Ließen sich auch vom Regen nicht stoppen: Die Freiwilligen der kleinen Putzete-Kolonne von der Diezenhalde. Foto: Langner

Wilder Müll wird immer mehr zum Problem. Der Abfallwirtschaftsbetrieb ruft deshalb in diesen Tagen wieder zu kreisweiten Aufräumaktionen auf. Die Beteiligung ist beachtlich.

Für viele Raucher ist die ganze Welt anscheinend ein einziger Aschenbecher – diesen Eindruck wird man irgendwie nicht mehr los, wenn man einmal eine Stunde lang im Regen damit verbracht hat, vor dem Netto auf der Diezenhalde weggeworfene Zigarettenkippen zu sammeln. Beginnt man erst einmal, zwischen Büschen und Pflastersteinritzen danach zu suchen, sieht man die braunen Filterstummel plötzlich überall und man fühlt sich bei dem Versuch, all die achtlos weggeschnippten Hinterlassenschaften aufzuräumen, wie Sisyphos.

 

Zum Glück ist Sisyphos in diesem Fall nicht allein, sondern Teil einer kleinen, aber sehr motivierten Truppe. Die drei Väter Robert Pavicic, Dominik Holzinger und Milos Vesic haben sich an diesem verregneten Samstagvormittag gemeinsam mit ihren Kinder auf den kurzen Weg vom Stadtteilcafé Emil hinüber zum Nettoparkplatz gemacht, um dort mit Beutel, Eimer und Greifzange in den Kampf gegen wilden Müll zu ziehen. Sie sind eines von 18 Teams, das sich alleine in Böblingen an dieser vom Abfallwirtschaftsbetrieb (AWB) im gesamten Landkreis organisierten Frühjahrsputzete-Aktionswoche beteiligen.

Böblingen stellt die meisten Putzete-Aktionen im Kreis

Damit stellt Böblingen laut Stadtverwaltung die größte Zahl solcher Putzete-Kolonnen im Kreis. Engagiert sind Stadtteilarbeitskreise, Stadtteiltreffs, Kitas, Schulen, Firmen, ein Verein, ein Kinder- und Jugendtreff sowie die städtische Obdach- und Flüchtlingsunterbringung mit Bewohnerinnen und Bewohnern. Böblingen arbeitet dabei eng mit dem AWB zusammen.„Wir rechnen mit 500 Sammelnden“, sagt Böblingens Pressesprecher Fabian Strauch.

Ob es am Ende tatsächlich so viele werden, muss sich noch zeigen. An diesem Samstagvormittag sieht es jedenfalls im Café Emil für eine Weile eher so aus, als ob Natalie Huttenlocher-Drachsler, Leiterin des Stadtteilarbeitskreises (AK) Diezenhalde, die Aktion absagen müsste. Anders sieht es im Rauhen Kapf aus. „Dort sind wohl jetzt schon Leute in der Taunusstraße unterwegs“, sagt die Sozialarbeiterin mit Blick auf die Handynachricht ihrer Kollegin Senta Hagmayer-Berner, die dort den Stadtteil-AK leitet.

„Vielleicht verschieben wir es in den April“, sagt Robert Pavicic. Der 36-Jährige beteiligt sich regelmäßig bei den Stadtteil-Putzeten im Frühjahr und zum jährlichen „World Cleanup Day“ im September und weiß deshalb aus Erfahrung, dass normalerweise jeweils 20 bis 30 Leute mitmachen.

Dann kommen aber doch noch einige Papas mit ihren Kindern, und mit etwas Verspätung zieht der Mini-Mülltrupp los. Insbesondere die Kinder haben großen Spaß an der Aktion. „Schau mal, ich hab meinen ersten Müll gefunden!“, ruft der sechsjährige Julian schon nach wenigen Schritten. Bei diesem einzelnen Fund bleibt es nicht. Ein Stück weiter versuchen Julian und der neunjährige Jonathan einen in der Hecke entsorgten Betonsockel für einen Sonnenschirm anzuheben, doch der ist ihnen dann doch zu schwer.

