Ein Jahr nach seiner Geburt als extremes Frühchen in Esslingen feiert Maxim seinen ersten Geburtstag. Wie er und seine Familie dieses Wunder erlebten.
In der vergangenen Woche hat Maxim mit Kuchen seinen ersten Geburtstag gefeiert. Heute sitzt er munter vor sich hin brabbelnd auf Papas Schoß und ist für seine Eltern „ein ganz großes Wunder“: Mit nur 695 Gramm Körpergewicht bereits in der 26. Schwangerschaftswoche geboren, war Maxim das leichteste Frühchen, das 2024 am Esslinger Klinikum zur Welt kam. Dass er 13 Wochen später die Neonatologie, die Intensivstation für extrem früh oder krank geborene Kinder, verlassen konnte, verdankt er seinem Überlebenswillen, seinen Eltern, die sich an seinem Inkubator abwechselten, einem überaus engagierten Ärzte- und Pflegeteam – „und ganz viel Glück“, wie sein Papa Marcel Grussenmeyer dankbar erzählt.
Natascha Grussenmeyer war nach drei Fehlgeburten wieder schwanger, als sie 14 Wochen vor dem errechneten Geburtstermin mit Blutungen ins Esslinger Klinikum kam: „Plötzlich hatte ich alles, was ich nicht wollte: Eine Frühgeburt, eine PDA-Spritze zur Betäubung und einen Kaiserschnitt, aber Maxim wollte einfach schon auf die Welt kommen.“
Kein gemeinsames Foto mit Frühchen und Eltern nach Geburt: „Das ist der Moment, der uns fehlt, den kriegen wir auch niemals zurück“
Der schlimmste Moment für den angehenden Papa war, als der Arzt ihm erklärte, dass Maxims Überlebenschancen 50 zu 50 stehen. „Er war so winzig, zwei Handvoll, er war gegen das Austrocknen in Folie eingewickelt, weil die Haut noch gar keinen Schutz hatte“, erinnert sich Marcel Grussenmeyer an die erste Begegnung mit seinem Söhnchen. Das oft aufgenommene Foto direkt nach der Geburt von den glücklichen aber erschöpften Eltern mit dem Neugeborenen im Arm gibt es bei Familie Grussenmeyer nicht: „Das ist der Moment, der uns fehlt, den kriegen wir auch niemals zurück. Aber ich musste nach der OP sechs Stunden liegen und konnte nicht zu Maxim“, erzählt Natascha Grussenmeyer.
Frühchen werden häufig künstlich beatmet, über eine Magensonde ernährt und durch Schläuche mit Maschinen verbunden – trotz der hochmodernen Medizintechnik haben sich die Eltern auf der Neonatologie-Station sehr gut aufgehoben gefühlt: „Die Pfleger und Schwestern nehmen einem die Angst. Sie geben jede Hilfestellung und zeigen, wie man sein Kind richtig anfasst“, erzählt Natascha Grussenmeyer.
Hautkontakt mit Mutter wichtig: Känguru-Methode stärkt Frühchen Maxim trotz Rückschlägen
Weil so kleine Frühgeborene zu schwach zum Saugen sind, hat die 32-Jährige ihre Muttermilch abgepumpt. Schon am zweiten Tag durfte das Baby aus dem Inkubator heraus und bei ihr direkt auf der Brust liegen. „Diese Känguru-Methode ist sehr wichtig, je mehr Nähe und Körperkontakt, desto stabiler ist das Kind“, erklärt Natascha Grussenmeyer. In der Folgezeit ging es nicht nur bergauf: Kleinere Einblutungen in Maxims Gehirn mussten beobachtet und kontrolliert werden. „Er hat Medikamente erhalten, und dann hat sich alles langsam von allein zurückgebildet“, schildert der Papa.
