Die Darstellung „Spieler am Tisch – Wo Gewinner und Verlierer aufeinandertreffen“ aus einer historischen Zeitschrift soll Spieler im Casino in Monte Carlo um 1924 zeigen. Beim Festival kann das Publikum in das Spiel und die 20er Jahre abtauchen. Foto: IMAGO/Gemini Collection/IMAGO/Gemini

„Spiel ohne Grenzen“ ist der Titel des Frühjahrsfestivals, das die Staatsoper Stuttgart in Kooperation mit Staatsgalerie, Kunstmuseum und Kunstverein veranstaltet. Aber was hat Musiktheater mit Roulette, Brettspielen und Gaming zu tun?

Eine Sängerin als Croupière, eine Installation als Spielzimmer, ein Gesellschaftsspiel als Brainstorming über eine ideale Gesellschaft, zwei Celli im sportlichen Wettstreit, Zuschauende werden zu Gestaltenden, ein Dramaturg wird zur Dragqueen: Vom 5. bis 20. April verlässt die Staatsoper Stuttgart bei ihrem mittlerweile traditionellen Frühjahrsfestival wieder ihr Stammquartier und das gewohnte Genre.

 

In diesem Jahr geht es gemeinsam mit den Kooperationspartnern, dem Württembergischen Kunstverein, der Staatsgalerie, dem Kunstmuseum und der Bar White Noise, um ein „Spiel ohne Grenzen“.

Große Abzocke für den eigenen Vorteil

Musiker spielen Musik, Theater wird ebenfalls gespielt, und die Oper hat einen Spielplan. Aber gibt es genügend Verbindungen zwischen Musiktheater und Spiel, dass sich daraus ein Festival machen lässt?

Aber ja! Findet zumindest Franz-Erdmann Meyer-Herder, Dramaturg der Stuttgarter Oper. Schließlich hätten schon die letzten Frühjahrsfestivals als Spielwiesen überzeugt – weil sie dem Publikum Gelegenheit gaben, die nächsten Produktionen der Spielzeit und deren Leitlinien „im Rahmen alternativer Formate“ kennenzulernen.

Die nächste Premiere an der Staatsoper ist im Mai „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“, und tatsächlich geht es hier um die große Abzocke. Also darum, so Meyer-Herder, „wie man sich durchs Leben zockt und auch mit anderen spielt, um zu seinem eigenen Vorteil zu kommen“. So gesehen, lasse sich der Dreiakter als Reaktion des 20. Jahrhunderts auf Wagners „Ring des Nibelungen“ verstehen. Auch bei Bertolt Brecht und Kurt Weill wird jemand zum Opfer von Gesetzen, die er selbst erlassen hat – „und darin“, sagt Franz-Erdmann Meyer-Herder, „liegt die Stoßrichtung des diesjährigen Festivals.“

Dabei liegen Spiel und Ernst so dicht nebeneinander wie Oper und Württembergischer Kunstverein. „Wir wollen“, sagt Meyer-Herder, „unsere Vernetzung mit anderen Institutionen intensivieren und uns noch weiter für die Stadt öffnen. Also auch ein Publikum erreichen, das sich noch nicht mit der Institution Oper identifiziert.“

Glück herausfordern und tüfteln über Gesellschaftsmodelle

Tatsächlich lässt sich solch ein Festival auch als Versuchsanordnung deuten: Gibt es Orte und Formate, die sich die wendige Kunstform Oper vielleicht noch erobern könnte? Mit der Bildenden Kunst haben sich zuletzt ja schon spannende Liaisons ergeben – durch inszenierende Künstlerinnen und Künstler auf der Opernbühne, mit Norbert Biskys „Walküren-Basislager“ beim Frühjahrsfestival 2022. In diesem Jahr wird die Berliner Künstlerin Ulrike Theusner das Festivalzentrum im Württembergischen Kunstverein mit Motiven zu „Mahagonny“ ausstatten: auf Vorhänge gedruckte Bilder, die den je nach Anlass wechselnd, unter anderem mit Spieltischen und einer Bar, möblierten Saal umrahmen.

Dass Franz-Erdmann Meyer-Herder diesen Raum als „Spielhölle“ bezeichnet, hat viele gute Gründe. An drei Abenden können neue und unbekannte Spiele entdeckt werden; bei einer Veranstaltung kann man eigene Spiele mitbringen. Und eine Live-Musik-Game-Show lässt Publikumsteams gegeneinander mit dem Ziel antreten, unterschiedliche Gesellschaftsmodelle zu durchdenken. Bei einem Roulette-Abend gibt Maria Theresa Ullrich eine Croupière, die sich als Glücksgöttin entpuppt – und, so Meyer-Herder, „das Publikum in ihrer Unberechenbarkeit ein bisschen an der Nase herumführt“.

Zum Abschluss lädt ein Kostümball in den Club

Einen Liederabend gibt die Mezzosopranistin hier auch. Und die „Lange Nacht der Spielwelten“ bietet gleich zu Festivalbeginn ganz viel Musik, gekrönt von Mauricio Kagels „Match“, in dem zwei Celli zu Sportgeräten mutieren, und von Bernhard Langs neuestem Stück „Game 844“. Krönender Abschluss ist ein Kostümball im Stuttgarter Club White Noise. Mit dabei sind die US-amerikanische Sängerin Shannon Keegan vom Opernstudio, ein Akkordeonist, zwei DJs.

Auch der Dramaturg Franz-Erdmann Meyer-Herder ist als (moderierende) Dragqueen dabei. Das Publikum sagt er, sei „eingeladen, sich in Anlehnung an die 20er Jahre des 20. und 21. Jahrhunderts zu kostümieren“. Womit wir wieder bei der Oper selbst angekommen sind. „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ spiegelt die so genannten „goldenen 20er Jahre“ vor einem Jahrhundert. Die 20er Jahre des 21. Jahrhunderts: Das ist unsere Zeit. Dass diese mit ihrem Vorgänger-Jahrzehnt viel gemein haben, dürfte die Inszenierung des Stücks im Mai zeigen.

Das Frühjahrsfestival fordert sein Publikum aber jetzt schon auf, sich über historische Parallelen Gedanken zu machen. „Das Höher-Schneller-Weiter der goldenen Zwanziger war auch ein Versuch, sich von den Abgründen abzuwenden“, sagt Franz-Erdmann Meyer-Herder. Irgendwie kommt uns das bekannt vor.

Vielseitiges Programm

Auftakt
Die „Lange Nacht der Spielwelten“ bietet am 5. April ab 17 Uhr in drei Stationen (Staatsgalerie, Kunstmuseum, Kunstverein) Vorträge, Ausstellungs-Impressionen und ganz viel Musik mit Mitgliedern des Staatsorchesters und dem Aleph-Gitarrenquartett.

Game-Show
Bei „Rise and Fall“ kann man am 10. und 13. April gegen andere Teams um die beste aller Gesellschaften wettstreiten. Mit dabei: ein zehnköpfiges Show-Orchester und der Schauspieler Luis Hergón.

Roulette-Abend
„Alles auf Null“ ist am 12. April ein verspielter Abend mit Maria Theresa Ullrich als Fortuna und mit dem Dirigenten Nicholas Kok. Ullrich singt auch im Liedkonzert am 17. April Lieder der 20er und 30er Jahre.

Finale
Beim Kostümfest im White Noise am 20. April kann man mit fantasievoller Verkleidung Preise gewinnen.

Informationen unter www.staatsoper-stuttgart.de/spielplan/fruehjahrsfestival_2324