Fünf Jahre nach Winnenden Amok-Opfer werden entschädigt

Von George Stavrakis 

Gedenken an die Opfer des Amoklaufs – jetzt werden Entschädigungen bezahlt Foto: dpa
Gedenken an die Opfer des Amoklaufs – jetzt werden Entschädigungen bezahlt Foto: dpa

Am 11. März 2009 ist für viele Menschen im Rems-Murr-Kreis und im Kreis Esslingen eine Welt zusammengebrochen. Es war der Tag des Amoklaufs von Winnenden und Wendlingen. Jetzt, nach jahrelangen, zähen Verhandlungen, werden die Opfer entschädigt

STUTTGART/WINNENDEN - Fast fünf Jahre sind seit dem verheerenden Amoklauf von Winnenden und Wendlingen vergangen. Am 11. März 2009 hatte der Schüler Tim K. 15 Menschen und schließlich sich selbst erschossen. Jetzt scheint der zivilrechtliche Streit um Schadenersatz und Schmerzensgeld ein Ende zu finden – zumindest was die Opfer betrifft. „Wir rechnen damit, dass in wenigen Tagen das erste Geld ausbezahlt wird“, sagt Rechtsanwalt Jens Rabe, dessen Kanzlei Künzel und Partner mehr als zwei Dutzend Geschädigte, also damals verletzte Kinder, Eltern getöteter Kinder und verletzte Polizeibeamte, vertritt.

Damit dürfte der Vorwurf eines der Opfer aus der Welt geschaffen werden. Vergangene Woche hatten die Anwälte von Jörg K., dem Vater des Amokschützen, mitgeteilt, man habe vor dem Oberlandesgericht (OLG) Stuttgart einen Teilerfolg errungen. Der Vater von Tim K. will Therapeuten der Jugendpsychiatrie in Weinsberg verklagen, weil diese seinen damals von Tötungsfantasien sprechenden Sohn nicht richtig behandelt und somit eine Teilschuld an dem Amoklauf hätten. Die Rechtsschutzversicherung von Jörg K. will die Kosten des Rechtsstreits nicht tragen, weil keine Aussicht auf Erfolg bestehe. Das sieht das OLG anders.

Die Reaktion eines Geschädigten darauf: Fakt sei, dass keines der Opfer des Amoklaufs bis dato auch nur einen Cent erhalten hätte. Den Anwälten des rechtskräftig wegen fahrlässiger Tötung verurteilten Jörg K. wirft der Mann „Zermürbungstaktik“ vor. Das sei ein erneuter Schlag ins Gesicht der Opfer, so der Mann bitter.

Tatsächlich handelt es sich um eine juristisch komplizierte Gemengelage. Die Versicherung von Jörg K. hat von Anfang an klargestellt, der Entschädigungstopf für Personenschäden beinhalte zwei Millionen Euro – mehr nicht. Da ist aber noch die Stadt Winnenden, die unter anderem für den Umbau der Albertville-Realschule rund neun Millionen Euro geltend macht. Auch die Unfallkasse Baden-Württemberg hat Ansprüche an Jörg K. Die Kasse will Heilbehandlungskosten erstattet haben, die sie für mehrere Opfer bezahlt hat.

Die Anwälte scheinen den Knoten jetzt durchschlagen zu haben. Die Stadt Winnenden hat zugunsten der Opfer zurückgezogen. Der Gemeinderat berät in nichtöffentlicher Sitzung das weitere Vorgehen.

Die Unfallkasse hatte ihre Ansprüche ebenfalls zurückgezogen und am vergangenen Freitag eine eigene Klage gegen die Familie K. beim Landgericht Stuttgart eingereicht. „Unsere Forderung beläuft sich auf 700 000 Euro“, sagt Klaus-Peter Flieger, Sprecher der Unfallkasse.

Damit war der Weg für die Hinterbliebenen und Verletzten frei. „Wir haben alles schriftlich, alles ist in trockenen Tüchern“, sagt Jens Rabe. Einige seiner Mandanten bekommen 5000 Euro, die meisten jedoch zwischen 20 000 und 25 000 Euro Schmerzensgeld und Schadenersatz. Im Falle der Erwerbsunfähigkeit wird eine sechsstellige Summe ausbezahlt. Insgesamt werden laut Rabe rund zwei Millionen Euro fließen.

Das Einzige, was ihm ein bisschen Sorgen macht: „Es könnte sein, dass Unmut aufkommt, weil einige mehr als andere bekommen“, so der Anwalt. Das sei jedoch nicht zu ändern. Das menschliche Leid sei ohnehin nicht mit Geld aufzuwiegen. Und bei solch einer komplizierten Sachlage müsse die Versicherung irgendwann eben rein formaljuristisch vorgehen.

In Winnenden wird die Einigung mit der Versicherung unter den Angehörigen der Opfer noch mit Zurückhaltung aufgenommen. Genauere Auskünfte des Rechtsanwalts habe man bisher noch gar nicht erhalten, berichtet Doris Kleisch, Mutter der am 11. März 2009 getöteten 16-jährigen Steffi. Sie möchte sich deshalb öffentlich derzeit nicht äußern. Hardy Schober, Vater der beim Amoklauf ermordeten Jana, ist immerhin froh, dass zumindest in diesem Punkt die ziemlich langen juristischen Auseinandersetzungen nun beendet sein dürften. Seiner Information nach hat sich die Versicherung mit allen 56 Personen geeinigt. Generell sagt Schober, der zugleich Vorstandsvorsitzender des Aktionsbündnisses Amoklauf, Stiftung gegen Gewalt an Schulen, ist: „Ich denke, dass sehr viele Antragsteller in ihren eigenen Forderungen runtergegangen sind, damit jeder berücksichtigt werden konnte.“

Dass es unterschiedliche Beträge gebe, ist für Schober nachvollziehbar. Schließlich seien Schwerverletzte darunter, wie etwa eine Polizistin, die ihren Beruf nicht mehr ausüben könne. Und in Wendlingen sei „ja der Ernährer ausgefallen“. Insgesamt ist es nach Schobers Einschätzung „eine Herkulesaufgabe“ gewesen, alle knapp 60 Forderungen der Opferangehörigen zu befriedigen. Manche seien wohl zu spät mit ihren Forderungen gekommen, die wurden nicht berücksichtigt. Einerseits habe ihn die Versicherung enttäuscht, weil sie in diesen Fällen „von ihrem Verjährungsrecht Gebrauch gemacht hat“. Andererseits sagt Schober, er könne über die Versicherung „nichts Negatives sagen“, Diese sei „im Großen und Ganzen schon kooperativ gewesen“.

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