Teilen sich einen Führungsjob bei Mercedes: Julia Liess und Dominique Blümke Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Eine Führungsposition in Teilzeit – wie das funktionieren kann, zeigen Julia Liess und Dominique Blümke. Als Jobtandem teilen sich die beiden Führungskräfte eine Stelle beim Autobauer Mercedes-Benz. Wie funktioniert das?

Eine Führungsposition übernehmen und trotzdem mehr Zeit für Freizeit und Familie haben? Für Julia Liess und Dominique Blümke schließt sich beides nicht aus, sie teilen sich seit November 2021 eine Teamleiterstelle. Beide arbeiten jeweils 30 Stunden die Woche und verantworten gemeinsam einen Bereich im Personalmanagement, der für Belange der Mercedes-Zentrale verantwortlich ist.

 

Jobsharing bringe Vorteile, sind sich Liess und Blümke einig. Beide empfinden den geteilten Job als Bereicherung. „Man hat einen Sparringspartner und profitiert von den Stärken des anderen“, sagt Julia Liess. „Es ist Wahnsinn, was wir alles jongliert bekommen, weil wir zu zweit sind“, sagt Dominique Blümke. Nicht jeder müsse immer überall involviert sein. „Wir sind auf einer Stelle, und wenn einer einen Erfolg verbucht, ist es immer ein gemeinsamer Erfolg“, sagt er.

Mit und ohne Tandem-Erfahrung

Für den 40-Jährigen ist es die erste Führungsposition und die erste Teilzeitstelle bei Mercedes. „Es hängt von der Lebensphase ab, wann welches Zeitmodell interessant ist“, sagt er. „Meine Kinder sind noch klein, und ich will noch etwas mehr Zeit für sie haben“, sagt Blümke. Die nimmt er sich auch – etwa als Fußballtrainer der Bambini-Mannschaft, in der sein Sohn mitspielt. Zeit für die Kinder ist auch Julia Liess wichtig. Eine halbe Leitungsstelle mit voller Verantwortung schreckt sie nicht ab. Die zweifache Mutter hat schließlich schon Tandem-Erfahrung. Bereits nach dem ersten Kind teilte sie sich 2014 beim Wiedereinstieg in den Beruf eine Stelle, damals noch in der IT-Abteilung.

Liess und Blümke haben sich unabhängig voneinander auf die Teamleiterstelle beworben und signalisiert, dass man die Aufgabe nicht allein in Teilzeit bewerkstelligen könne und auch nicht wolle. Topsharing, wie man das Teilen von Führungspositionen nennt, konnten sich beide vorstellen – ohne zu wissen, mit wem sie ihren künftigen Arbeitsplatz teilen werden.

400 Führungskräfte in 200 Jobtandems

„Unsere Chefinnen haben uns zusammengebracht“, sagt Julia Liess. Die teilten sich auch eine Stelle, denn Jobsharing ziehe sich im Konzern durch fast alle Ebenen. Aktuell arbeiten bei Mercedes-Benz rund 400 Führungskräfte in Jobsharing-Tandems, etwa jedes vierte ist ein gemischtes Doppel, bei dem sich eine weibliche und eine männliche Führungskraft die Stelle teilen.

„Bei uns hat das wie die Faust aufs Auge gepasst“, findet Liess und muss lachen über den eingeworfenen Vergleich mit einem „alten Ehepaar“. „Das Bild haben wir schon ein paar Mal für uns verwendet“, sagt sie prompt. Jeder weiß, wie der andere tickt. „Man braucht ein Grundsetting, und das passt bei uns“, formuliert es Blümke und nennt als Stichworte eine gemeinsame Wertehaltung, einen bestimmten Führungsstil und ein gewisses Vertrauensverhältnis. Wenn das nicht passen würde, ginge es nicht. „Man muss ein Teamplayer sein, sonst funktioniert es nicht“, sagt er.

„Das ist eine Chance für uns beide“

Beide hatten schon beruflich miteinander zu tun und kannten sich daher. Für ein potenzielles Jobtandem ist das ein Vorteil. „Das Bauchgefühl, mit ihm könnte es passen, hat definitiv gestimmt“, sagt Liess. Blümke ging es ähnlich, als sie sich per SMS bei ihm meldete. „Als wir telefoniert haben, war klar, das ist eine Chance für uns beide“, sagt er.

