Tumore im Darm sind der dritthäufigste Grund, warum Menschen an Krebs sterben. Regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen könnte diese Zahl senken. Doch vor allem die Darmspiegelung genießt keinen guten Ruf. Wie Ärzte ein Umdenken in der Bevölkerung erreichen wollen.
Ein rosig, gut durchbluteter Tunnel, so stellt sich der Darm von Erik Ziegler (Name geändert) in zwanzigfacher Vergrößerung dar. Die Wände sind aufgeworfen von unzähligen Schleimhautfalten. Diese gilt es jetzt für den Gastroenterologen Arthur Schmidt mit Hilfe der kleinen Kamera des Endoskopieschlauchs abzusuchen. Befinden sich irgendwo kleine Wucherungen, aus denen sich eine Tumorerkrankung entwickeln kann – oder hat sich schon ein Darmkrebs gebildet?
Schon während der Untersuchung wird Krebs verhindert
Für den Chefarzt der Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie am Robert Bosch Krankenhaus in Stuttgart ist die Darmspiegelung zur Früherkennung die beste Vorsorge im Kampf gegen die Volkskrankheit Krebs. „Mit keiner anderen Prävention lässt sich Krebs besser verhindern“, sagt er. Schon allein deswegen, weil bei dieser Form der Untersuchung kleinste Vorstufen, aus denen sich Krebs entwickeln könnte, erkannt und abgetragen werden können. Das zeigen auch die Zahlen: Nach Angaben der Felix-Burda-Stiftung wurden in den vergangenen knapp 20 Jahren dank der Koloskopie rund 306 000 Neuerkrankungen verhindert.
In vielen Bundesländern sind die Menschen Vorsorgemuffel
Die Zahlen könnten sogar besser sein – wenn die Menschen diese Möglichkeit der Früherkennung nutzen würden. Doch die Darmspiegelung ist nur wenig beliebt: Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin nehmen gerade mal knapp 20 Prozent der gesetzlich Krankenversicherten diese Form der Krebsfrüherkennung wahr. Auf wenig Interesse stößt die Vorsorge in ländlichen Gebieten: In Hessen beispielsweise sind es knapp zehn Prozent der Versicherten, die je eine Darmspiegelung in Anspruch genommen haben. In Baden-Württemberg sind es rund 16 Prozent. In Hamburg dagegen hat sich knapp jeder Dritte (28,4 Prozent) schon in den Darm schauen lassen.
Kassenärztliche Aufklärung oft zu kompliziert
Längst wird auf Ärztekongressen diskutiert, wie sich Bürger besser von den Vorteilen der Darmspiegelung überzeugen lassen können. „Das Hauptproblem ist, dass unser Einladungssystem für die Vorsorgekoloskopie viel zu abschreckend ist“, sagt etwa Julia Meyerle, Ärztliche Direktorin der Medizinischen Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie an der LMU München erst Ende April beim Internistenkongress in Wiesbaden. Ganze 18 Seiten umfasse das Schreiben, dass seit 2019 von den Krankenkassen regelmäßig an Versicherte verschickt werde. Vieles, was darin stehe, sei für Laien absolut unverständlich, so Meyerle. Das hat inzwischen auch der Gemeinsame Bundesausschuss erkannt – und will die Einladungen zur Vorsorgekoloskopie überarbeiten.
Ärzte untersuchen, wie oft Frauen und Männer überhaupt zur Vorsorge müssen
Am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg wiederum wird untersucht, ob es nicht besser sei, die Menschen schon viel früher in das Vorsorgeprogramm aufzunehmen: So könnten neben Männern auch Frauen stark davon profitieren, wenn das Anspruchsalter für die Vorsorge-Darmspiegelung von 55 auf 50 Jahre herabgesetzt würde. Außerdem könnten ergänzende Vorsorge-Angebote in höherem Alter erheblich dazu beitragen, die Zahl der Neuerkrankungen und der Sterbefälle zu senken.
Beispielsweise würde eine dritte Vorsorgekoloskopie ab dem Alter von 70 Jahren bei Männern das Risiko, an Darmkrebs zu sterben, um weitere neun Prozent verringern. Ähnlich starke Effekte zeigen sich bei einer Erweiterung des Angebots um zusätzliche immunologische Stuhltests in höherem Alter. Für Frauen wäre ein alternatives Vorsorgeangebot mit drei Koloskopien alle zehn Jahre ab dem Alter von 50 Jahren wirksamer als alle aktuell verfügbaren Angebote, die bei Patientinnen ab dem Alter von 55 Jahren gelten.
