Bruno Bienzle ist im Alter von 74 Jahren gestorben. Foto:  

Bruno Bienzle, langjähriger Sport- und Lokalchef der Stuttgarter Nachrichten, ist am vergangenen Donnerstag im Alter von 74 Jahren gestorben. Er prägte über vier Jahrzehnte die Berichterstattung und hütete in der Zeit die Klarheit der deutschen Sprache.

Stuttgart - Im Februar 2007 hatte Bruno Bienzle Kollegen und Weggefährten ­geladen. Das Fest stieg bei Paolo in Heslach, nicht lange bevor das Restaurant abgerissen wurde. bb, wie man ihn nach seinem Kürzel nannte, hatte eine italienische Kneipe ­gewählt. Er liebte Italienisches, das Essen, die Sprache, die Weine. Es gab eine Zeit, da fuhr er auch ein italienisches Auto. Bei Paolo feierten wir damals die kleine Party zu ­Bruno Bienzles Schritt aus dem Redaktionsleben in den Ruhestand. Die Party war nichts Großes, nichts Offizielles – ein solches ­Ritual hatte er sich nach 40 Jahren als ­Redakteur, die meiste Zeit als Ressortchef der Stuttgarter Nachrichten, verbeten.

Vor dem Fest überlegten wir, wie man ihm die Messe lesen könnte, und schnell war klar, dass man im Fall bb keine „Abschiedsrede“ halten kann. Abschied wovon? Einer wie Bienzle würde in den Köpfen präsent ­bleiben, egal, ob er noch ins Büro käme oder nicht. Er war Journalist mit Haut und Haar und ein Typ, und von Abschied will man bei so einem Mann auch nicht reden, wenn er tot ist. Seinen Freunden bleibt er gegenwärtig, und wenn es ein handwerk­liches Problem gibt, wird einer von denen, die ihn gut ­gekannt haben, sagen: „bb hat ­gesagt . . .“

Möhringen war die Heimat

Es war ein lustiges Fest bei Paolo. ­Musikanten spielten, und der ehemalige StN-Kollege Peter Kümmel, heute Theater­kritiker bei der Hamburger „Zeit“, hatte uns eine gewitzte Laudatio geschickt: „Es gibt einen Laut, in dem der ganze Bruno Bienzle aufgehoben ist. Es ist der Laut Hhh!. Säße man mit Bienzle in einem dunklen Raum, am Hhh! würde man ihn erkennen. Ein scharfer Schleif- und Reibelaut, welcher der Kehle nicht guttut und dafür verantwortlich ist, dass bbs Stimme etwas schartig klingt. ­Dieser Laut, der nur eine Hundertstel­sekunde lang erklingt, enthält den ganzen Mann: schwäbische Pressluft, ausgestoßen mit einem Gesichtsausdruck der Verzweiflung und einer Zuckbewegung der ­wuchtigen Schultern. Hhh! bedeutet: Das fragst du mich? Wenn du das nicht selbst weißt, kann dir keiner helfen.“

1976 wurde ich von bb in den Anker ­bestellt, nach Möhringen, Bienzles Heimat; dieses Gasthaus war ein Umschlagplatz für Fußballtratsch. Als 22-Jähriger­ sollte ich als jüngster Redakteur des Ladens angeheuert werden, und Bienzle wollte nicht wissen, ob ich je eine Schule oder Universität von innen gesehen hätte. Er fragte: Was lesen Sie? Zum Glück sind mir die Namen von zwei, drei Schrift­stellern eingefallen. Hätte ich ­„Zeitungen“ gesagt, hätte bb sein Hhh! ausgestoßen, und das wär’s gewesen.

Auf dem geraden Weg

Schon in den 70er Jahren war Bienzle Sportchef der Stuttgarter Nachrichten. Als einer der Ersten in diesem Job erkannte er, dass die Zeit der Eins-zu-null-Berichterstattung, die Chronisten-Langeweile im Jour­nalismus, vorbei war. Er stellte den Sport, mit all seinen Reizen und Abgründen, in ­gesellschaftliche Zusammenhänge. Von ihm konnte man lernen, warum Fußballberichte nicht nur Sportberichte sind. 1978 war bb bei der WM in Argentinien und schilderte, wie die Frauen auf der Plaza de Mayo von Buenos Aires die Opfer der Diktatur beklagten. Der Sportchef, ­sagten wir uns, ist ein besserer Demokrat als mancher politische Kommentator. Und mit seiner Haltung hat sich bb nicht nur Freunde geschaffen.

In unserer Zeitung leitete er auch lange die Aktion Weihnachten zur Unterstützung von Menschen in Not. Für diese ­ Initiative gewann er einst die John-Cranko-Schule, die uns seitdem Jahr für Jahr mit einer ­großen ­Benefiz-Matinee begeistert.

