Ulrike Groos, Chefin des Kunstmuseums, hat sich bestens in Stuttgart eingelebt. An der Stadt schätzt sie vieles, etwa das interessierte Publikum. Beim Kampf gegen den Feinstaub geht sie mit gutem Beispiel voran.
Stuttgart - Ihr Start in Stuttgart hatte seine Tücken. Als Ulrike Groos vor neun Jahren nach Stuttgart zog, um Direktorin des Kunstmuseums Stuttgartzu werden, war sie erst einmal ernüchtert. „Ich hatte eine außerordentlich schwierige Vermieterin“, erzählt Groos, die selbstverständlich Kehrwoche machen musste. „Danach ist sie mit dem Finger in die Ecken gegangen.“ Das machte wenig Freude. Als Ulrike Groos in einem Interview zu Stuttgart befragt wurde, hielt sich ihre Begeisterung entsprechend in Grenzen. Sie vermisse die Offenheit der Rheinländer, meinte Groos, die aus Düsseldorf gekommen war, damals. Das nahmen ihr manche übel.
Heute sagt Ulrike Groos ganz ohne Umschweife: „Ich fühle mich sehr wohl hier.“ Sie ist nicht nur in eine andere Wohnung gezogen, sondern hat sich auch bestens eingelebt. „Die Stadt ist unheimlich südländisch geworden, das ist schon angenehm.“ Deshalb hat Groos auch zum zweiten Mal ihren Vertrag als Direktorin verlängert und hat nicht vor, Stuttgart so schnell wieder den Rücken zu kehren. Denn auch wenn die Stadt keine Hochburg für zeitgenössische Kunst sei wie Zürich, Düsseldorf oder Köln, auch wenn es Gattungen wie Video oder Fotografie oft noch schwer hätten bei den Ausstellungsbesuchern, so hat Ulrike Groos doch festgestellt: „Hier gibt es schon ein sehr interessiertes Publikum.“ Das gefällt ihr an den Stuttgartern, dass sie nachfragen, wenn sie mit künstlerischen Positionen Schwierigkeiten haben. „Wenn Leute bei der Preview etwas nicht verstehen, kommen sie wieder und bringen Freunde mit“, erzählt Groos. „Das mag ich hier, dass die Leute einen ansprechen und fragen, warum gerade ,Scheize‘ an der Fassade des Kunstmuseums steht. Das ist ein guter Austausch.“
Sie weiß: den Stuttgarter an sich gibt es nicht
Um in ihr Büro im Kunstmuseum Stuttgart zu kommen, nimmt sie meistens das Rad. Ihr Auto hat Ulrike Groos abgeschafft. Das funktioniere bestens, sagt sie. Auch zum Frühstück ins Hüftengold in der Olgastraße ist sie selbstverständlich geradelt und hat sich für die zünftige Variante entschieden: Rührei mit Tomate und Basilikum. Das gibt es zu Hause nicht, gewöhnlich begnügt sich Ulrike Groos zum Frühstück mit einem Brei.
Zugegeben, manchmal hat Ulrike Groos schon den Eindruck, dass man in Stuttgart noch einen gewissen pietistischen Geist antreffen kann. Aber sie weiß auch, dass es den Stuttgarter an sich nicht gibt, so, wie die Rheinländer auch nicht alle per so unkompliziert und offen seien. Was sie allerdings vermisst, das ist das Wasser. Und was sie an Stuttgart stört: „Die Probleme, die nicht gelöst werden: Feinstaub und zu viele Autos.“ Stadt und Land seien reich, trotzdem habe städteplanerisch Stuttgart den Anschluss verpasst. „Andere Städte haben schon viel früher angefangen, in die Zukunft zu schauen und menschenfreundlicher zu werden.“ Und dazu gehört für sie auch, weniger Auto zu fahren, weshalb sie staunt, wie viele SUVs bei ihr zu Hause in der Garage stehen. „Klar ist Stuttgart eine Autostadt. Aber ich frage mich manchmal, wie lange eine Stadt braucht, um einen Umdenkprozess anzustoßen?“
Eine Zeit lang hat sich Ulrike Groos in der Initiative Aufbruch Stuttgart engagiert, weil sie das Gefühl hatte, dass Stuttgart viele Möglichkeiten hätte, städtebaulich experimentell voranzugehen. „Aber wenn man die Zukunft anschaut, sieht es nicht besonders einflussreich und initiativ aus, das ist schade.“ Jetzt hofft sie, dass vom neuen Rosensteinquartier neue Impulse ausgehen.
Was sie vermisst: Kunst im öffentlichen Raum
Ulrike Groos ist bundesweit eine gefragte Kunstexpertin, dass sie aber immer nach München fahren muss, um über Kunst am Bau zu befinden, das bedauert sie. In vielen Städten und Ländern muss bei öffentlichen Neubauten ein Etat für die Kunst eingeplant werden – ob für Bibliotheken, Verwaltungsgebäude oder Schulen. „Stuttgart hat die Kunst-am-Bau-Klausel dagegen abgeschafft“, sagt sie, obwohl sie der Stadt gut anstehen würde. „Mehr Kunst im öffentlichen Raum würde etwas im Denken verändern“, ist sie überzeugt, „es würde den Menschen vermitteln, dass Kunst große Bedeutung hat und einfach dazugehört.“
Trotzdem: Ulrike Groos schätzt an der Stadt sehr, dass es „immer gelungen ist, dass man zusammenleben kann und es nicht zu gewalttätigen Konflikten kommt wie in Paris oder Hamburg“. Von ihrem Büro im Kunstmuseum aus kann sie die vielen Demonstrationen sehen, die inzwischen stattfinden. Die Menschen wehren sich – aber friedlich. „Die Leute geben ihrem Wunsch nach Veränderung Ausdruck, indem sie demonstrieren gehen.“