Eine ganze Familie wurde ausgelöscht. Ein Inferno suchte die Esslinger Altstadt heim. Trostlosigkeit brach über die Region herein: Hochwasser haben im Landkreis Esslingen immer wieder Angst und Schrecken verbreitet – und das seit Jahrhunderten.
Selbst in der allergrößten Not verließ ihn die Poesie nicht. Der Esslinger Heimatdichter Ludwig Barthlomä ließ sich von der Hilfsbereitschaft seiner Landsleute nach dem verheerenden Hochwasser im Februar 1508 zu einem holprigen Vers verleiten: „Die sahen an die große Not und führten ihnen zu Fleisch und Brot.“ Das verunglückte Versmaß ist entschuldbar. Denn über den Schreiber war ein großes Unglück hereingebrochen. Der Sohn des Dichters hatte das Hochwasser zwar überlebt, weil er während der Überschwemmungen nicht zu Hause gewesen war. Doch die Ehefrau, die vier Kinder und die Schwiegermutter des Sohnes waren ums Leben gekommen. Sie waren laut Quellen des Stadtarchivs Esslingen während der Überschwemmungen 1508 unter einem einstürzenden Haus begraben worden. Nicht nur in Zeiten des Klimawandels müssen die Bewohner des Landkreises Esslingen gegen Wassermassen kämpfen. In seiner langen Geschichte ereigneten sich mehrfach schlimme Hochwasser.
Sie haben ihre Spuren hinterlassen. Am Schelztorturm in der Esslinger Altstadt ist die Erinnerung an eine dieser Katastrophen in Stein eingemeißelt. Auf einer Tafel an der Mauer sind die Pegelstände des Hochwassers von 1824 ablesbar. Es muss laut Chroniken, Zeitungsartikeln und Augenzeugenberichten aus den Beständen des Esslinger Stadtarchivs ein wahres Inferno gewesen sein, das sich in der „Schreckensnacht“ vom 29. auf den 30. Oktober 1824 in der Neckarstadt abspielte: Dauerregen prasselte hernieder. Die Kiesmauer zwischen Oberesslingen und der Stadt war durchgebrochen. Der Neckar trat über die Ufer. Angeschwollene Bäche strömten zusätzlich aus den Bergen herab. „Furchtbar rauschten die empörten Fluten“, schreibt ein Zeitzeuge. In fliegender Hast wurden Balken und Bretter zu notdürftigen Flößen zusammengebaut. Alle Kähne waren im Einsatz. Pechpfannen und Laternen an den Häusern sorgten für eine gespenstisch flackernde Helligkeit und beleuchteten eine furchtbare Szenerie. Die Hälfte der Stadt war überschwemmt. Doch erst am Morgen zeigte sich das ganze Ausmaß der Verwüstung: „Von der Höhe des Neckarthales herab sah man alles unter Wasser – gegen Cannstatt ebenso wie gegen Plochingen hinaus“. Nur die Bäume und das Schloss Weil blickten aus den Fluten heraus.
Badeanstalt unter Wasser
Niederschmetternde Eindrücke brachte auch ein Berichterstatter der Eßlinger Zeitung von einer Autofahrt durch Hochwassergebiete im Neckartal mit. In der Ausgabe vom 14. Juni 1938 berichtet er darüber: Ein Bierzelt mit einer rot-weißen Zeltplane und ein Fliegerkarussell ragten in Wernau aus den Fluten – Überbleibsel des ins Wasser gefallenen Kinderfestes. Die Plochinger Badeanstalt war überschwemmt: „Aus dem sommerlichen Badeglück vor einigen Tagen ist graue, fröstelnde Überschwemmungsstimmung und Trostlosigkeit geworden.“ Die große Neckarbrücke bei Plochingen, über die die Straße nach Kirchheim und Nürtingen führt, war gesperrt. Doch es gab Privilegien für wichtige Menschen: „Das Zeitungsauto darf die Sperre passieren.“
Schrecken verbreiteten die entfesselten Naturgewalten auch in neuerer Zeit. Beim „Jahrhunderthochwasser“ erreichte der Plochinger Neckarpegel am 24. Mai 1978 einen Höchststand von 5,81 Metern. Am Mittag des darauffolgenden Tages wurden immer noch 3,10 Meter abgelesen. In Nürtingen-Neckarhausen und Neckartailfingen retteten Feuerwehrleute elf Personen mit Schlauchbooten aus großer Gefahr. Rund 50 Menschen mussten aus gefährdeten Wohnhäusern evakuiert werden. Der Neckar überflutete Wohn- und Industriegebiete, Sportanlagen, Versorgungseinrichtungen, forst- und landwirtschaftliche Kulturen im Neckar-, Aich- und Körschtal sowie an der Filsmündung in Plochingen.
Die anderen sind schuld
Der Schaden wird mit insgesamt etwa 100 Millionen Mark beziffert. Landkreis und betroffene Gemeinden beschuldigten sich 1978 gegenseitig, für ausgebliebene oder verspätete Alarmierungen und Hilfeleistungen verantwortlich zu sein. Allerdings, so berichtete die Eßlinger Zeitung zehn Jahre nach dem „Jahrhunderthochwasser“, hätten die Behörden den Schutz auch durch das Pumpwerk Unterensingen, einen Damm an Kreisstraße 1219, einen optimierten Meldedienst sowie Rückhalte- und Speicherbecken an Nebenflüssen des Neckars verbessert.
Das Hochwasser von 2013
Sicherungen
Der vermeintliche Musterknabe war gar keiner. Laut einem Bericht der Eßlinger Zeitung hatte sich Esslingen auf der sicheren Seite gewähnt. Denn mit Investitionen im zweistelligen Millionenbereich sei in 27 Regenbecken investiert worden. Doch das Hochwasser vom Juni 2013 strafte diesen Optimismus Lügen.
Auswirkungen
Das Blindenwerk in der Fritz-Müller-Straße in Esslingen wurde geflutet. Vier Schiffe saßen im Plochinger Hafen fest . Ein Bagger krachte in das Wehr beim Landratsamt Esslingen.