20 Stunden Warnstreik. Für Bahnkunden heißt das positiv ausgedrückt: Entschleunigung. Hektiker haben dagegen Pech. Ein Stimmungsbild vom Stuttgarter Hauptbahnhof.
Netanya Camilleri hat einen schlechten Start in den Tag erwischt. Die 24 Jahre alte Mitarbeiterin einer Beraterfirma hat an diesem Donnerstagmorgen einen vollen Terminkalender – doch jetzt steckt sie am Stuttgarter Hauptbahnhof fest. Sie muss dringend zu einem Kunden nach Herrenberg, war dafür extra früh am Morgen aus Aalen im Ostalbkreis angereist. Doch es ist Bahnstreik. Und es geht nicht weiter. Weder die große Anzeigetafel in der zugigen Bahnhofshalle noch die Bahn-App verheißen Gutes.
Camilleri hatte gehofft, dass zumindest die S1 sie nach Herrenberg bringen würde. Doch die ging erst mehrere Stunden später als geplant ab 8.30 Uhr in Betrieb. Die Linie sollte den Tag über im Stundentakt verkehren. „Das Problem war, dass in den Morgenstunden die Leitstelle wegen des Streiks nicht besetzt war“, schildert ein Bahnsprecher auf Anfrage. In einem solchen Fall könnten auf den betroffenen Streckenabschnitten keine Züge fahren.
Pech für die Pendler wie Netanya Camilleri. Innerhalb der nächsten fünf Stunden wird nur eine einzige Verbindung nach Herrenberg angezeigt, nämlich der RB 14 um 8.18 Uhr. „Ich befürchte aber, dass auch dieser Zug noch ausfällt. Das ist mir einfach zu unsicher“, sagt sie. Ihre Termine muss die Beraterin absagen, zumindest kann sie bei einer Freundin in Bad Cannstatt arbeiten, ins Homeoffice zu sich schafft sie es nicht rechtzeitig. Die junge Frau ist gefrustet: „Wer den öffentlichen Verkehr nutzt, hat eigentlich nur Probleme.“
Frustrierte Kunden an den Bahngleisen
Für den Ärger haben die Lokführer der Deutschen Bahn gesorgt. Sie wollen an diesem Tag noch bis um 22 Uhr den Personenverkehr in weiten Teilen lahmlegen. Die Gewerkschaft fordert in den Tarifverhandlungen unter anderem 555 Euro mehr pro Monat für die Beschäftigten sowie eine Inflationsausgleichsprämie von bis zu 3000 Euro. Auf die Solidarität der Fahrgäste dürfen sie an diesem Morgen am Hauptbahnhof in vielen Fällen nicht hoffen.
Die Frage, wie groß der Ärger der Reisenden ist, wollen drei Mitarbeiter vom Bahn-Serviceteam nicht beantworten. „Bitte wenden Sie sich an die Pressestelle“, sagen sie. Eine junge Frau, die in einer Menschenmasse aus dem MEX12 auf Gleis 16 steigt, beantwortet die Frage prägnanter: „Die Bahn ist scheiße“, ruft sie im Vorbeigehen und läuft schnurstracks zum Ausgang in den Mittleren Schlossgarten.
Warten, Geduld, Warten
An Gleis 4 geht ein 46-jähriger Montagearbeiter nervös auf und ab. „Mein Schatz zuhause vermisst mich“, sagt der Mann, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. 60 Stunden arbeitet er in der Woche – jetzt will er so schnell wie möglich zu seiner Frau nach Minden. Doch der Bahnstreik macht ihm einen Strich durch die Rechnung. Erst in drei Stunden startet der nächste ICE in Richtung der 80 000-Einwohner-Stadt in Nordrhein-Westfalen. Mehr gibt der Notfallfahrplan nicht her.
Warten, Geduld, Warten. Der Dreiklang der Passagiere im Streik. Der Stress hält sich bei den Leuten in Grenzen. Resignation. „IC 2517 fällt heute aus. Grund dafür sind Streikauswirkungen“, ertönt es aus Lautsprechern, solche Meldungen werden im Minutentakt durchgesagt. „Ich hoffe, mein Zug kommt, sonst will ich mein Geld zurück“, sagt der 46-Jährige. 173 Euro kostete das Ticket für die etwa fünfstündige Fahrt. Dennoch hat er für die Streikenden Verständnis: „Die Bahn hat lange verschlafen. Es ist gerechtfertigt, dass die Mitarbeiter mehr Geld wollen“, sagt er.
Reinigungskraft: „Von mir aus könnte es jeden Tag so sein“
Wie viele Züge genau ausgefallen sind, kann ein Sprecher der Bahn auf Anfrage zunächst nicht sagen. „Viele“, sagt die Verkäuferin in einer Bäckereibude. Normalerweise bilde sich in den Morgenstunden eine Dauerschlange. In der Ladentheke stapeln sich noch reichlich Buttercroissants, Apfeltaschen und Salami-Baguettes. „Wir haben deutlich weniger Kunden, aber es ist nicht ganz tote Hose“, sagt die 21-Jährige. Dass viel weniger Menschen unterwegs sind, bestätigt auch eine Mitarbeiterin vom DB-Reinigungsteam, die am menschenleeren S-Bahngleis 101 einen großen Wagen mit Eimern und Wischlappen vor sich herschiebt. „Es ist deutlich angenehmer so zu arbeiten“, sagt sie und lächelt. „Von mir aus könnte es jeden Tag so sein.“