Heilende Hände: Fritz Lüttke mit einem Horn in seiner Volkertshausener Werkstatt Foto: Uli Fricker

Wohin mit dem altem Blech? Fritz Lüttke repariert in seiner Werkstatt im Hegau Blasinstrumente. Seine Kunden kommen von weither.

Es ist gar nicht so leicht, ein Mundstück für eine Tuba zu finden, das ja so gut passen sollte wie der Maßanzug zum Körper. Plan A: Man lässt sich über das Internet eine Handvoll der Messingteile zuschicken, probiert, verwirft, schickt zurück. Plan B ist bodenständiger und mit einer Reise aufs Land verbunden. Zu Fritz Lüttke. Der 71-jährige Fachmann beobachtet genau, rügt technische Fehler und merkt an, wenn der Bläser seine Backen wie ein Frosch aufbläst. Am Ende ist der Kunde gut bedient und um einige musikalische Tipps reicher.

 

Nach Volkertshausen kommen jene geplagten Blasmusiker, deren Instrument mehr krächzt als klingt. Vor Fasnacht war es extrem, da stand der kleine Parkplatz vor dem Betrieb vollgeparkt. Nicht nur aus dem Raum Bodensee schleppen verzweifelte Menschen ihre Fanfare an. Auch aus den benachbarten Kreisen bis auf die Schwäbische Alb hinauf bringen Musikanten und Trompeterinnen das matt gewordene Blech in Lüttkes Labor. Er repariert die alten Kessel, bringt stumm gewordene Teile zum Klingen und natürlich bietet er Mundstücke an – das akustische Herz jedes Blasinstruments. Von der Dorfmusik bis zur Brassband, die Werkstatt im Hegau bildet das inoffizielle Zentrum fürs Trompetentrösten. Lüttke richtet so ziemlich alles wieder her zwischen Piccolotrompete und Helikon.

Seit 56 Jahren bringt er alte Instrumente wieder zum Spielen

Für so eine gewichtige Arbeit hat das deutsche Handwerk einen stolzen Titel parat: Fritz Lüttke ist Metallblasinstrumentenmacher-Meister, so steht mit Brief und Siegel auf der Urkunde der Handwerkskammer. Das Dokument hängt sauber gerahmt im Verkaufsraum, wo es an diesem Tag hoch hergeht. Es gibt nur eine Handvoll Werkstätten in Baden-Württemberg, die Posaunen und anderes Edelblech zur Reparatur annehmen. Den Titel in der Urkunde will Lüttke gar nicht so hoch hängen: „Das sagt gar nix“, meint er. In Deutschland genieße diese Qualifikation kaum mehr Reputation. Doch im Ausland gelte der deutsche Meister viel. Entscheidend sei, was man draus macht. Er hat sich immer wieder durchgebissen. Die ersten Werkzeuge stellte er selbst her. „Das war damals normal“, sagt er.

Lüttke verlässt jeden Morgen seine Wohnung im ersten Stock und ist einige Stufen später im Betrieb im Erdgeschoss. Seit 56 Jahren bringt er alte Instrumente auf Vordermann, damit sie wieder spielbar sind. Mit 15 Jahren fing er als Lehrbub an. Sein Vater war Landwirt im Nebenerwerb, und Fritz war klar: Da ist nicht viel zu holen. Als er das Elternhaus übernahm, baute er es nach und nach um. „Wo heute die Werkstatt steht, war früher der Kuhstall“, erzählt er. Der Landwirtschaft trauerte er nie nach.

Das kunstvoll gebogene und polierte Blech hat es ihm schon früh angetan. Mehr als das Bedienen eines alten Porsche-Traktors zog ihn immer die Musik an. Mit zarten sieben Jahren trat er in den Musikverein Volkertshausen ein, da hatte er gerade das Lesen gelernt. Dort drückte man ihm ein Tenorhorn in die Hand. Die übliche Praxis war damals, dass der Dirigent den Neuling in ein bestimmtes Register steckte. Lüttke erzählt im schönsten Seealemannisch: „Man hat dir das Instrument lernen lassen, das gerade gebraucht wurde.“ So war es, und das wurde nie in Frage gestellt.

Später sattelte Fritz Lüttke auf das schwer zu spielende Horn um – als da Not am Mann war. Auch die Tuba ist ihm vertraut. Der Rentner, der nie ein Rentner sein wird, kennt sich also gut aus in der Welt zwischen Brassband und Böhmerwald. Schon deshalb ist ein Verkaufsgespräch bei ihm mehr als ein Deal: Es geht um den Atem, den optimalen Ansatz, die laufenden Ventile. Und wie man zu einem schönen Ton kommt.

Natürlich könnte er jetzt aufhören. Will er aber nicht. Wenn Musik eine der schönsten Sachen ist, die Menschen erfunden haben, dann gehört Lüttke zu den Technikern, die das möglich machen. Er sorgt dafür, dass man den alten Kübel von Posaune nicht entsorgt, sondern nochmals herrichtet. Er gehört nicht zu denen, die das schöne Wort „nachhaltig“ dauernd im Mund führen. Doch verdient seine Arbeit genau dieses Prädikat. Ein geflicktes Baritonhorn ist nachhaltig.

