit Ärzten und Krankenschwestern haben in mir den Traum geweckt, Arzt zu werden.“

Nach einem Medizinstudium in Kairo, Fortbildungen in England und den USA sowie einigen Jahren Auslandstätigkeit wird Abuelaish 1997 der erste palästinensische Arzt in einer israelischen Klinik. Mit seiner Frau und den acht Kindern lebt er nun wieder in Gaza und gehört zu den wenigen Palästinensern, die die Erlaubnis haben, in Israel­ zu arbeiten. Er spricht fließend ­Hebräisch, ist unter israelischen Kollegen ein hoch geschätzter Gynäkologe und als Mann des Ausgleichs bekannt. Die Pendelei zur Klinik wird jedoch zur Qual. Die Grenzübergänge zu passieren dauert Stunden. „Es fällt zivilisierten Menschen schwer zu glauben, was hier vor sich geht. Die Demütigung, die Angst, die physischen Erschwernisse, die Möglichkeit, ohne jeden Grund aufgehalten und zurückgeschickt zu werden“, schreibt er in seiner Autobiografie.

Die Hamas und das Ende politischer Ambitionen

2006 bewirbt er sich als unabhängiger Kandidat um ein politisches Mandat. Der Sieg der radikalen Palästinenser-Organisation Hamas hat diese Ambitionen aber beendet. Als die Lebensbedingungen immer schwieriger werden, nimmt Abuelaish 2008 das Angebot an, im Ausland zu arbeiten. In Brüssel erfährt er, dass seine Frau an akuter Leukämie erkrankt ist. So schnell wie möglich will er zurück, doch die Rückreise wird zum Albtraum. Palästinenser dürfen nur über Jordanien nach Israel­ einreisen. Dieser Umweg und stundenlange Grenzkontrollen verzögern die Fahrt. Wenige Tage bevor seine Frau Nadia stirbt, erreicht er schließlich ihr Krankenbett in Tel Aviv. Ihren Kindern wird die Ausreise von Gaza nicht erlaubt. Fortan sind die acht Geschwister im Alter von sechs bis 21 Jahren ohne Mutter.

Nur wenige Monate danach erschüttert die Familie der zweite Schicksalsschlag. Am 16. Januar 2009 treffen israelische Raketen ihr Wohnhaus. Drei Töchter sterben – Bisan (21), eine Friedensaktivistin, Mayar (15) und Aya (14). Auch eine Nichte wird getötet. „Ich möchte niemand zumuten, das zu sehen, was ich gesehen habe“, erzählt Abuelaish. An diesem Tag erlangt er traurige Berühmtheit: Direkt nach dem Angriff wird er per Telefon live in ein israelisches Fernsehstudio geschaltet. Eigentlich hätte der „Gaza-Doktor“, wie er genannt wird, über die Lebensbedingungen in Gaza berichten sollen. Aufgelöst schreit er ins Telefon: „Was haben wir euch getan? Die Kinder waren unschuldig­!“ Minutenlang bleibt der verzweifelte Vater auf Sendung. Die Fernsehbilder gehen um die Welt. Dem israelischen Moderator gelingt es, beim Militär für einen schnellen Abtransport der Verletzten zu sorgen. So kommen die Überlebenden seiner Familie, darunter eine schwer verletzte Tochter, in eine Klinik in Tel Aviv.

„Es gab keine Entschuldigung“

Trotz des unvorstellbaren Verlustes hat Abuelaish­ keine Rachegedanken. Er fordert aber, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. „Von israelischer Seite gab es für den Angriff nie eine Erklärung, geschweige denn eine Entschuldigung“, sagt er. Dass seine Töchter nur Zähleinheiten auf der langen Liste unschuldiger palästinensischer Opfer sind, will Abuelaish nicht akzeptieren. Im Namen seiner Töchter gründete er daher 2010 eine Stiftung, die sich für die Bildung junger Frauen im Nahen Osten einsetzt – Daughters for Life, auf Deutsch: Töchter für das Leben. Abuelaish, der bisher dreimal für den Friedensnobelpreis nominiert war, wirbt derweil weltweit für den Ausgleich zwischen Israel und Palästina – im Rahmen einer Zwei-Staaten-Lösung. Er fordert ein Ende der Besatzung: „Freiheit ist das heiligste Gut. Ein Israeli kann überall hingehen, ein Palästinenser nicht.“