Croissants und Ingwertee: Yasin El Harrouk beim Frühstück im „5“ Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Marokkanischer Schwabe aus Feuerbach, Berliner Rapper, studierter Schauspieler mit Hauptschulabschluss: Yasin El Harrouk oder Yonii, wie er sich als Musiker nennt, wandelt zwischen den Kulturen, Milieus und Jobs. Warum „die Mitte bewahren“ sein Lebensmotto ist, erzählt er beim Frühstück im „5“ in der Bolzstraße.

Stuttgart - Croissants, Brioche, Marmelade aus Himbeeren und Passionsfrucht. „Balzac“ nennt sich der Frühstücksgang. Mit Café au lait? Nein: Ingwertee. Schon das Frühstück ist ein kleiner Grenzgang. Mag er keinen Kaffee? Doch, aber lieber als Espresso nach dem Essen.

Yasin El Harrouk sitzt im „5“ vor der verspiegelten Wand auf der Lederbank und drückt sich ein Kissen auf den Schoß. Es ist heiß, er trägt schwarze Sport-Shorts zum schwarzen T-Shirt. Er sei oft hier, wenn er in Stuttgart sei, an diesem Tag nutzt er das Lokal in der Bolzstraße, das zwischen Gourmet-Höhle und Lounge-Bar oszilliert, als Büro. Sein PR-Mann hat am Nachbartisch den Laptop aufgeklappt, sie haben mehrere Termine hier an diesem Vormittag.

Yasin El Harrouk. Marokkanischer Schwabe. Studierter Schauspieler mit Hauptschulabschluss, Berliner Rapper, geboren in Stuttgart, aufgewachsen in Feuerbach und Marokko. Othello im Theater Münster, arabischer Prinz im Münchner „Tatort“. Jochanaan in der Stuttgarter „Salome“-Oper, fast zwei Millionen Klicks für seinen Song „Ghetto“ auf Youtube – Yonii nennt er sich als Rapper. Spätzle mag er, „am liebsten mit Zwiebeln“, sagt er. Und zum Frühstück Spiegelei mit Sucuk, türkischer Rind- und Kalbswurst. Gibt’s im „5“ aber nicht.

Eine Zeitungsannonce bringt ihn zur Schauspielerei

„Soll ich anfangen?“ fragt er. „Ich stamme aus einer neunköpfigen marokkanischen Gastarbeiterfamilie“, ein paar Sätze weiter ist er dann schon bei Netflix. In der Serie „Dogs of Berlin“ spielt der 25-Jährige das Mitglied einer arabischen Großfamilie; die zweite deutsche Serien-Produktion des Streaming-Giganten, in dem zwei Ermittler gegen die Berliner Unterwelt antreten, soll noch 2018 gezeigt werden.

Wenn Yasin El Harrouk etwas beherrscht, dann ist es der Spagat zwischen Kulturen, Milieus, Jobs, Sprachen. Er nennt das: „die Mitte bewahren“, sich nicht für eine Seite entscheiden, mit beiden Kulturen „können“. Die Mitte, das ist sein Thema und der Motor für seine außergewöhnliche Karriere.

Am Anfang stand der Wunsch: „Ich will Schauspieler werden“, da war er in der achten Klasse. Sein Seniorpartner an der Feuerbacher Hauptschule, der ihm zeigte, wie man Bewerbungen schreibt, sagte: „Sag mal, spinnscht du, aber wirklich!“ Der Seniorpartner habe ihm auch beigebracht, Zeitung zu lesen, so entdeckte er die Annonce, mit der das Staatstheater nach jugendlichen Migranten für das Stück „Wut“ suchte. Einen Zeitungsausträgerjob wollte er finden, um Geld nach Hause zu bringen, die Mutter zu beruhigen, stattdessen ist er dann zum Casting für das Stück gegangen, das Volker Lösch nach dem gleichnamigen Film von Züli Aladag auf die Bühne brachte. Er bekam die Rolle, war einer von mehreren Jugendlichen, die als Chor die Figur des Can verkörperten.

Der Hauptschüler absolviert ein Schauspielstudium

Es war sein Sprungbrett in die Schauspielerei. Nach der Premiere, erzählt er, sei eine Schale von ihm abgefallen. „dieses Kanakengetue. Ich wollte nicht mehr cool sein, den Gangster raushängen lassen, das habe ich alles auf der Bühne gelassen.“ Er schafft die Begabtenprüfung für Nicht-Abiturienten, kann an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart studieren. Es ist ein Erweckungserlebnis, ein Integrationsschub. „Die deutsche Kultur wurde meine Kultur, ich habe mich auf einmal zuhause gefühlt, ich konnte mitreden, Fremdwörter benutzen, mich mit Autoren und Dramaturgen unterhalten.“ Er wünsche jedem Menschen vier Jahre Schauspielschule, weil es der einzige Beruf sei, „bei dem man sich wirklich mit sich selbst beschäftigt“.

