Greta Nestele aus Holzgerlingen hat sechs Kinder, zwölf Enkel, 21 Urenkel und zwei Ururenkel. Die Seniorin ist das Zentrum einer Großfamilie, die eng zusammenhält.
Das kleine CVJM-Haus in Magstadt ist rappelvoll mit Menschen, 40 sind es bestimmt. Fast jeder, der hereinkommt, geht auf Greta Nestele zu, nimmt sie in den Arm oder berührt ihre Schulter und sagt: „Hallo Oma.“ Für manche ist es die Oma, für andere die Uroma, für zwei kleine Menschen sogar die Ururoma. „Wir sagen aber alle Oma, sonst ist es zu kompliziert“, sagt Sophie Kurz.
Die 22-Jährige hat zu dem Fest eingeladen, denn ihr Sohn Liyan feiert seinen ersten Geburtstag. Eigentlich ist er an diesem Tag die Hauptperson, trotzdem kreisen alle um seine Ururoma. „Sie ist unser Zentrum“, sagt Robert Zuckriegel, einer der Enkel. „Sie ist der Stamm, wir sind die Äste.“
Alles dreht sich um die Ururoma
Und Äste gibt es viele: Greta Nestele hat sechs Kinder, zwölf Enkel, 21 Urenkel und zwei Ururenkel. Dabei ist die Seniorin nicht über hundert, sondern gerade einmal 85 Jahre alt. Fast ihr ganzes Leben hat sie in Holzgerlingen verbracht, ein Großteil ihrer Kinder und Kindeskinder lebt im engen Umkreis um sie herum. Ihr Ururenkel Liyan wohnt sogar im selben Wohnblock, eine der Töchter gegenüber. Die zweijährige Ururenkelin Zayra lebt „leider weit weg“: in Stuttgart. Fast immer ist irgendein Familienmitglied bei der Seniorin zu Besuch, meistens mehrere. „Jeder, der in der Nähe ist, macht einen Abstecher zu ihr“, sagt ihre Tochter Sonja Cieslik (68).
Das war schon früher so. Robert Zuckriegel erinnert sich an viele Nachmittage, die er bei seiner Oma verbracht hat. „Wenn’s daheim Theater gab, bist du zur Oma“, sagt der 42-Jährige und schwärmt von Omas Pfannkuchen. „Oma war der Treffpunkt für uns alle. Der Schlüssel hat gesteckt, die Bude war immer voll.“ Greta Nestele nickt. Halligalli sei das gewesen, als alle klein waren. Es störte sie nie, viele Kinder um sich herum zu haben. Auch ihren Enkel Louis, den Sohn ihrer jüngsten Tochter Bianca, zog sie groß, als ihre Tochter in der Ausbildung steckte. Heute sei sie froh, wenn sie ihre Ruhe habe. „Die Ausdauer ist nicht mehr so da“, sagt sie.
„Sie ist der Stamm, wir sind die Äste.“
Robert Zuckriegel über seine Oma
Greta Nestele blickt auf ein volles Leben zurück. Glück und Kummer, Entbehrung und Erfüllung, alles war dabei. Mit acht Jahren flieht sie mit ihren Eltern und acht Geschwistern aus Stettin nach Binz auf Rügen. Später ziehen sie nach Frankfurt, dann nach Rottenburg am Neckar. 1957, mit 17 Jahren, heiratet sie in Holzgerlingen einen Schwaben und bekommt ihr erstes Kind. Unterstützung von der Familie gibt es nicht, „die hatten mit sich zu tun“. Aber die jungen Eltern kommen zurecht. „Das war anders, wir waren alle reifer“, sagt Nestele.
Das erste Kind bekommt sie mit 17, das sechste mit 38 Jahren
Zu dritt leben sie in einem Zimmer, ihr Mann ist tagsüber auf dem Bau. Ein Jahr später kommt die zweite Tochter zur Welt, weitere Kinder folgen 1960, 1962, 1967, eine Nachzüglerin 1978. Der Alltag der Familie besteht daraus, über die Runden zu kommen. „Mein Mann hat 80 Mark heimgebracht, da hatte ich schon drei Kinder“, sagt Nestele. Von Hand wäscht sie die Wäsche am Waschbrett, „beim vierten Kind gab’s die Waschmaschine“. Mit den Kindern läuft sie Äcker ab, um Körner aufzusammeln, und tauscht sie gegen Öl. „Ich bin nicht zum Amt gegangen, lieber bin ich raus auf die Felder“, sagt sie. Später geht sie putzen, arbeitet in einer Metzgerei. Erst mit 76 Jahren hört sie auf zu arbeiten.
Ein Elend sei’s gewesen, sagt die 85-Jährige über die längst vergangenen Jahre, trotzdem erinnert sie sich gerne daran. „Es waren schöne Zeiten, schöner als heute.“ Dass sie viel entbehren musste, empfindet sie nicht als Opfer. In den Urlaub fuhr sie einmal im Leben für eine Woche nach Österreich. „Das war eigentlich zu viel, finanziell, da haben wir gesagt, das passiert uns nicht mehr.“
Unerschütterlicher Lebensmut: „Ich lass’ mich nicht geh’n“
Leise wird die lebhafte Dame, als sie vom Tod eines ihrer Kinder erzählt. Udo, ihr Viertgeborener, starb mit 13 Jahren bei einem Unfall. Auch später musste sie Kummer ertragen, alle ihre Geschwister sind tot, ihr Mann starb und Schwiegersöhne. „Es tut weh, wenn man die Kinder im Elend sieht“, sagt sie. Um ihre eigene Gesundheit ist es nicht gut bestellt, sie zählt eine Lungenentzündung, mehrere Herzinfarkte und Herz-OPs auf. „Ich jammer’ halt nicht. Ich lass’ mich nicht geh’n, ich mach’ so“, sagt sie und reckt lachend die Faust in die Luft.
Hilfe der Kinder nimmt sie nur an, wenn es nicht anders geht, beim Fenster putzen zum Beispiel. Dass alle für sie da sind, sollte der Alltag beschwerlicher werden, ist für die Großfamilie selbstverständlich. „Wir helfen, das bleibt auch so“, sagt ihre Tochter Sonja Cieslik.
Ein Leben als Großfamilie
Zusammenhalt
Wie viele Personen die Familie rund um Greta Nestele zählt, weiß keiner so genau. Die Ururoma schätzt 45, ihre Tochter tippt auf mehr. „Ich zähle ohne Partner, die bringen die halt mit, aber mit denen hab ich nichts zu tun“, sagt Greta Nestele und sorgt in ihrer Familie für Lacher. Böse ist ihr niemand, denn das zeichnet die Großfamilie aus: „Wir sind nicht nachtragend“, sagt die Enkelin Corinna Cieslik.
Generationentausch
Greta Nesteles Enkelin Nicole Kurz ist in der außergewöhnlichen Lage, mit 51 Jahren eine Oma zu haben und selbst Oma zu sein. Sie hat eine ganz besondere Erinnerung an ihre Großmutter: „Sie ist mit 38 nochmal Mutter geworden, da war ich vier Jahre alt.“ Sie habe noch das Bild im Kopf, wie ihre Oma ihre Tante stillte. Vier von Greta Nesteles Enkeln sind älter als ihre jüngste Tochter Bianca.