Mit seinem Sohn Alexander steht sein Nachfolger schon fest

Noch etwas hat er geschafft: Mit seinem Sohn Alexander steht der Nachfolger schon fest. Der 35-Jährige führt inzwischen das Geschäft, seine Mutter macht Büro und Kasse, zwei Mitarbeiter wirken in der Werkstatt mit. Das Büro ist ein schmaler Raum, Ordner türmen sich, ein wuchtiger Drucker teilt zwei enge Arbeitsplätze. Alex Lüttke kam als Spätberufener zum Betrieb. Erst lernte er Kfz-Mechaniker. Dann warf er sich auf Musikinstrumente, und dies mit einer einleuchtenden Begründung: „Wenn ich ein Auto zum Laufen bringe, bleibt es ein Auto. Wenn ich aber eine Tuba repariere, hat nicht nur der Spieler seine Freude, denn mit seiner Musik erfreut er viele Menschen.“

Am Sonntag lässt der Sohn den Betrieb ruhen. Was man an sechs Werktagen nicht bewältigt, muss am Sonntag nicht nachgeholt werden. Sein Vater vertritt da andere Ansichten. „Mich verfolgt das Helfersyndrom“, räumt er ein. Der Klassiker geht so: Am späten Samstag klingelt ein Musikant an seiner Tür und zeigt ihm sein kaputtes Instrument. Natürlich behebt er den Schaden, damit der Bläser zum Konzert mit spielfähiger Ausrüstung antreten kann. So sei das auf dem Dorf, sagt Fritz Lüttke. Natürlich kommt dieser Kunde wieder. Die Welt der Blas- und Brassmusik ist klein, und Dankbarkeit gilt noch immer als Währung.

Das Internet hat auch diese Branche erschüttert und auf neue Beine gestellt. „Es macht die Preise kaputt“, sagt Fritz Lüttke. Freilich, sein Betrieb kann ein Baritonhorn nicht zum selben Preis wie eine Firma aus China anbieten. Er verweist auf ein Regal, in dem neue Instrumente ausgestellt sind. „Dieses Bass-Flügelhorn kostet 4500 Euro“, sagt er. Das glänzende Ding hat er entworfen und gebaut. Wenn ihn gelegentlich Kunden mit Preisvergleichen aus dem Internet unter Druck setzen wollen, kostet ihn das ein Lächeln. Spätestens wenn das vermeintliche Schnäppchen auseinanderfällt, kommen die Käufer auf ihn zurück. China verkauft, Fritz repariert. Mit dieser Arbeitsteilung kann er leben. Auch wenn ihn so manches Fabrikat ärgert, das über Dumpingpreise in Musikzimmern landet. „Da werden teils Instrumente verkauft, die kaum spielbar sind.“

Inzwischen nutzt er das Internet für seine Arbeit. „In der Coronazeit hat uns das den A… gerettet“, sagt er. Und das kam so: Auch sein Betrieb war im Frühjahr 2020 vom Shutdown betroffen. Keine Kunden, keine Aufträge für die Werkstatt. Da kam ihm die Idee mit der Online-Reparatur. Wer eine kaputte Trompete im Haus hat, kontaktiert die Lüttkes über ein schlichtes E-Formular und schickt den Patienten per Post nach Volkertshausen. Es sei ausgezeichnet gelaufen, berichtet Lüttke im Rückblick. Nur eines fehlte in dieser kontaktlosen Zeit: Kunde und Handwerker sahen sich nicht. Der Augenblick der Übergabe entfiel. Ein großes Manko: „Wenn ein Musiker sein Instrument abholt, dann fühlt er einen Glücksmoment. Seine Augen glänzen.“ Diesen Zauber bietet aber nur die alte analoge Welt.

Lüttke, der Alefanz

Fritz Lüttke will diesen Zauber noch lange genießen. Seine Frau schüttelt manches Mal leise den Kopf und sagt: „Neben unseren zwei Kindern ist der Betrieb sein drittes Kind.“ Er wird noch lange in die Werkstatt hinuntersteigen und nach dem Rechten sehen. Das Erklärungsmuster liefert er gleich mit einem herrlichen Wort mit: Er sei ein Alefanz, wie man solche Leute im Alemannischen nennt. Auf gut Deutsch ist das ein Mensch mit einem mächtigen Dickkopf, der gerne (gelegentlich auch aus Prinzip) dagegen ist und sich nicht in die Karten schauen lässt. Warum also soll er schon aufhören, nur weil andere in seinem Alter in Rente gehen? Seine Frau nickt. Was wäre ihr Mann ohne seinen Kosmos aus glänzendem Messing und altem Werkzeug?

Fritz Lüttke führt den Besucher in einen Raum, in dem er seine Holzblas-Werkstatt betreibt und Querflöten, Klarinetten sowie Saxofone heilt. Aktuell hat er ein in die Jahre gekommenes Tenorsaxofon in Arbeit. Die Klappen von der Größe eines alten Fünfmarkstücks sind entfernt, das Gerät mit den vielen Griffen und Gelenken ist in Einzelteile zerlegt. Die Familie der Blechinstrumente soll künftig der Sohn dirigieren. Sein Vater schraubt an den Gestänge von Saxofonen. Deren Mundstücke sind übrigens nicht so elementar wie bei der Tuba.