Plötzlich: die Stimme tiefer, die Aussprache wie mit dem Lineal gezogen. „Hätte die Waage unseres Lebens nicht eine Schale von Vernunft, um eine andere von Sinnlichkeit aufzuwiegen . . .“ Othello, der Mohr. Den hat er am Theater Münster gespielt, es war seine erste Titelrolle am Theater. „Wenn ich spiele, versuche ich das Deutsche in mir mit dem Arabischen zu vermischen, um die Rollen facettenreicher zum machen“, erzählt er und beschreibt, wie er als Kind die Hysterie einer trauernden Tante in Marokko erlebt habe, das habe er an einer Stelle in seine Othello-Rolle integriert.

Das Schwäbische boxt ihn durch

Später führt er vor, wie er sich mit seinem Eins-A-Schwäbisch die Polizisten auf Distanz hielt, wenn sie ihn mal wieder am Hauptbahnhof kontrollierten; das Schwäbische habe ihn immer „super durchgeboxt“. Yasin El Harrouk liebt es, zwischen den Rollen hin und her zu fliegen.

Im Münchner „Tatort“ ist er 2014 „Der Wüstensohn“, Prinz Nasir, für den der Gaddafi-Sohn Pate stand. Dekadent, verwöhnt, aufbrausend. Der Auftritt im Sonntagskrimi erweckt Aufsehen, er wird mit dem Studio-Hamburg-Nachwuchspreis als bester Jungschauspieler ausgezeichnet, der Regisseur Rainer Kaufmann bescheinigt ihm „großes Talent, eine ungeheure Präsenz“. 2017 dann noch einmal „Tatort“, in „Am Ende geht man nackt“ aus Franken gibt er den kleinkriminellen Nordafrikaner aus der Flüchtlingsunterkunft.

Yasin El Harrouk ist der Araber, der Kanake, der Flüchtling, der Dealer, der Verbrecher, der Ausländer. „Es gibt nicht so viele Drehbücher für Gesichter wie mich“, sagt er dazu. Ja, die Rollen seien alles Schubladen, aber er müsse sie füllen, um weiter zu kommen. „Es bringt nichts, darauf zu bestehen, einen Arzt zu spielen.“

Dann zeigt er am linken inneren Handgelenk eine Verhärtung, klopft damit an die Wand. Was erst nur Rhythmus ist, wird ein Lied. Im Netz findet man Videos, mit dem Smartphone aufgenommen, die zeigen, wie er in der Stadtbahn U6 Rap-Zeilen aus dem Ärmel schüttelt. „Aus der Hilflosigkeit heraus“, als es mit der Schauspielerei mal nicht so gut lief, hat er vor einigen Jahren angefangen, Musik zu machen. Als Yonii hat er mehrere Singles veröffentlicht, im September soll sein zweites Album erscheinen.

In der Oper „Salome“ spielt er Jochanaan

Yonii singt Deutsch, Französisch, Arabisch, die Sprache der Straße, „saubere Texte, kein Gangsta-Rap“, „die Mutter soll es noch hören können“. Es ist Feel-Good-Rap mit Orient-Touch, Musik, die man gut in einer Strandbar hören kann. In den Videos auf Youtube sieht man ihn in Graffiti-beschmierter deutscher Vorstadt-Tristesse oder in Marokko, in Trainingsjacke, umringt von Kindern, oder irgendwo in der Wüste, wo er im Kaftan tanzt, im Hintergrund eine silbern glänzende Stuttgarter Luxuslimousine. Yasin El Harrouk, der Mann zwischen den Kulturen.

Er habe zwar ein Schauspieldiplom in der Tasche, lebe aber von der Musik gerade zehn Mal besser, deshalb sei er die meiste Zeit in Berlin, wo das Film- und Musikbusiness zuhause ist. Es läuft gut, er geht mit dem französischen Rap-Star Maître Gims auf Tour. Und die Schauspielerei? Will er überhaupt weitermachen? „Safe“, sagt er. Deshalb spielt er weiter die indische Küchenhilfe im Dauerbrenner „Dirty Dishes“ im Theaterhaus, deshalb hält er die Augen offen, manchmal fällt dabei so etwas ab wie die abgedrehte Kinosatire „Herrliche Zeiten“ von Oskar Roehler.

Der Ingwertee ist längst kalt, als Yasin El Harrouk zum ersten Mal an ihm nippt, bevor er Marmelade auf die Croissantspitze streicht. Seine Mutter habe als Reinigungskraft in der Staatsoper gearbeitet, wo er als „Jochanaans Körper“ in der Oper „Salome“ auf der Bühne stand. „Wie geil ist das denn?“. Ja, Stuttgart sei er sehr dankbar, die Stadt habe ihm so viel mitgegeben. „Gibt es einen Menschen, der Stuttgart heißt, bei dem man sich bedanken kann?“ Dann geht er raus, eine rauchen, vor dem nächsten Termin.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: