In der früheren Daimler-Zentrale in Möhringen entsteht ein neues Datencenter des Start-ups Nexspace. Mittelständler und Behörden können damit mehr digitale Eigenständigkeit erreichen.
Der Rechenzentrumsbetreiber Nexspace wird zum Ende des Jahres ein neues Rechenzentrum in Stuttgart eröffnen. „Wir sehen einen klaren Bedarf an leistungsfähiger, regional verankerter IT-Infrastruktur“, sagte der Nexspace-Vorstandschef Christian Zipp. Viele mittelständische Unternehmen, Behörden und Forschungseinrichtungen in der Region arbeiteten mit sensiblen Daten, die sie „resilienter, energieeffizienter und regelkonform“ sichern müssten, so der Chef des Heidelberger Tech-Start-ups weiter.
Bei dem neuen Rechenzentrum handelt es sich um ein sogenanntes Edge-Rechenzentrum, das derzeit unterirdisch in der früheren Daimler-Zentrale in Stuttgart Möhringen auf dem heutigen Campus Sternhöhe gebaut wird. Ein solches Rechenzentrum fällt deutlich kleiner aus als die KI-Rechenzentren der Tech-Riesen Amazon, Microsoft oder Google. Ein Edge-Datencenter stellt der nahen Kundschaft einen gesicherten Raum, Kühlung und Energie zur Verfügung. Die Unternehmen betreiben dort ihre eigene IT-Hardware. Das Ganze wird Co-Location genannt.
Energieverbrauch so hoch wie 2600 Haushalte
Die Anschlussleistung des neuen Rechenzentrums auf 1800 Quadratmetern soll 3,4 Megawatt betragen. Das entspricht in etwa dem Stromverbrauch von rund 2600 Haushalten. Nach Firmenangaben sollen dort einmal zehn Fachkräfte in Technik, Vertrieb, Marketing und Finanzen arbeiten. Nexspace ist ein erst 2023 gegründetes Unternehmen mit 21 Mitarbeitern, das bereits Rechenzentren in Heidelberg und im österreichischen Graz betreibt. In Heidelberg zählt das renommierte Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) zur Kundschaft. Umsatzzahlen möchte das Jungunternehmen nicht preisgeben. Als Beleg für das Wachstumspotenzial verweist man darauf, dass sich die Mitarbeiterzahl im vergangenen Jahr mit zwölf Neueinstellungen mehr als verdoppelt hat.
Bei vielen Mittelständlern, Organisationen der kritischen Infrastruktur und Ämtern sei zuletzt das Bewusstsein für die Bedeutung digitaler Souveränität, klarer Rechtsräume und persönlicher Ansprechpartner vor Ort „stark gestiegen“, berichtet Nexspace-Marketing-Chef Johannes Wacha. Hintergrund ist die große digitale Abhängigkeit Europas von den USA. Diese Abhängigkeit wird unter dem US-Präsidenten Donald Trump von vielen Firmen und Behörden als ernsthaftes Risiko bewertet.
Regionale Strategie für Rechenzentren gefordert
Nach Erhebungen des Digitalverbands Bitkom importieren 96 Prozent der deutschen Unternehmen digitale Technologien und Services aus den USA. Vier von fünf Firmen wünschten sich aber europäische Alternativen. Nach Ansicht vieler Experten scheint auch damit eine echte Souveränität auch auf längere Sicht kaum erreichbar. Doch mehr Eigenständigkeit könnte das Risiko verringern, von US-Seite ausspioniert oder unter Druck gesetzt zu werden.
Die IHK begrüßt die Ansiedlung von Nexspace in Stuttgart. „In der Region Stuttgart tut sich gerade einiges beim Thema Rechenzentren“, sagt der Präsident der IHK Region Stuttgart, Claus Paal, und verweist auf den Ausbau mehrerer Rechenzentren von Dienstleistern und auch auf das geplante Hochleistungsrechenzentrum der Universität Stuttgart. „Wichtig wäre jetzt, zügig eine Strategie zu erarbeiten, welche Kapazitäten es gibt und welche in Zukunft benötigt werden – abgestimmt auf die Bedürfnisse der regionalen Wirtschaft.“
Ziel müsse es sein, bei der digitalen Zukunft und vor allem bei der Nutzung von KI eigene regionale Ressourcen zu haben, um nicht von Dritten abhängig zu sein, so Paal weiter. Die IHK sieht Rechenzentren als „einen entscheidenden Standortfaktor für die wirtschaftliche Zukunft der Region, neben dem zügigen Ausbau schneller Datennetze“.
Doch die Hürden für den Ausbau von Rechenzentren in der Region wie in ganz Deutschland bleiben hoch: Geeignete Standorte sind rar, die Energieversorgung und Stromkosten bleiben das wichtigste Nadelöhr. Außerdem pochen Industrievertreter immer wieder auf schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren.