Nach dem Frühstück im Kantinchen ruft die Arbeit: Sebastian Schäfer. Foto: Leif Piechowski

Der Espresso im Kantinchen macht ihn fit für den Tag: Sebastian Schäfer ist eine feste Größe der freien Szene in Stuttgart– und schafft es auf der Bühne, dass die Welt komisch aus der Wäsche guckt. Mit seiner Rolle als Martin Schulz hat er bundesweit auf sich aufmerksam gemacht.

Stuttgart - Stuttgart-Süd, Alexanderstraße 180, in einem ruhigen, von akademischen Grün-Wählern geprägten Wohnviertel: In diesem Kuschelmilieu schrumpft selbst eine Kantine, für die es hier mangels Großgewerbe ohnehin keinen Bedarf gäbe, zum niedlichen Kantinchen. Phonetisch ist es da nicht weit zum Kaninchen – und tatsächlich würde man sich nicht wundern, hoppelten ein paar Streicheltiere leibhaftig durchs gemütliche Eck-Café mit Bioladen: Das Kantinchen ist eine Art Wohn- und Spielzimmer für junge Familien, eine coole Mutter-Kind-Einrichtung mit Latte macchiato und Rhabarberschorle, in der sich auch Sebastian Schäfer wohlfühlt. „Sympathischer Laden, nette Bedienung“, sagt der Schauspieler, „und das Praktische dabei: er liegt auf dem Weg zu unserem Kindergarten.“

 

Schäfer, 1963 in Oberhausen geboren, seit 1990 mit Unterbrechungen in Stuttgart lebend, hat zwei Töchter. Eine davon ist erwachsen, die andere nicht – und nachdem er die fünfjährige Julieta in den Kinderladen geradelt hat, legt er auf dem Weg zur Arbeit einen Stopp im schnuckligen Sperrmüll-Café mit Außenbewirtung ein. „Doppelter Espresso und Schinken-Käse-Toast, bitte“ – wobei der Toast schon als Zugabe betrachtet werden muss. „Ich bin kein Frühstücker“, gesteht der 56-jährige Mann aus dem Ruhrpott, aber für ein extra Mineralwasser reicht es dann doch noch, bevor eine Schauspielerkollegin mit dem Wagen vorfährt, um Schäfer mit nach Melchingen zu nehmen. Dort probt er ein neues Stück: „Lass mich atmen, oh gnädiger Himmel“, eine Szenenfolge über das Gefängnis auf dem Hohenasperg.

Er hatte den ganzen Kandidaten drauf

In Ruhe kann der im Heusteigviertel wohnende Schäfer aber sowieso nicht frühstücken. Während er am Toast knabbert, fliegen ihm Grüße von allen Seiten zu. Man kennt ihn im grünen Kantinchen, wo er den Altersschnitt erheblich erhöht, weit über sein Stammgast-Dasein hinaus, schließlich ist er als Schauspieler eine feste Größe der Stuttgarter Szene. Über Unterbeschäftigung kann er nicht klagen: Rechnet man das Hohenasperg-Stück dazu, wirkt er aktuell an sieben Produktionen mit, für die seine Lebensgefährtin Maria Martínez Peña häufig Bühne und Kostüme entworfen hat. Sie, die Mutter von Julieta, stattete auch jene Inszenierung aus, mit der Schäfer bundesweit Aufsehen erregt hat: In der „Schulz-Story“ spielte er den Titelhelden, den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz.

