Klaus Zehelein, Stuttgarter Opernintendant von 1991 bis 2006, hat seine Autobiografie vorgelegt. Das Buch ist auch eine starke Analyse von Theater- und Zeitgeschichte.
Bei Luigi Nono brauchte es Überzeugungsarbeit. Der Komponist war keineswegs erbaut von der Idee, seine Oper „Al gran sole carico d’amore“ auf konträrem Inszenierungskurs zu Juri Ljubimovs Mailänder Uraufführungsregie nach Frankfurt zu lotsen. Ein Fall für den Chefdramaturgen Klaus Zehelein. Nach dreistündigem Intensivdialog war Jürgen Flimms Neuinszenierung gerettet, und Nono verkündete: „Klaus kennt das Stück besser als ich.“ „Das stimmte natürlich nicht“, kommentiert Zehelein in seiner jüngst erschienenen Autobiografie. Man darf darin eine höfliche Lüge sehen.
Denn der Interpret kann klüger sein als der Autor – ohne Überheblichkeit und Klugscheißerei. Wohl aber durch genaue Lektüre, Analyse der Kontexte, Abschminken der Klischees, mit denen faule Konventionen die Werke übertünchen. In all dem liegt die Leidenschaft des Adorno-Schülers Zehelein.
Frischzellenkur für den Musiktheaterbetrieb
Versteht sich, dass er bereits lange vor der allgemeinen Digitaldebilität der schlimmsten aller Todsünden bezichtigt wurde, der des Denkens: Als „intellektuellen Totengräber des Theaters“ diffamierte ihn ein Regisseur, der 1968 in Kiel Goethes „Iphigenie“ inszenieren sollte. Zehelein wollte ihn vom Gegenteil des Gipskopf-Klassizismus überzeugen, der dem Stück anhängt.
Statt zu den Bestattern zählt er zu den Erweckern namentlich der Oper aus tantenhafter Scheinlebendigkeit. Die Frischzellenkur, die er als Frankfurter Chefdramaturg, dann Operndirektor von 1977 bis 1987 zusammen mit dem Dirigenten Michael Gielen und Regisseuren wie Ruth Berghaus oder Hans Neuenfels dem Musiktheaterbetrieb verschrieb, machte Epoche; ebenso seine famose Stuttgarter Opernintendanz von 1991 bis 2006. Inszeniert hat er nur im Notfall. Sein Wirken war das des dramaturgischen Masterminds.
Nichts Intimes, kaum Privates
Fragt man sich indes nicht nur, wofür Zehelein steht, sondern wer er ist, verweist einen die Autobiografie des 85-Jährigen zurück an die erste Frage. Zehelein schreibt über seine Theaterstationen von Kiel (1967– 1970) über Oldenburg (1970–1977) bis Frankfurt und Stuttgart, dazwischen zwei Jahre am Thalia-Theater in Hamburg. Ein paar Seiten über die frühen Jahre und das Studium bei Adorno, fünf Seiten über Ehefrau Marianne, eine Psychologin, und Tochter Lina, ebenfalls Dramaturgin. Auch sie erscheinen mit der dem Professionellen zugewandten Beziehungsseite. Nichts Intimes, kaum Privates. Zeheleins Person ist seine Profession.
Mehr als über sich schreibt er über andere: mit Wertschätzung, wo er sie am Platz sieht; wo nicht, äußert er sich frei von Diffamierung. Trotzdem kann er deutlich werden. Zum Beispiel über Wolfgang Gönnenwein, Stuttgarter Generalintendant im Späth-Feudalismus. Gönnenwein hat Zehelein engagiert, und der traf in ihm seinen einstigen Orgellehrer vom Internat in Michelbach an der Bilz. „Kein unsympathischer Mann“, urteilt er, aber: „Ihn holte sein unverantwortlicher Umgang mit Geld an den Theatern ein.“ Als Kapitän des Dreispartendampfers am Eckensee hatte Gönnenwein die berüchtigte „Bugwelle“ von vier Millionen Mark Schulden aufgeschäumt. Zusammen mit Geschäftsführer Hans Tränkle, einem fähigen Krisenmanager, musste Zehelein gegen sie anrudern.
