Die Jungen feiern beim Frühlingsfest wie die Alten: Mit viel Bier und zu Gassenhauern wie „Mamma Mia“ oder „Sweet Caroline“. Foto: Max Kovalenko

Realschüler feiern auf dem Cannstatter Wasen - wer ins Zelt möchte, muss Verzehrgutscheine kaufen.

Stuttgart - Da kommen auch die Badener gern. Realschüler aus dem ganzen Land reisten aufs Frühlingsfest, um ihre Mittlere Reife zu feiern. Im Zelt des Wirts Hans-Peter Grandl. Der eine neue Methode gefunden hat, Geld zu verdienen.

Die Musik ist alt, die Gäste sind jung. Im Frühling 2012 geht der Sommer von 69 immer noch, 17-Jährige schmettern Bryan Adams wie einst Mama und Papa. „Sweet Caroline“ betörte bereits die Oma. Ob Neil Diamond geahnt hat, dass seine Hymne an John F. Kennedys Tochter mal ein Gassenhauer in schwäbischen Bierzelten und zwischen Zahnspangen herausgejauchzt wird – oh! oh! oh!. 4000 Schüler, pardon, ehemalige Schüler, feiern ihre „Freiheit“, wie auf T-Shirts steht.

Am Morgen haben sie noch über ihrer Matheprüfung gebrütet, sich dann zur Sternfahrt nach Stuttgart aufgemacht. Seit Jahren erschallt an den Realschulen des Landes der Ruf: „Auf zum Frühlingsfest!“ 2005 waren alle von diesem Heerzug überrascht, wie die Vandalen in Rom waren die Feiernden damals auf dem Wasen eingefallen, zumeist schon besoffen, und hatten sich dort in die Bewusstlosigkeit getrunken.

Weniger Jugendliche und weniger betrunken

Wer 16 ist, darf Bier und Wein trinken, auch mehr, als ihm guttut. Doch Schulämter, Lehrer, Polizei, Sozialarbeiter, Wasenveranstalterin in.Stuttgart und Wirte haben reagiert. Die einen informieren, die anderen kontrollieren. Offenbar mit Erfolg.

„Das ist ja beinahe ein Friedensfest, wenn man es mit den Vorjahren vergleicht“, sagt Hauptkommissar Alfred Fisel. „Es sind weniger Jugendliche als früher, und sie sind bei weitem nicht so betrunken.“ Das hat auch sein Kollege Michael Glöckler von der Bundespolizei beobachtet: „Es wird weniger vorgeglüht!“ Glöckler und Fisel stehen am Ausgang des Cannstatter Bahnhofs und wollen zeigen, wie Alkohol wirkt. Dafür muss man nicht trinken, sondern eine Rauschbrille aufsetzen. Sie lässt einen glauben, man habe 0,8 Promille im Blut. Ein junger Mann aus Rottenburg sagt: „Ein Kinderspiel für mich, ich hab’ schließlich Mittlere Reife.“ Er wankt und schwankt durch einen Parcours.

Ob der Lerneffekt anhält? Schnell will er jetzt auf den Wasen, wie auch die Kollegen. Die zwar ihre Schnapsflaschen an den vier Zivilbeamten vorbei bekommen, weil sie 18 sind und damit per Gesetz alles trinken dürfen. Doch am Eingang zum Wasen warten fünf Ordner. Und setzen das Hausrecht durch: Keine Flaschen auf dem Platz! Alles muss in den Mülleimer. „35 Euro für die Tonne“, murrt einer, der eine Flasche Batida de Coco und einen Wodka wegwerfen muss.

Drinnen gibt’s nur Bier

Nächste Station: Grandls Festzelt. Während Karl Maier und die Brüder Weeber nur Erwachsene in ihre Zelte lassen, gewährt Grandl Einlass. Für alle, die mindestens 16 Jahre sind und einen Ausweis dabeihaben. Drinnen gibt’s nur Bier, keinen Wein oder Schnaps. „Warum sollen wir den jungen Leuten das Feiern verbieten“, sagt er, „sie müssen doch auch einen Platz haben.“ Doch nicht jeder bekommt einen Platz, die Schlauen haben reserviert, die anderen stehen um 15 Uhr noch in der Schlange.

Drinnen unterhält DJ Thommy, „Mamma Mia“ von Abba macht auch Backfische glücklich. Und wenn man sieht, wie sich kroatische, serbische, italienische, türkische, spanische, eritreische oder tunesische Schwaben in den Armen liegen und schmettern „Schatzi, schenk mir ein Foto“, dann lernt man, dass Sänger Mickie Krause für die Integration so viel bewirkt wie tausend Sprachkurse.

Die jungen Gäste kennen die Rituale und Sitten im Bierzelt

Hofnarr Luigi mahnt zwischendurch, es sei „völlig uncool, betrunken auf der Bank einzuschlafen“. Aber er ruft auch: „Die Krüge hoch!“ – „Grazie“ brüllt Luigi. „Prego“ hallt es zurück. Die jungen Gäste kennen die Rituale und Sitten im Bierzelt. Sie sind offenkundig nicht das erste Mal hier. Dort gibt es Party. Fasching, Ballermann, Après-Ski, Mittlere Reife, Abi, Rummel, mittlerweile ist eins wie’s andere. Es dröhnt gleich, es steigt in den Kopf und dreht einem, wenn man’s übertreibt, den Magen um. Aber jeder will dabei sein.

Als Erster hat das Grandl begriffen. Er hat die Blaskapelle in den Ruhestand geschickt, er macht Party wie auf Malle, er hat die Tracht eingeführt, er lockt die Jungen. Und die kommen. Fast jeden Abend ist sein Zelt voll, er hat seine eigene Marke geschaffen. Man geht zum „Grandl“.

Da verzeiht ihm sein Publikum auch, dass er von ihnen im Voraus kassiert. Wer freitags oder samstags bei ihm ins Zelt will und nicht reserviert hat, muss Schlange stehen und für 15 Euro Verzehrmarken kaufen. „Das ist kein Eintritt“, sagt Grandl, „das ist wie bei einer Hocketse, Sie kaufen Marken und können Sie später einlösen.“ Gültig sind die Marken nur für diesen Tag. Wenn das Zelt fast voll sei, komme die Praxis zum Tragen. Es soll niemand im Zelt sein, der nur herumsteht und nichts ausgibt. „Wenn sie sich an einen Tisch setzen und nichts essen oder trinken, werden sie hinausgeworfen“, sagt Grandl, „das ist überall so.“ Diesen Ärger vermeide man auf diese Art und Weise.

Die Kundschaft stört’s offenbar nicht, sie steht Schlange. Um 17 Uhr ist Schichtwechsel. Wer noch gehen kann, geht heim,40 schlafen ihren Rausch beim Roten Kreuz aus, sieben landen im Krankenhaus. Am Abend kommen die Erwachsenen. Und brüllen „Die Krüge hoch!“ .

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