Ein gerettetes Rehkitz wird mit Handschuhen und in Gras eingewickelt transportiert. Foto: Arnd Bäucker

Jäger in Rielingshausen und Steinheim (Kreis Ludwigsburg) spüren frühmorgens die Jungtiere im hohen Gras auf und bringen sie in Sicherheit – rechtzeitig, bevor die Landwirte mähen.

Björn Spiller schaut konzentriert auf das Steuergerät in seinen Händen. Auf dem Display erscheint die grüne Landschaft der Wiesen um Rielingshausen. Aus der Vogelperspektive, übermittelt von der surrenden Drohne, die vor wenigen Sekunden senkrecht die Höhe gestiegen ist. Mit einfachem Umschalten verwandelt sich die Landschaft auf dem Display in ein Wärmebild: Viel Dunkel, denn zu dieser frühen Morgenstunde ist es noch kühl über Feld und Flur. Erscheint dann ein kleiner weißer Punkt, dann ist klar: da ist etwas Warmes, Lebendiges. „Ich hab was,“ sagt Björn Spiller.

 

Etwas Lebendiges. Womöglich sogar ein Rehkitz, das seine Mutter, die Ricke, im bereits hüfthohen Wiesengras versteckt hat. Sie tut dies, um das Baby vor Fraßfeinden – etwa Füchsen oder Dachsen – zu schützen. Doch den Tierkindern droht in ihrem Wiesennest aktuell eine andere Gefahr. Da es jetzt trocken und warm geworden ist, beginnen die Landwirte mit dem Mähen und rollen mit ihren Traktoren los.

Das ist die Stunde der Jäger in Rielingshausen und Steinheim. „Wir sind eine Hegegemeinschaft“, sagt Olaf Spiller, Jagdpächter für die Gemarkung Rielingshausen. Die Bauern sind verantwortlich für die Tierwelt auf ihrem Areal. Dabei sind sie auf die Unterstützung der Jäger angewiesen. Man steht im Funkkontakt. Und sobald die Kitzretter grünes Licht geben, kann der Traktor mit seinem mächtigen Mähbalken starten. Gegen den hätte kein Rehkitz eine Überlebenschance.

Auf dem Display sind lebende Tiere gut zu erkennen. Foto: Arnd Bäucker

Möglich wird diese Rettungsaktion dank der Unterstützung von Drohnen. Die wendigen Geräte, einem großen vierfüßigen Insekt nicht unähnlich, spähen aus bis zu 90 Metern Höhe hinunter auf die Areale, die demnächst gemäht werden sollen. Gute Voraussetzungen herrschen am frühen Morgen, wenn die Kühle der Nacht noch über der Flur liegt, vielleicht sogar ein leichter Nebel. Die Temperaturkontraste auf dem Display sind deutlich, und so kann das Kameraauge leichter „verdächtige“ Punkte entdecken.

Ein Dutzend Helfer sind im Einsatz

Eine Drohne kostet zwischen 8000 und 12.000 Euro, sagt Spiller. Immerhin gibt es finanzielle Beihilfen vom Bund, bis zu 40 Prozent. Die fliegenden Kundschafter dienen schließlich dem Tierschutz. Akkus liefern die Power für die Drohne, sie halten 15, neuere sogar bis 25 Minuten lang. Und: Das Gerät kehrt automatisch zu seinem Piloten zurück, wenn die Ladung erschöpft ist.

An diesem Morgen ist ein rundes Dutzend Helfer beieinander, um nach Kitzen Ausschau zu halten, Jäger, Angehörige, auch zwei Kinder, die die aufregende Aktion miterleben möchten. Björn Spiller hat den hellen Punkt in einer Wiese ausgemacht, an deren Rand bereits ein Streifen abgemäht wurde. Ein kleiner Trupp zieht los, und nun liegt die Rettung buchstäblich in der Luft. Markus Walker bahnt sich vorsichtig einen Weg durch das hüfthohe Meer der Gräser. Der Drohnenpilot hält die Drohne möglichst exakt über dem Punkt, wo sich das Tier befindet, man verständigt sich über Funk. Dann teilt Markus Walker vorsichtig das Gras, darunter kauert, zusammengekuschelt, ein Rehkitz. Zunächst ist nur das Fell mit den typischen „Bambi“-Flecken zu sehen.

Plötzlich geht alles ganz schnell. Markus Walker trägt Handschuhe, er nimmt noch zwei große Büschel Gras auf und hebt zwischen diesen das Kleine heraus. Am Tier soll möglichst keine menschliche Duftspur haften bleiben. Das Kitz ist mit einem Mal sehr lebhaft und fängt an, laut zu fiepen. Rasch wird es an den Rand des Flurstücks getragen und dort sorgsam in einen bereit gestellten Korb mit Lüftung gesetzt, der verschlossen wird. Die Ricke, die Rehmutter, springt in einiger Entfernung aufgeregt über die Wiese.

Ein Einsatz, der allen Beteiligten Freude bereitet. Foto: Bäucker

Mutter und Kind sind schnell wieder vereint

Die beiden Mädchen haben alles gespannt verfolgt. Lara meint: „Aber das Baby will doch zu seiner Mama…“ Was auf den ersten Blick hart aussieht, macht Sinn: Im Korb ist der Rehnachwuchs sicher, solange gemäht wird. Dem Bauern wird per Funk gemeldet, dass er jetzt anrücken kann. „Im Sulzbachtal kann es losgehen.“ Gleich nach der Mahd öffnet ein Helfer den Korb. Mutter und Kind finden dann in der Regel rasch zueinander.

Es kommt vor, dass da, wo im vergangenen Jahr ein Kitz in der Wiese lag, diesmal nichts zu finden ist. „Oder sie sind schon auf und davon,“ weiß Volker Schiele, der Jagdpächter von Steinheim. Auffallend sei in diesem Jahr, dass die Rehkinder – die Tragezeit beträgt rund drei Monate – anscheinend über einen längeren Zeitraum hinweg zur Welt kommen. Also etliche frühreife Kitze, aber auch noch ganz kleine. Aber in jedem Fall ist klar: Bei diesen Einsätzen, kurz nach Sonnenaufgang in der Natur, sind alle Jäger gerne dabei.