Der Schwerpunkt liegt in dieser Jahr aus Zigarettenkippen

Schon bald sind die Müllsäcke richtig schwer von all den Tetrapacks, Plastikverpackungen, Einwegbechern, Bierflaschen und sonstigem Unrat, der rund um die kleine Einkaufsmeile in der Freiburger Allee herumliegt. Vieles davon ist sehr kleinteilig: von unzähligen Süßigkeitenverpackungen (auf Schwäbisch: „Bombobabierle“) bis hin zur allgegenwärtigen Zigarettenkippe, auf die der AWB bei der diesjährigen Aktion übrigens einen besonderer Schwerpunkt legt.

Die Initiative Omas for Future hat sich dafür etwas einfallen lassen: An vielen Sitzbänken im Stadtgebiet hängen selbst gebastelte Tetrapak-Aschenbecher – auch hier vor Ort im Grünzug der Diezenhalde sieht man welche. Ein auf die Behälter gedruckter QR-Code macht auf die schädlichen Umweltfolgen von Zigarettenkippen aufmerksam. Die Stadt Böblingen hat eigens für die Putzete Sammeleimer für Kippen beschafft. Nach einer Stunde sind diese gut gefüllt.

Auch darüber hinaus koordiniert und unterstützt die Stadt die Aktion – etwa mit Ausrüstung und Verpflegung für die Ehrenamtlichen oder später bei der Abholung der Müllsäcke durch die Technischen Betriebsdienste. Über die Frühjahrsputzete hinaus engagieren sich in Böblingen ganzjährig ehrenamtliche Blitzblank-Patinnen und -Paten für ein sauberes Stadtbild. Seit 2019 haben sich über 150 Einzelpersonen, Familien, Firmen, Kitas und Schulen für diese städtische Initiative angemeldet.

Die Menge an wildem Müll hat sich in zehn Jahren verdoppelt

Auf Kreisebene organisiert der AWB seit 2022 die Öffentlichkeitskampagne „Wilder Müll kann nix“. Trotz all diesem bürgerlichen Engagement scheint das Problem aber immer größer zu werden. Im Zeitraum zwischen 2012 und 2021 haben sich die erfassten Mengen von wildem Müll laut Landkreis von 334 auf 666 Tonnen verdoppelt.

Der Kampf gegen wilden Müll bleibt wohl eine Sisyphosarbeit – aber zumindest erntet sie hier im Dauerregen auf der Diezenhalde Beachtung. „Mensch, schau! Die sind auch bei Regen unterwegs. Nächstes Mal kannst du da auch mitmachen“, sagt eine Frau,als sie mit einem Kind an der Hand zu ihrem Auto läuft. Ein Mann, der mit einer Packung Kinder-Riegel aus dem Netto kommt, geht auf einen Helfer zu und drückt ihm einen davon in die Hand. „Hier, für die Leute der Stadtteil-Putzete. Danke für Ihren Einsatz“, sagt er – und läuft mit einem Lächeln davon.

Zigarettenkippen: die unterschätzte Umweltgefahr

Müllproblem Nummer eins
Laut Informationen des Abfallwirtschaftsbetriebs (AWB) sind Zigarettenkippen weltweit der häufigste wilde Müll. Fünf Billionen Kippen landen jährlich in der Umwelt – das sind 150 000 pro Sekunde.

Gefahr für Umwelt und Tierwelt
Eine einzige Zigarettenkippe verschmutzt 40 Liter Grundwasser. Bereits zehn Zigarettenkippen belasten ein Gewässer stärker als eine Ölverschmutzung. Vögel sammeln Kippen als Nistmaterial. Die Jungtiere nehmen dabei gefährliche Giftstoffe auf.

Wilder Müll
Laut Abfallbilanz des AWB erreichte der Landkreis mit 744 Tonnen illegal entsorgtem Müll im Jahr 2024 einen neuen Negativrekord. Das entspricht laut Landratsamt einem Anstieg von 66 Tonnen gegenüber dem Vorjahr. Auf die Pro-Kopf-Menge umgerechnet ergibt das 1,88 Kilogramm wilden Mülls pro Einwohner.

Kampagne
Im Jahr 2022 startete der Landkreis Böblingen eine Plakat- und Social-Medial-Kampagne unter unter dem Motto „Wilder Müll kann nix“.