Die ersten modernen Menschen kamen vor rund 45 000 in das Gebiet des heutigen Baden-Württembergs. Hier traf Homo sapiens auf seinen Verwandten, den Neandertaler. Es war nicht die einzige große Wanderungswelle in der Steinzeit. Wir sprachen mit dem Archäo- und Paläogenetiker Johannes Krause über die Besiedlung der Schwäbischen Alb.
Tübingen/Stuttgart/Leipzig - Bis vor rund 42 000 gehörte Europa dem Neandertaler, der zwischen 450 000 und 40 000 die Steppen und Höhlen Süd-, Mittel- und Osteuropas bevölkerte. Der ausgestorbene Verwandte des heutigen Menschen entwickelte sich in Europa – parallel zum modernen Menschen in Afrika – aus gemeinsamen afrikanischen Vorfahren der Gattung „Homo“.
Ab 45 000 wurde der Neandertaler mit einer verwandten Spezies konfrontiert, die bis dahin im fernen Afrika und Nahen Osten gelebt hatte – dem anatomisch modernen Menschen. Wie die Begegnung ablief, wie oft sich ihre Wege kreuzten und inwieweit der Mensch am Aussterben des Neandertalers beteiligt war, wissen die Forscher nicht.
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Der moderne Mensch kommt nach Europa
Bis heute ist auch umstritten, wann und in wie vielen Ausbreitungswellen der moderne Mensch von Afrika und dem Nahen Osten ausgehend Europa besiedelte. Um diese Fragen zu beantworten, haben Forscher der Universität Tübingen und des Max-Planck-Instituts (MPI) für Menschheitsgeschichte in Jena das Erbgut von 51 frühen europäischen Jägern und Sammlern aus der Zeit von vor 40 000 bis 7000 Jahren rekonstruiert.
Ihre im Wissenschaftsmagazin „Nature“ veröffentlichte Studie liefert detaillierte Einblicke in die frühe Bevölkerungsentwicklung des heutigen Baden-Württembergs und der Schwäbischen Alb.
Wir sprachen darüber mit Johannes Krause, Professor für Archäo- und Paläogenetik an der Eberhard Karls Universität in Tübingen und Direktor am MPI in Jena:
Herr Professor Krause, welche Bedeutung hat die Schwäbische Alb für die Besiedlung Europas?
Zahlreiche Proben, die wir für unser Forschungsprojekt untersucht haben, stammen von der Schwäbischen Alb – aus der Brillen- und Falkenstein-Höhe, dem Hohle Fels und dem Lech- und Lohne-Tal. Die Alb ist für die Frühgeschichte des Menschen eine ganz wichtige Region. Sie war zu dieser Zeit relativ dicht besiedelt. Die fossilen Funde von Frühmenschen sind das Ausgangsmaterial für unsere genetischen Untersuchungen.
Was machte die Alb so interessant für den Frühmenschen?
Die Alb hatte eine strategisch wichtige Lage. Man konnte hier gut jagen. In der Mammutsteppe, die dem Alpengletscher vorgelagert war, gab es genügend Tierherden und Höhlen, die als Unterschlupf in den harten Wintern dienten. In den Kalksteinhöhlen haben sich Knochen von Pferden, Wollnasshörnern und Mammuts konserviert. Wir wissen aber nicht, ob es permanente Siedlungen oder nur zeitweilige Jagdcamps waren.
Wann fand die Besiedlung statt?
Diese dichte Besiedlung fand vor und nach dem letzten glazialen Maximum, der letzten großen Eiszeit statt, die zwischen 24 000 und 18 000 Europa beherrschte. Für diese Zeit haben wir so gut wie keine menschlichen und archäologischen Funde aus der Region. Die meisten Funde stammen aus der Zeit um 35 000 bis 31 000 und ab 16 000.
Was geschah mit dem Frühmenschen zwischen 24 000 und 18 000?
Wahrscheinlich waren nur der Balkan und die Iberische Halbinsel besiedelt. Es war die Zeit der großen Vergletscherungen, die bis zum Harz und zur Alb reichten. Alles andere war Tundra. Der Alpengletscher reichte bis an den Fuß der Schwäbischen Alb und bis zum Po in Norditalien.
Alles Land über 500 Meter war unter einer dicken Eisdecke begraben. Die Seen in Süddeutschland – Ammersee, Starnberger See und Bodensee – sind Überbleibsel aus dieser Zeit. Die Menschen mussten sich aufgrund der Kälte in wärmere Regionen zurückziehen.
Wie alt ist der älteste Fund, den Archäologen aus der Zeit vor der großen Eiszeit gefunden haben?
Es handelt sich um einen rund 40 000 Jahre alten Schädel eines Menschen aus der Oase Höhle in Rumänien. Die ist der älteste Mensch, den wir aus Europa kennen. Er war eine Mischung aus Neandertaler und modernem Menschen und hatte zehn Prozent Neandertaler-Gene. Einige seiner kürzlichen Vorfahren waren Neandertaler.
