Wer online einen Termin bei der Führerschein- oder KfZ-Zulassungsstelle buchen will, braucht starke Nerven. Das Landratsamt sollte das System überdenken.
Seit der Corona-Pandemie haben sie sich vielerorts etabliert und bergen großes Frustpotenzial. Die Rede ist von Online-Terminvergabesystemen. Die Böblingerin Simone Schreiber hat unserer Zeitung ihren Ärger darüber geklagt. Zehn Tage in Folge habe sie den Wecker auf Mitternacht gestellt, um über das Onlineportal des Böblinger Landratsamts einen Termin bei der Führerscheinstelle zu ergattern.
Sie ist nicht die einzige, die sich darüber aufregt. Unter einem Beitrag auf Instagram, der vermeldet, dass Sindelfingen und Herrenberg eigene Nummernschilder wollen, kommentiert ein Nutzer lapidar: „Und ich will nen Termin.“ Ein anderer schreibt: „Bekommt lieber mal eure Termine bei der Führerschein- und Zulassungsstelle in den Griff.“
Wächst so die Politikverdrossenheit?
Egal, ob beim Arzt oder bei einer Verwaltung. Wer ständig die Meldung bekommt „derzeit sind keine freien Termine verfügbar“ bekommt jedes Mal auch die eigene Hilflosigkeit gespiegelt und fühlt sich ausgeliefert. Bei der Terminvergabe des Landratsamts bleibt beispielsweise offen, wann neue Termine freigeschalten werden. Die Rede ist lediglich von „täglich“. Aber zu welcher Uhrzeit? Und was, wenn man dringend einen Termin braucht und keine Zeit hat, immer wieder die Homepage des Landratsamts zu aktualisieren?
Simone Schreiber befürchtet, dass solche Erfahrungen Politikverdrossenheit fördern und gar der AfD in die Karten spielen könnten. Tatsächlich weist eine Studie der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung darauf hin, dass es einen Zusammenhang zwischen einer nicht-funktionierenden Daseinsfürsorge und einem Erstarken der AfD gibt – obwohl diese selbst keine Lösungen anbietet.
Ob nun ein Termin bei der Führerschein- oder KfZ-Zulassungsstelle zur Daseinsfürsorge gehört, sei einmal dahin gestellt. Trotzdem: Menschen machen auch hier die Erfahrung, dass etwas nicht gut funktioniert. So könnte tatsächlich Vertrauen in staatliche Institutionen verloren gehen.
Landratsamt verteidigt Online-Terminvergabe
Warum also, geht das nicht besser? Zumal bei anderen ein Trend wieder hin zu mehr Kundenkontakt zu beobachten ist. Die Stadtwerke Böblingen haben beispielsweise ihre Öffnungszeiten erweitert und die Energie Calw, die Partnerschaften mit Gärtringen und Herrenberg eingegangen ist, nennt als ein wichtiges Unternehmensziel die Präsenz vor Ort.
Das Landratsamt verteidigt das Online-Terminvergabesystem, verweist auf geringe Wartezeiten, eine optimale Auslastung der Mitarbeitenden und eine offenbar äußerst dünne Personaldecke, die wohl auch der angespannten Haushaltslage des Kreises geschuldet ist. Was grundsätzlich zur Frage führt, welche Prioritäten der Kreis setzt, während die Frage bleibt: Geht das trotzdem nicht anders?
Bessere Lösungen müssen her
Mit Wartenummern, die Kunden vor Ort ziehen, oder – zumindest – einem Online-Terminvergabesystem, das besser funktioniert. Das beispielsweise alle, die keinen Termin bekommen haben, auf eine Warteliste setzt und ihnen automatisch den nächsten freien Termin anbietet.
Parallel dazu sollte das Landratsamt noch offensiver darüber informieren, was sich bereits komplett digital oder zumindest per Posteinwurf erledigen lässt – und die Bürgerinnen und Bürger bereit sein, sich darauf einzulassen.
Allerdings wird sich der direkte Kundenkontakt nie ganz vermeiden lassen. Und das ist auch gut so. Im direkten Gespräch lassen sich Fragen am besten stellen und Missverständnisse am einfachsten aus dem Weg räumen. Daher sollten bessere Lösungen her. Ständiger Frust ist auf Dauer die schlechteste Option.