Spielte? Nein, doubelte! Schäfers Ähnlichkeit mit dem Hoffnungsträger der Sozialdemokraten, der tief stürzen sollte, ist verblüffend. Schon die Physiognomie ist zum Verwechseln ähnlich, aber Schäfer hatte den ganzen Kandidaten drauf. Gestik, Mimik, Körperhaltung, Sprechweise – bis hin zum rheinischen Singsang stimmte in seiner Darstellung fast alles haargenau. „Als politisch interessierter Mensch hatte ich Schulz häufig im Fernsehen gesehen“, sagt der akribisch arbeitende Verwandlungskünstler, „hinzu kam eine Menge Material auf Video, mit dem ich ihn einfangen konnte“ – und natürlich das Buch, auf dem die Inszenierung beruht, die „Schulz-Story“ von Markus Feldenkirchen, der als Reporter den Mann aus Würselen bei seinem Wahlkampf ein Jahr lang begleitet hat. Der Autor habe die „dokumentarische Tragikomödie“ dreimal gesehen, so Schäfer, und dreimal sei er begeistert gewesen: „Wenn jemand meine Darstellung beurteilen kann, dann er: Feldenkirchen kennt Schulz aus nächster Nähe.“

Alter? 350 Jahre, mindestens

An Schäfer kann es nicht gelegen haben, dass die „Schulz-Story“ bei den Hamburger Privattheatertagen im Juni keinen Preis geholt hat. Die Inszenierung ist vom Publikum trotzdem bejubelt und von Kritikern breit besprochen worden – und einen ähnlich schlagenden Erfolg, wenn auch nur auf lokaler Ebene, konnte Schäfer schon zuvor mit einer anderen Figur der Zeitgeschichte verbuchen. In „Wenn der Abend durch den Schornstein fällt“ spielte, nein, doubelte er den 2005 verstorbenen Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch, was in der Gesamtschau wie ein satirischer Vorgriff auf seine kongeniale Darstellung des SPD-Politikers Schulz wirkt: Mit hintersinnigem Humor bringt Schäfer die Sphären zur Deckung – und die Welt guckt auf der Bühne komisch und traurig zugleich aus der Wäsche.

Beide für Schäfer erfolgreiche Produktionen sind im Studio-Theater unter Christof Küster herausgekommen. Und mit Küster, seinem Lieblingsregisseur, geht Schäfer auch ins poetisch-dokumentarische Stück über den Hohenasperg, wo über Jahrhunderte hinweg politische Gefangene inhaftiert waren. „Ich spiele die einzig durchgängige Rolle: den Gefängniswärter, der fantastische 350 Jahre alt ist und durch die Geschichte der Festung führt“ – vorbei etwa an Joseph Süß Oppenheimer, Christian Friedrich Daniel Schubart und Helmut Palmer, dem Remstalrebellen, der hier zweimal hinter Gitter saß, Jahre bevor sein Sohn Boris zum Tübinger Oberbürgermeister wurde.

Wer frei lebt, lebt riskant

Schäfer hat die hochinteressante Knaststory intus, stundenlang könnte er über die Ungeheuerlichkeiten des „schwäbischen Demokratenbuckels“ referieren. Als Profi hat er sich – Ehrensache – umfassend auf die Rolle vorbereitet, auf die er sich einlässt: im Freilichtspiel „Lass mich atmen, oh gnädiger Himmel“ ab Freitag, 13. September, am geschichtsträchtigen Originalschauplatz.

„Es läuft gut für mich“, sagt der Schauspieler, den nach der Sommerpause nicht nur der Hohenasperg ruft. Im „Familienabend“ von Lokstoff trägt er die tragische Biografie eines Stuttgarter Widerstandskämpfers vor, während er für die Junge Oper des Staatstheaters den „Schauspieldirektor“ gibt, den komödiantisch überforderten Titelhelden in Mozarts Singspiel: höchst konträre Rollen für einen vielseitigen und viel gefragten Bühnenkünstler, der freilich auch andere, schlechtere Zeiten kennt. „2005 war ich auf Hartz IV, da hatte ich keine Engagements. Wer frei arbeitet, lebt riskant“, resümiert Sebastian Schäfer, der jetzt aber wieder zur finanziellen Risikobegrenzung schreiten muss. Er verlässt seinen Frühstücksplatz neben den Obstkisten des Kantinchens, sagt Tschüss zu den netten Kellnerinnen und steigt in das Auto ein, das ihn zu den Proben auf die Schwäbische Alb bringt.