Hat diese Population außer archäologischen auch genetische Spuren hinterlassen?
Dieser Neandertaler-Hybride hat keine direkten Nachkommen und DNA-Spuren in den heutigen Europäern hinterlassen. Die Population in Rumänien konnte sich wahrscheinlich nicht erfolgreich etablieren. Um diese Zeit lebten auch auf der Schwäbischen Alb Menschen, die zum anatomisch modernen Menschen gezählt werden.
Ab 37 000 – der Periode des sogenannten Aurignacien – gab es auf der Alb eine Kultur, welche die Venus vom Hohle Fels und die ersten Musikinstrumente im Geißenklösterle hervorgebracht hat. Diese Population hat Gene hinterlassen, die wir im heutigen Europäer finden.
Wie war eine solche Kunstfertigkeit überhaupt möglich angesichts des täglichen Überlebenskampfes?
Innovationen wie Kunstgegenstände und Musikinstrumente, die auf der Schwäbischen Alb gefunden wurden, waren nur möglich, weil die Population dort relativ groß war. Es musste genügend Menschen gegeben haben, damit Spezialisten wie Künstler und Waffenbauer arbeiten konnten. Wie viele Menschen damals dort lebten, lässt sich allerdings nicht sagen.
Wie endete diese erste Epoche der Frühbesiedlung?
Die Menschen der Aurignacien-Kultur sind wahrscheinlich aufgrund der starken klimatischen Veränderungen und der harten Wintern verschwunden. Ihre Nachfahren finden sich später nach der Eiszeit in Süd-Westeuropa wieder. Die Menschen sind aber wohl nicht bewusst in den Süden gewandert, weil sie keine Vorstellung von geografischen Räumen hatten.
Vor circa 31 500 erschienen dann Menschen einer neuen Kultur, die wohl aus Osteuropa in die Region der Schwäbischen Alb vordrangen – die Menschen des Gravettien.
Was waren das für Menschen? Hinterließen auch sie Gen-Spuren in den heutigen Europäern?
Es waren Mammutjäger, die aus der Steppe Osteuropas kamen und nur wenige genetische Spuren im heutigen Europäer hinterlassen haben. Die ersten frühen Menschen aus dem Aurignacien haben einen weit stärkeren genetischen Beitrag geleistet als diese Mammutjäger.
Die Mammutjäger-Kultur, die zwischen 31 000 und 24 000 Mitteleuropa bewohnte, war gekennzeichnet durch eine intensive Jagd auf Mammuts. Es gab in Russland, Tschechien und der Ukraine Siedlungen aus Mammutknochen. Es war die Zeit, in der sich das Klima wieder stark abkühlte. Die Mammut-Herden waren eine der Hauptnahrungsquellen. Diese Kultur, die kaum genetische Spuren im heutigen Europäer hinterließ, hat mit der Ende der Eiszeit Mittel- und Westeuropa wieder verlassen.
Wer folgte diesen Jägern der steinzeitlichen Großfauna nach?
Zwischen 18 000 und 14 000 finden wir Überreste der Magdalénien-Kultur aus Südfrankreich und der Iberischen Halbinsel auch auf der Schwäbischen Alb – etwa in der Brillenhöhle und im Hohle Fels. Genetisch ähneln sie den Menschen aus dem Arignacien.
Veränderte sich durch die Einwanderung auch das Aussehen der Menschen?
Ja. Wir können mit Hilfe der Gene auch einiges über das Aussehen der Menschen in Europa in den letzten 40 000 Jahren lernen. Interessant ist dabei, das alle Menschen vor der letzten Eiszeit wohl so aussahen wie heutige Afrikaner. Sie hatten dunkle Haut, dunkle Augen und dunkle Haare.
Das gilt auch für die Neandertaler. Erst vor rund 14 000 Jahren traten Menschen mit grünen und blauen Augen in Europa auf und vor circa 7000 Jahren finden wir erstmals Gene die für die helle Hautfarbe verantwortlich sind. Diese breiteten sich dann in den letzten 4000 Jahren in Europa aus. Das heißt: Das Aussehen der heutigen Europäer mit heller Haut, hellen Haaren und hellen Augen ist erst wenig tausend Jahre alt. Da müssen wohl so einige Museen ihre Ausstellungen ändern und Lehrbücher überarbeitet werden.
Zur Person: Johannes Krause
1980 geboren im thüringischen Leinefelde
2000-2005 Studium der Biochemie an der Universität Leipzig, dem University College Cork, Irland und am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie
2005-2008 Promotion in Leipzig
2013-2015 Professor für Archäo- und Päläogenetik in Tübingen
Seit 2014 Direktor am Max-Planck-Institut (MPI) für Menschheitsgeschichte in Jena
Seit 2015 Honorarprofessor für Archäo- und Paläogenetik an der Universität Tübingen