Nach dem Kaiserschnitt blieb Natascha Grussenmeyer zehn Tage in der Klinik, nach ihrer Entlassung pendelte sie jeden Tag von Linsenhofen, einem Ortsteil von Frickenhausen, nach Esslingen und ging erst abends wieder nach Hause, wenn ihr Mann sie ablöste. Stunde um Stunde saßen die beiden neben ihrem Kind: „Wir durften Tag und Nacht bei ihm sein. Ich habe ihm vorgelesen, damit er meine Stimme hört. Man blendet das Piepsen der Maschinen aus, und man merkt auch nicht, wie unbequem der Stuhl ist“, erinnert sich der 36-Jährige. Das Elternpaar ist voll des Lobes für die Esslinger Kinderklinik: Dort habe man sich nicht nur bestens um Maxim gekümmert, sondern immer auch ein offenes Ohr für sie beide gehabt. „Zuhause haben Familie und Freunde für uns gekocht, das hat uns sehr entlastet. Frühchen-Eltern vergessen gerne, dass sie essen und trinken müssen“, erzählt Natascha Grussenmeyer.
„Endlich zuhause kuscheln“: Grussenmeyers meistern Frühchen-Alltag
In der Regel sind Frühgeborene zum errechneten Geburtstermin so reif, dass sie aus der Klinik entlassen werden können. Angst, ab dann allein für Maxim verantwortlich zu sein, hatten die Grussenmeyers nicht: „Wir hatten durch das Pflegeteam 13 Wochen lang die beste Anleitung beim Füttern, Wickeln und Beobachten, die wir uns vorstellen konnten. Das gibt Sicherheit“, sagt Maxims Mama. Eine Woche vor dem errechneten Geburtstermin war es dann so weit: „Endlich zuhause miteinander kuscheln, es war einfach nur schön. Und da fing für mich das Wochenbett an. Als Frühchen-Mama muss man funktionieren, man ignoriert seinen Körper und die Kaiserschnittschmerzen, man guckt nur darauf, was das Kind braucht.“
Maxim, ein Sonntagskind, entwickelt sich gut: „Bei der letzten Untersuchung war die Kinderärztin top zufrieden“, freut sich die Mama. Für die Entscheidung, ob Maxim noch ein Geschwisterchen bekommen soll, sei es für ihn aber noch zu früh, ist Marcel Grussenmeyer ehrlich: „Als Ehemann musste ich immer der Starke sein und sagen: Wir kriegen das hin. Aber wenn ich abends aus der Klinik allein nach Hause gegangen bin, ist oft die Welt über mir zusammengebrochen. Im Moment weiß ich nicht, ob ich dafür noch einmal die Kraft habe.“ Seine Frau hat dafür Verständnis: „Ein Geschwisterchen wäre schön. Aber niemand kann einem die Garantie geben, dass wieder alles gut geht. Wir werden das irgendwann gemeinsam entscheiden.“
Der Weltfrühgeborenentag
Weltweit
Seit 2011 wird am 17. November mit dem Weltfrühgeborenentag auf die besondere Startsituation der Allerkleinsten hingewiesen. Rund um den Globus werden an diesem Tag markante Wahrzeichen wie Burgen, Schlösser, Stadttore, Türme oder Brücken in der Farbe Purpur angestrahlt, viele Kliniken laden zum Tag der offenen Tür auf ihre Frühchen-Stationen ein.
Deutschland
Hierzulande kommen jährlich etwa 60 000 Kinder vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche und damit zu früh zur Welt. Damit ist jedes elfte Neugeborene ein sogenanntes „Frühchen“. Für etwa 9000 von ihnen, die extrem zu früh geboren werden, bestehen erhebliche Risiken für ein gesundes Überleben.
Esslingen
2024 wurden an der hiesigen Klinik für Kinder und Jugendliche 34 sehr kleine Frühgeborene mit weniger als 1500 Gramm Geburtsgewicht erfolgreich versorgt. Als Perinatalzentrum Level I gehört die Esslinger Klinik zu den Zentren der höchsten Versorgungsstufe mit speziell ausgebildetem Personal und modernster Medizintechnik – inklusive sechs Beatmungsplätzen und acht Intensivüberwachungsplätzen für die Frühchen.