Christian Gentner ist erst kürzlich zum Sportdirektor befördert worden. Doch der Ex-Profi wirkt schon länger an der Seite von Sportvorstand Fabian Wohlgemuth. Nun gewähren beide Einblicke in ihre Zusammenarbeit.
Wenn Christian Gentner an die Bürotür seines direkten Vorgesetzten klopft, dann erlebt er immer wieder die gleiche Szenerie: Fabian Wohlgemuth hängt an seinem Handy und spricht. Dennoch winkt ihn der Sportvorstand des VfB Stuttgart stets sofort herein. Schließlich ist Gentner eine Vertrauensperson und der Draht zwischen den beiden kurz. Unmittelbar darauf beendet Wohlgemuth in der Regel das Telefonat und wendet sich dem neuen Sportdirektor zu.
Seit wenigen Tagen trägt Gentner diesen Berufstitel beim Fußball-Bundesligisten. Geändert hat sich für den Ex-Profi außer dem Schild an der eigenen Bürotüre offenbar nicht so viel. Leiter der Lizenzspieler war der 39-Jährige vorher. Eine etwas sperrige Bezeichnung für ein Aufgabenfeld, das vor zwei Jahren für Gentner geschaffen und danach auf ihn ausgerichtet wurde. Um die sportliche Kompetenz beim VfB zu stärken.
Wie gut ist die Diskussionskultur?
Das war der Plan und für Gentner gleichermaßen die Chance, wofür er seine aktive Karriere in der Schweiz etwas vorzeitig beendete. Nun kam die Beförderung. „Für mich ist es die Bestätigung dafür, dass ich nicht nur aufgrund meines Namens beim VfB angestellt bin“, erzählt Gentner beim Live-Podcast „PubCannstatt“ unserer Redaktion. Es war sein erster öffentlicher Auftritt in der neuen Funktion. An der Seite von Wohlgemuth gab der langjährige VfB-Kapitän in der Alten Schule in Gablenberg Einblicke in die Zusammenarbeit des Führungsduos.
Mal ging es in der Kneipe launig zu, mal ernst. Und: „Es kann in der Diskussion mit Fabian auch mal laut und intensiv werden“, sagt Gentner. Wie Wohlgemuth schätzt der Sportdirektor jedoch die offene und direkte Diskussionskultur, die unter dem roten Clubdach an der Mercedesstraße 109 in Bad Cannstatt herrscht. Diese wird nach innen gepflegt, wenn sich außer den Managern noch der Cheftrainer Sebastian Hoeneß sowie die Scouts und Datenanalysten vor einer möglichen Verpflichtung in die Einschätzung von Spielern einbringen – aber ebenso nach außen, wenn es in Gespräche oder gar Verhandlungen mit Spielerberatern und Clubfunktionären geht. „Da habe ich schnell gelernt, dass es nichts bringt, jemandem etwas vorzumachen“, sagt Gentner, „man muss direkt und ehrlich sein.“
Von Beginn an ließ sich Wohlgemuth über die Schulter schauen, und der 45-Jährige band Gentner nicht nur in die sich anbahnenden Transfers und Vertragsverlängerungen ein. Pokerstunden am oft digitalen Verhandlungstisch inbegriffen. Es gibt ja zudem rund um die Mannschaft noch reichlich anderes zu tun. Organisatorisch, strategisch, atmosphärisch.
Jetzt witzelt Wohlgemuth, dass sie ja keine große Wahl hatten, als er im Dezember 2022 selbst noch als Sportdirektor zum VfB kam. Sie mussten funktionieren. Wohlgemuth als die aufstrebende und bald starke Figur im Sportbereich, Gentner zunächst als stiller Beobachter und loyaler Hintergrundarbeiter. Der Vorstandsvorsitzende Alexander Wehrle hatte sie zusammengeführt, und im Rückblick betont Wohlgemuth: „Er hat ein gutes Händchen bewiesen. Es ist eine tolle Synergie, die sich mit Christian von Anfang an ergeben hat.“
Wer betreibt die Königsdisziplin?
Als Team versteht sich das Duo, in dem Wohlgemuth weiter die Königsdisziplin des Fußballmanagements betreibt: die Transferpolitik. Gentner, der sofort die Rolle eines lebenden Seismografen hatte, um die Stimmungen im Kader auszuloten und mögliche Konfliktpunkte früh zu erkennen, behält die Nähe zur Kabine. Nicht nur, weil er an Spieltagen auf der Bank sitzt. Außerdem kümmert er sich verstärkt um den Nachwuchsbereich – eine Schule, die er in Stuttgart selbst durchlaufen hat. Und allein aufgrund seiner mehr als 400 Bundesliga-Spiele weiß er, wie Profis ticken.
Wie zuletzt im Fall von Yannik Keitel, mit dem Gentner während der Länderspielpause intensiv gesprochen hat. Nichts Außergewöhnliches, meint der Sportdirektor, der auch öffentlich an Profil gewinnen soll. Für den Mittelfeldspieler, der im vergangenen Sommer sicher mit anderen Ambitionen vom SC Freiburg zum VfB gewechselt ist, womöglich schon. Keitel kommt bisher nicht zum Zug und wird ein paar wertschätzende Worte sicher gebrauchen können. „Wir haben ihn ja nicht für die ersten Monate verpflichtet, sondern wir versprechen uns langfristig viel von ihm“, sagt Gentner, der vor allem durch Wohlgemuth direkt mitbekommt, wie viele Telefonate es häufig braucht, um einen Spieler vom VfB zu überzeugen.