Hausärzte müssen mehr für die Vorsorge werben
Diese Erkenntnisse, so argumentiert die Gastroenterologin Meyerle, müssten aber mehr kommuniziert werden – und nimmt dabei vor allem die Hausärzte als erste Ansprechpartner in die Pflicht: „Neben der Organisation des Einladungsverfahrens spielt auch die Information und Motivation der Anspruchsberechtigten eine große Rolle, hierbei haben die Hausärztinnen und Hausärzte eine wesentliche Rolle in der Motivation“, sagt sie.
Angst vor Schmerzen oder Verletzungen oft unbegründet
Eine sensiblere Aufklärung – das wünscht sich auch der Chefarzt Arthur Schmidt vom RBK Stuttgart: Im Patientengespräch werde oft die Angst vor der Koloskopie thematisiert. „Für viele ist allein die Vorstellung, einen Schlauch in den Darm eingeführt zu bekommen, sehr unangenehm“, sagt der Gastroenterologe. Hinzu kommt die Sorge, dass die Prozedur mit Schmerzen einhergehe.“ Zumindest diese lässt sich schnell nehmen: „Normalerweise werde eine Darmspiegelung unter einer Sedierung – also einem tiefem Schlaf – durchgeführt“, sagt Schmidt.
Verletzungen der Darmwand oder weitere Nebenwirkungen seien extrem selten. Nicht zu unterschätzen sei die Unwissenheit der Bürger darüber, wie häufig Darmkrebs diagnostiziert werde: „Vielen ist nicht bewusst, dass Darmkrebs eine häufige Erkrankung ist, die vor allem im Alter von 50 bis 55 Jahren auftritt“, sagt Schmidt.
Tumore lassen sich heute sehr gut behandeln
Auch Erik Ziegler wäre nicht zur Vorsorge gegangen, wenn ihn sein Bruder nicht dazu gedrängt habe. „Ich dachte immer, das hätte Zeit“, sagt er. Der Unternehmer ist viel im Ausland unterwegs und muss daher aus beruflichen Gründen viele Gesundheitschecks vorweisen. Ernsthaft krank war er bislang nie. Und doch zeigt sich bei der Untersuchung ein rund ein bis zwei Zentimeter großes Geschwulst im Dickdarm. Für den 64-Jährigen ein ziemlicher Schock: „Das musste ich erst einmal verarbeiten.“
Derzeit erhält Ziegler eine Chemotherapie und eine Bestrahlung um den Tumor zu verkleinern. Beide Therapien vertrage er gut. Und auch der Gastroenterologe Arthur Schmidt vom Robert Bosch Krankenhaus schätzt die Chance, dass Herr Ziegler durch die Therapie geheilt werden kann als sehr gut ein. In einigen Fällen sprechen Tumoren des Enddarms sogar so gut auf die moderne medikamentöse und strahlentherapeutische Behandlung an, dass sie nicht mehr operativ entfernt werden müssen ein. Schließlich berge eine OP stets das Risiko für Nebenwirkungen „Inzwischen sind unsere Methoden allerdings so verfeinert, dass etwa ein Fünftel der Darmkrebspatienten, bei denen der Tumor noch keine Metastasen gebildet hat, ohne Operation auskommen kann.“
Diese Möglichkeiten der Früherkennung gibt es in Deutschland
Gesetzliche Vorsorge
In Deutschland werden derzeit verschiedene Möglichkeiten zur Darmkrebsvorsorge angeboten: die alleinige Verwendung fäkaler immunologischer Stuhltests (FITs), eine Kombination aus FITs und nachfolgender Darmspiegelung (Koloskopie), sowie die alleinige Koloskopie. FITs sind für beide Geschlechter ab dem 50. Lebensjahr verfügbar. Männer haben ab dem Alter von 50 Jahren auch Anspruch auf eine Darmspiegelung, Frauen ab 55 Jahren.
Familiäres Risiko
In den westlichen Industrienationen gibt es eine Zunahme der Darmkrebsinzidenz bei jüngeren Patienten, early-onset kolorektale Karzinome (EO-CRC). Hierbei handelt es sich um kolorektale Karzinome, die vor dem 50. Lebensjahr auftreten. Aktuelle Studien zeigen, dass der Anteil dieser Patienten in den Vereinigten Staaten derzeit ungefähr 12 Prozent ausmacht und Daten aus Deutschland zeigen ebenfalls einen jährlichen Anstieg dieser früh auftretenden kolorektalen Karzinome um ungefähr 1,2 Prozent,mit einem geschätzten Anteil von 5 Prozent der Gesamtdickdarmkrebsfälle. Die Ursachen hierfür sind multifaktoriell und abschließend nicht geklärt.