Was an Anekdotischem in die Biografie einfließt, pointiert sich selbst. Etwa die Notiz zur DDR-Bürgerin Ruth Berghaus: „Ruth hatte immer gute Weine.“ Wer jemals in der DDR Wein getrunken hat, weiß, was das bedeutet. Auf der anderen Seite: Im Shop der New Yorker Met fand Zehelein DVDs von Stuttgarter Inszenierungen – unter der Rubrik „Euro Trash“.
Er ist überzeugt: Lebendig werden die Werke nur in ihren Widersprüchen
Desinteressiert an Indiskretion, wirft Zehelein keine Blicke hinter, sondern vor die Kulissen: auf die Kunst. Daher der synästhetische Titel „Unerhörte Augenblicke“, anspielend auf die Synästhesie der Oper selbst: Wie sie einem Hören und Sehen entstehen und vergehen lässt – das ist für Zehelein der unerhörte Augenblick, der Sinn der Sinnlichkeit, der aufblitzt und sich im nächsten Moment verdunkelt. Die bündige Botschaft, die stimmige Interpretation, so die Überzeugung des Dramaturgen, sind Särge der Werke. Lebendig werden sie in ihren Widersprüchen, im Unmöglichen, das Utopisches zum Vorschein bringt.
Wagners „Ring“ bricht er auf
Zehelein argumentiert philosophisch, gelangt von der Hegel-Kritik Adornos („Das Ganze ist das Unwahre“) zur Dekonstruktion Jacques Derridas, der ihn als Gastdozent an sein Collège international de philosophie holte. Kluge Überlegungen zu Verdis „Aida“ klären, warum Hans Neuenfels’ Frankfurter Inszenierung sich nicht erschöpft unterm Etikett „Aida als Putzfrau“. Das Misstrauen gegen den Totalitätsanspruch von Wagners „Ring“ wird zur angewandten Dekonstruktion: zum Aufbrechen des Zyklus durch vier autonome Regie-Sichtweisen – neben Helmut Lachenmanns „Mädchen mit den Schwefelhölzern“ einer der Höhepunkte der Stuttgarter Zehelein-Ära.
Die Werk- und Werkstatt-Analysen erhellen die jüngere Theatergeschichte, stets mit Transparenz fürs politisch und sozial Zeitgeschichtliche. Denn Zehelein weiß um die „Höhlenexistenz“ seines Metiers im geschlossenen System der Bühnenproduktion. Deshalb bricht er es auf. Die „gesellschaftspolitische Aufklärung“, für die Jossi Wieler im Vorwort seinen Mentor lobt, spricht auch aus der Autobiografie.
Die Autobiografie basiert auf Gesprächen
Herausgegeben von dem Theaterwissenschaftler Günther Heeg, basiert sie auf Transkriptionen von Gesprächen. Gelegentliche Wiederholungen bezeugen die Tücken des Verfahrens, einige Fehler ein nachlässiges Lektorat. Gravierendster Schnitzer: Die streikbedingt konzertante Stuttgarter Uraufführung von Gérard Pessons „Pastorale“ wird vom Mai 2006 in die Spielzeit 1986/87 fehldatiert, dem Stück obendrein der Titel einer Cherubini-Oper von 1803 verpasst: „Anacréon ou L’amour fugitif“.
Erfreulicher: ein Superlativ. „Das Stuttgarter Publikum ist das beste der Welt“, sagt Zehelein. Ihm schaltete er nicht nur den Opernbetrieb auf brisant, sondern öffnete „Laboratorien der Vermittlung“: Junge Oper und Forum Neues Musiktheater. Dass letzteres nach seinem Wechsel an die Bayerische Theaterakademie flugs geschlossen wurde, kann er bis heute nicht verstehen.
Klaus Zehelein: Unerhörte Augenblicke. Autobiografie. Herausgegeben von Günther Heeg. Verlag Theater der Zeit. 299 Seiten, 22 Euro.
Termin Am Sonntag, 18. Januar, stellt Klaus Zehelein seine Autobiografie im Stuttgarter Opernhaus vor. Beginn 19.30 Uhr.