Was ist, wenn die Kanzlerin geht? Die CDU hat keine einfache Antwort auf die Frage. Foto: dpa

Auf die Frage, wer Angela Merkel nachfolgen soll, ist die CDU nicht vorbereitet. Dennoch gibt es einen klaren Favoriten für den Posten mit der Richtlinienkompetenz.

Berlin - Wenn ein neuer Kanzler gebraucht wird, findet sich auch einer. Auf diesen Grundsatz kann sich selbst die CDU verlassen, wenn sie Ersatz sorgen müsste, weil Angela Merkel im Streit mit der CSU um die Flüchtlingspolitik ihren Posten als Regierungschefin doch noch verliert. 18 Jahre nachdem Merkel CDU-Vorsitzende geworden ist, 13 Jahre nachdem sie den Job mit der Richtlinienkompetenz übernommen hat und gut hundert Tage nachdem ihr viertes Kabinett mit der Arbeit begonnen hat, ist Merkels Partei darauf allerdings nicht gut vorbereitet. Die CDU müsste diese Personalentscheidung auf Grundlage einer sehr ausgedünnten Führungsreserve treffen.

Keine üppige Führungsreserve

Die Zeiten, als die Union auf eine starke Riege erfahrener Ministerpräsidenten oder auf eine ordentliche Zahl starker Minister aus dem Bundeskabinett zurückgreifen konnte, um den wichtigsten Machtposten der Republik zu besetzen, sind lange vorbei. In den Ländern gab es viele Regierungswechsel, sodass die CDU überhaupt nur zwei gestandene Landesväter mit langer Regierungserfahrung aufbieten kann. Und weder der Hesse Volker Bouffier noch sein sachsen-anhaltinische Kollege Reiner Haseloff haben in den vergangenen Jahren bundesweite Strahlkraft entwickelt. Auf Bundesebene hätten der frühere Verteidigungs- und Innenminister Thomas de Maiziere sowie die amtierende Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen durchaus die Möglichkeit gehabt, ins Kanzlerinnen-Nachfolgeformat hineinzuwachsen. Beide haben es aus unterschiedlichen Gründen nicht geschafft und sind an der Chance gescheitert.

Der Favorit der Fraktion

Auch deshalb würde Merkel im Moment kein geordneter Rückzug aus der Politik und ihrer Partei kein völlig geordneter Übergang in die Nach-Merkel-Ära gelingen. Viel Sympathie genießt in der CDU die Variante, dass Wolfgang Schäuble mit seinen 45 Abgeordneten- und fast zwanzig Ministerjahren auf dem Buckel für eine Übergangszeit Merkels Nachfolger im Kanzleramt wird. Schäuble hat Autorität nach innen und nach außen. In Europa ist der 75-jährige Badener ein Schwergewicht, und in der Union hat er so viel Autorität, dass er innerhalb der CDU integrieren kann und auch zwischen den aktuell verfeindeten Schwestern Brücken bauen könnte. Wenn Schäubles Gesundheit mitspielt, wäre es mit Angela Merkels Sturz wahrscheinlich, dass er seinen eigentlich schon begrabenen Lebenstraum von der Kanzlerschaft doch noch verwirklichen kann.

Die Wunschkandidatin der Kanzlerin

Denkbar ist auch, dass die CDU-Generalsekretärin und vormalige Saar-Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer zum Zuge kommt. Sie ist die Frau, die Angela Merkel zu ihrer Wunschnachfolgerin aufbauen wollte – was in Merkel-kritischen Teilen der CDU, die sich eine konservative Erneuerung ihrer Partei wünschen, allerdings eher als Gegenargument gewertet wird. Aber die 56-Jährige hat im Saarland wichtige Wahlen gewonnen und dem ehemaligen SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz im vergangenen Jahr die erste schwere Niederlage beigebracht. Merkels Sturz kommt für sie eigentlich zu früh. Dennoch hat sich „akk“ seit ihrem Wechsel von der gut dotierten Saar-Regierungschefin zur CDU-Generalsekretärin innerhalb der CDU viel Sympathie erarbeitet.

Außenseiterchancen für die Jungen

Manche Kritiker von Annegret Kramp-Karrenbauer setzen in der Nachfolgefrage ihre Hoffnungen auf den langjährigen Merkel-Kritiker und amtierenden Gesundheitsminister Jens Spahn. Der profiliert sich auf dem konservativen Flügel mit seiner Nähe zu Politikern wie Österreichs Jung-Kanzler Sebastian Kurz oder dem neuen US-Botschafter Richard Grenell. Der 38-Jährige hat sich in seiner Fraktion allerdings in die Nesseln gesetzt, als er im eskalierenden Streit um die Flüchtlingsfrage übereilt für eine Versöhnung mit der CSU eintrat. Das ist jetzt ein Handicap. Wenn die CDU nach einer Führungsfigur nach dem Muster von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron oder Kanadas Regierungschef Justin Trudeau suchen würde, könnte vielleicht auch der Kieler Ministerpräsident Daniel Günther, Jahrgang 1973, ins Spiel kommen. Der regiert in Schleswig-Holstein zwar erst seit einem Jahr. Aber er führt das nicht einfache Jamaika-Bündnis gelassen und ruhig und hätte das Zeug, Jens Spahn in aller Seriosität das Wasser abzugraben.

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