Vincent Sonntag springt immer da ein, wo Not am Mann ist. Foto: Susanne Müller-Baji

Vincent Sonntag ist der erste FSJler im Hospiz in Stuttgart-Degerloch. Der 19-Jährige sagt, er wolle die Zeit nicht mehr missen. Und er erzählt, was ihn nach Feierabend am ehesten beschäftigt.

Degerloch - Von irgendwoher erklingt das Klavierspiel der Musiktherapeutin. Ein aus kunterbunten Lebensfäden gesponnenes Gewand ziert als Kunstwerk die Wand. Und vor Kurzem kam sogar ein Islandpony zu Besuch in den Hospizgarten – der Herzenswunsch eines Gasts. Gäste heißen die Menschen, die sich von hier, vom Hospiz in Stuttgart-Degerloch, auf eine weite Reise begeben.

 

Viele schieben den Gedanken an den Tod von sich. Das gilt nicht für Vincent Sonntag. Der 19-Jährige macht seit Januar sein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) im Degerlocher Hospiz Sankt Martin und begleitet Menschen in den letzten Tagen und Monaten ihres Lebens. Er ist der erste FSJler hier, und er sagt: „Es hat mich überrascht, aber hier ist viel mehr Freude als Leid.“

Die Gäste im Hospiz sind 25 bis 95 Jahre alt

Acht Zimmer gibt es hier, die Altersspanne der Gäste reicht von 25 bis 95 Jahre, wie die Gesamtleiterin Margit Gratz berichtet: „Die Verweildauer beträgt manchmal nur Stunden, andere bleiben bis zu einem Jahr bei uns.“ So unterschiedlich die Gäste und ihre Bedürfnisse sind, am Ende des Aufenthaltes steht immer der Tod. Die Mitarbeiter müssen lernen, damit umzugehen. „Das macht etwas mit einem, und das wissen wir auch“, sagt Gratz. Man habe deshalb gezögert, eine FSJ-Stelle auszuschreiben. „Wir mussten ja sicherstellen, dass wir den neuen Mitarbeiter angemessen betreuen und auf seine Aufgabe vorbereiten können.“

Vincent Sonntag springt nun immer da ein, wo Not am Mann ist – von der Hauswirtschaft bis hin zu pflegerischen Handreichungen. Am liebsten nimmt er sich aber einfach Zeit für ein Gespräch mit den Gästen. Wenn morgens eine Kerze im Fenster brennt, weiß er noch vor Betreten des Gebäudes, dass ein Lebensweg zu Ende gegangen ist. Der 19-Jährige sagt, es helfe ihm, dass er schon beim Kennenlernen weiß, dass es eine Bekanntschaft auf Zeit sein wird. „Und wichtig ist ja, vorher noch einmal gut zu leben.“

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Auf die Stellenausschreibung ist er über ein FSJ-Portal im Internet aufmerksam geworden, er war sofort interessiert. Zuvor hatte er sein Abitur unter dem Eindruck des ersten Lockdowns geschrieben und war vor allem ratlos, wie es für ihn weitergehen sollte. Das FSJ sollte da für eine neue Perspektive sorgen, seine Wahl fiel auf das Hospiz in katholischer Trägerschaft, in der sich auch seine Mutter als ehrenamtliche Trauerbegleiterin engagiert. „Ich wollte etwas machen, bei dem ich fürs Leben lerne“, sagt er – und das ist nur im ersten Moment ein Widerspruch.

Schwerer Abschied für Angehörige

So manches erhalte einfach eine andere Wichtigkeit, wenn die Zeit endlich ist. Er hat beobachtet, dass viele der Gäste sehr offen und gefasst mit ihrem bevorstehenden Tod umgehen. Schwerer sei der Abschied vielfach für die Angehörigen: „Manchmal können sie gar nicht über den Tod reden, tun dann so, als ob es sich um einen normalen Krankenbesuch handelt.“ Und oft sei es deshalb eher der Gedanke an den Schmerz der Hinterbliebenen, der ihn auch mal nach Feierabend beschäftige.

Was zunächst als ein Versuch gedacht war, habe inzwischen alle Beteiligten überzeugt, berichtet Gratz: Nach Ablauf dieses ersten FSJ werde man die Stelle wohl erneut ausschreiben. Und Vincent Sonntag sagt, dass er sich ein wenig als Brückenbauer verstehe, wenn er im Freundeskreis von seiner Arbeit erzähle. „Viele finden das gut, was ich mache.“ Manchmal klinge in den Reaktionen aus dem Umfeld aber auch an, dass man das selbst nicht könnte. „Ich glaube, das hat damit zu tun, dass man nur die schönen Sachen im Leben haben möchte“, sagt der 19-Jährige. „Den Gedanken an den Tod schiebt man von sich.“

Wie wertvoll jeder Tag ist

Das FSJ habe ihn verändert: Er könne sich nun auch einen Beruf im sozialen Bereich vorstellen, erzählt Vincent Sonntag. Falls doch nicht, möchte er sich weiterhin ehrenamtlich engagieren. Hat er noch Angst vor dem Tod? „Ja, das auf jeden Fall“, sagt Vincent Sonntag schnell – offensichtlich hat er sich die Frage selbst schon früher gestellt. Das habe aber vor allem auch damit zu tun, dass er nun wisse, wie wertvoll jeder Tag ist und wie wichtig es ist, zu leben.

FSJ im Hospiz: Wissenswertes, auch über das ehrenamtliche Engagement im Hospiz, gibt es unter www.hospiz-st-martin.de. Die Veranstaltungen für das externe Publikum müssen wegen Corona ausgesetzt bleiben.