Dass sie sich eine Stelle teilen, bringt nach Ansicht von Liess und Blümke nicht nur ihnen Vorteile, sondern auch den Mitarbeitern und Vorgesetzten. „Einer von uns ist immer ansprechbar und greifbar“, sagt Liess. Ihre Arbeitstage sind dienstags bis freitags, Blümke arbeitet von Montag bis Donnerstag. Dass ihre Schwerpunkte unterschiedlich sind, empfinden beide als weiteres Plus. Liess hat Psychologie studiert und ist seit 2002 bei Mercedes-Benz, wo die 45-Jährige in verschiednen Unternehmensbereichen gearbeitet hat – unter anderem in der Entwicklung und der IT. Seit 2010 ist sie Teamleiterin, seit 2017 im Personalbereich.

Blümke, der einen Master in Personalmanagement und einen in Wirtschaftsrecht hat, ist seit 2016 bei Mercedes-Benz, wo er mehrere Digitalisierungsprojekte geleitet hat, ehe er ins Jobtandem und auf seine erste Teamleiterstelle wechselte. Entsprechend haben beide im Job ihre Themenschwerpunkte – Vergütung und Transformationsprozesse sind eher Blümkes Themen, Organisations- und Personalentwicklung und Coaching eher die von Liess, um einige Beispiele zu nennen. Ähnlich ist das auch bei den rund 20 Teammitgliedern, für die sie Verantwortung tragen. Täglich gibt es kurze Abstimmungen mit dem Team, damit jeder auf dem Laufenden ist. „Auch wir stimmen uns zweimal die Woche ab“, sagt Blümke. Das laufe unkompliziert. Erreichbarkeit sei eine Sache von Priorität, findet er.

Und wenn der eine weiter Karriere machen will und der andere zurückbleibt? „Dann sagen wir: War eine coole Zeit“, sagt sie pragmatisch. Er sieht es ähnlich. „Wir sind beide routiniert genug und wissen, dass sich im Konzern immer was verändern kann.“

Mehr Chancengleichheit durch Topsharing?

Vereinbarkeit
Mutter und Chefin zu sein scheint nach wie vor schwer vereinbar zu sein, sagt Katharina Sachse, Professorin für Wirtschaftspsychologie an der Berliner Hochschule für Ökonomie & Management FOM. Topsharing biete die Chance, durch Führen in Teilzeit beide Rollen besser zu vereinbaren, und könne somit zu mehr Chancengleichheit beitragen. Auch für männliche Führungskräfte seien Teilzeitpositionen eine Chance, mehr Zeit fürs Privatleben zu haben.

Interesse
„Das Interesse an Topsharing ist groß, die Umsetzung geschieht aber kaum“, sagt Sachse mit Blick auf eine Studie. Beschäftigte hätten den Wunsch nach größerer Flexibilität – das betreffe den Arbeitsort (Stichwort Homeoffice), aber auch die Arbeitszeit. „Unternehmen, die diese Flexibilität nicht bieten, werden es immer schwerer haben, ihre Fach- und Führungskräfte zu finden und zu binden“, so Sachse. Die Vorurteile zu Teilzeitbeschäftigten müssten sich grundsätzlich ändern. Oft werde unterstellt, dass sie weniger ambitioniert wären. Diese Vorurteile können dazu führen, dass Führungskräfte sich nicht trauten, in Teilzeit zu arbeiten, selbst wenn es möglich wäre.

Führungstandem
Es sollte auf der menschlichen Ebene passen, was aber nicht bedeute, dass es immer harmonisch zugehen müsse, sagt Sachse und verweist auf eine Studie, bei der es unter anderem darum ging, welche sozialen Kompetenzen im Jobsharing erfolgskritisch sind. Das Fazit: „Führungskräfte, die alles kontrollieren wollen und nicht bereit sind, sich auf andere einzulassen, sind weder im Topsharing noch als Solochef oder Solochefin gefragt, wenn es um die Motivation und Zufriedenheit der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen geht.“