Michael Stocker mit seinen jüngsten Kreationen und deren stolzen Trägerinnen. Foto: Julia Barnerßoi

Vor dem Frühlingsfest hat Schneidermeister Michael Stocker aus Bad Cannstatt alle Hände voll zu tun. Rund 25 Stunden näht er an einem maßgefertigten Dirndl. Eigentlich sind seine Trachtenkleider viel zu schade für den Besuch im Bierzelt.

Bad Cannstatt - Die wahren Schätze lagern im Hinterzimmer. Wenn ein Kunde die Schneiderei von Michael Stocker an der Liebenzeller Straße betritt, fällt sein Blick sogleich auf die Trachtenecke. Die hat der Schneidermeister extra für das Frühlingsfest hergerichtet. Da gibt es Handytäschchen und Schlüsselanhänger aus Filz mit Edelweiß bestickt oder auch T-Shirts mit Bierzeltstimmung-Prints wie „Zipfelstürmer“ oder „Dreckqueen“. Sie alle hat der 47-Jährige mit den eigenen Händen gefertigt. So richtig stolz in Sachen Tracht ist er aber vor allem auf seine selbst geschneiderten Dirndl, die im Hinterzimmer frisch gebügelt auf ihre Trägerinnen warten.

Die Dirndl kosten 800 Euro und aufwärts

Rund 25 Stunden arbeitet der gelernte Maßschneider an einem solchen Wasen- oder Wiesenoutfit. Für die Stange fertigt er nichts, nur nach Auftrag. Nach dem ersten Abmessen der Kundin näht Stocker das gesamte Kleid zunächst aus einem einfachen Nesselstoff. Wenn dieses fertig ist, kommt die Kundin zur ersten Anprobe. Erneut wird gemessen und abgesteckt, dann erst setzt sich Stocker mit den hochwertigen Stoffen an die Nähmaschine. Es folgen mindestens zwei weitere Anproben. „Bis alles perfekt ist“, sagt Stocker.

Seide, Leder, hochwertige französische Spitze – es gibt wenige Materialien, die sich der Schneider nicht für ein Dirndl vorstellen kann. Von ihnen hängen dann auch die Preise der Maßanfertigungen ab. Ein ganz einfaches Dirndl gibt es ab 800 Euro. „Nach oben ist der Preis dann offen“, sagt Stocker. Ob diese Trachtenkleider nicht eigentlich viel zu wertvoll für das Gelage in den Bierzelten seien? „Eigentlich schon“, gibt Stocker zu. Die von ihm entworfenen Kleider vereinen nicht die klassischen Elemente der Tracht. Eine Lederkorsage etwa oder ein Dirndl im Bambi-Design gibt es in Bayern wohl eher nicht. „Ich sehe das alles ein wenig mit Augenzwinkern“, sagt er.

Karnevalskostüme und Lederkombos für Fetischisten

Michael Stocker liebt das Extravagante. „Natürlich mache ich auch ein graues Faltenröckchen“, sagt er. Doch am liebsten stelle er sich großen Herausforderungen. Sein Atelier wirkt wie ein Kuriositätenkabinett. In einer Nische hängt ein Neoprenanzug, ausgestattet mit Brust- und anderen Panzern, sowie leuchtenden Schläuchen. Daneben ein Kleid mit Lederkorsage und 150 im Rock eingearbeiteten Lämpchen. „Karnevalskostüme“, löst Stocker lachend die Verwirrung des Besuchs auf. Die Kunden wünschen sich Science-Fiction-Anzüge nach dem Vorbild des Films „Tron: Legacy“. Auch für Leder-Fetischisten macht der Schneidermeister Maßanfertigungen. Inzwischen sei das sogar einer seine größten Kundenstämme. „Fetisch wird gleich immer mit der SM-Richtung assoziiert“, sagt Michael Stocker. Er fertige aber mitnichten nur Masken, sondern meist ganz normale eng sitzende Hosen oder Jacken. „Die Kunden lieben einfach das Material auf der Haut und den Geruch.“ Trotzdem sage er immer scherzhaft: „Ich nähe es euch gerne, aber spielen müsst ihr alleine.“

Vor 13 Jahren hat Michael Stocker, der auch in Bad Cannstatt wohnt, seinen Meister gemacht und das Label „Amisura“ gegründet. Vor vier Jahren hat er den Laden an der Liebenzeller Straße eröffnet. Seither könne er Tag und Nacht arbeiten, wie er sagt. Das Bewusstsein der Leute habe sich gewandelt, sie würden gerne Geld für Qualität und Maßanfertigungen ausgeben, sagt Michael Stocker und fügt an: „Es geht doch nicht über ein Lieblingskleidungsstück.“

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