Er war kein typischer 68er oder gar ein ­Salon-Linker. Er hatte einen ­eigenwilligen Kopf, geformt von christ­licher, pazifistischer Ethik. Er war ein ­Skeptiker, kritisch gegenüber Parteien und Ideologien, Moden und Trends. „Er bevorzugte den geraden Weg“, er war „für Chefs und andere ­Würdenträger kein pflegeleichter Partner“, schrieb Martin Hohnecker 2007 in der „Stuttgarter Zeitung“.

Kenner der Stadt

Am 4. Januar 1943 in Stuttgart geboren, ­studierte Bruno Bienzle nach dem Abitur Germanistik, Philosophie und Soziologie. Er volontierte bei der „Waiblinger Kreis­zeitung“. 1968 kam er zu den Stuttgarter Nachrichten, wurde bald Sportchef, später ­Redaktionsleiter der von ihm neu gestalteten Wochenendbeilage „Querschnitt“. 1981 übernahm er den Job des Lokalchefs. Etwas Besseres hätte der Zeitung damals nicht ­passieren können. Bienzle kannte Mann und Maus in der Stadt, er begegnete den ­Menschen mit Respekt und Humor. Er kannte jeden Winkel, jede Verbindung, jeden Schleichweg im Kessel. Und er hatte ein Gedächtnis, das wir nie vergessen sollten . . .

Weil er gelernt hatte, dass der Sportreporter die gute Geschichte oft nicht in der ­Arena, sondern in der Nebenstraße findet, war er ein umtriebiger Mensch. Bevor er ein überzeugter und liebevoller Familienmensch wurde, kannten wir ihn als Jungen aus dem Leben. Wenn er in den 70ern seinen roten Alfa in der Altstadt geparkt hatte, zog er allerdings nicht nur zum ­Vergnügen um die Häuser. Auf der Straße ­lagen reichlich Geschichten, meist auf einer, die von anderen Reportern gemieden wurde.

Leidenschaft Rennrad

Bruno Bienzle hat immer auf Stil, auf Sprache, auf das richtige Wort, den präzisen Satz geachtet. Er hatte eine Nase für ­Themen und Neuigkeiten, er war ein ­Detektiv, einer, der nicht lockerließ. Selbstverständlich schlug sein Herz, wie bei jedem Ehrenmann, für die Blauen, die Stuttgarter Kickers. Aber er hätte den Roten, dem VfB, nie einen Fehlschuss gewünscht. Dafür ­liebte er den Sport und die Stadt zu sehr.

Nie werde ich vergessen, wie Bruno ­Bienzle neben seiner Freude an der Kunst (am Ballett und Theater), neben seiner ­Leidenschaft für den Fußball schon früh eine andere Liebe hatte: das Radfahren. Lange bevor die Tour de France hierzulande populär wurde, lange bevor das Rad in den ­Städten als Alternative zum Auto entdeckt wurde, hatte er uns erklärt, wie das ­Zu­sammenspiel der Kräfte funktionierte: Psychologie, Taktik, Team-Strategie, Drogen.

Ausgerechnet bei einem Sturz mit seinem Sportrad, auf einem Routineausflug in der Nähe seines Hauses in Nürtingen, hat sich Bruno Bienzle im Oktober 2009 seine ­un­heilbaren Verletzungen zugezogen.

Dem Schicksal getrotzt

Als er danach vom Hals abwärts gelähmt in der ­Tübinger Unfallklinik lag, haben wir schon im Krankenhaus einen Mann erlebt, der wie früher kämpfte, der mit schwä­bischem Witz dem Unfassbaren trotzte, als sei das Rennen noch lange nicht gelaufen. Er hat sein Schicksal angenommen, sich für das Leben und Leiden im Kreis seiner Familie entschieden. Er war ein Mutmacher, ein Mann mit Haltung. In den folgenden Jahren, ans Krankenbett gefesselt, nur an verhältnismäßig guten Tagen im Rollstuhl, empfing er regelmäßig Besucher. Es waren Stunden voller Erzählungen, Erinnerungen, Kommentare zur Gegenwart. Mit einer Mundmaus schrieb er, wann immer es ihm seine Verfassung erlaubte, weiter am Bildschirm: Notizen, lange E-Mails, auch Artikel.

Bruno Bienzle ist am vergangenen ­Donnerstag im Krankenhaus in Nürtingen gestorben. Er hinterlässt vier Töchter, einen Sohn, seine Frau Annerose, eine große ­Familie. Und er hinterlässt Freunde, die es zu schätzen ­wissen, dass sie mit ihm in einem Team ­spielen durften.

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