Fritz Fassbinder spricht die Sprache der Fußballfans und kennt deren Szene. Foto: Roberto Bulgrin

Fritz Fassbinder ist weit herumgekommen. In seinem Jugendbuch „Die Wärme der Wölfe“, das er bei der Esslinger Lesart vorgestellt hat, erzählt er von Verführungen in der gewaltbereiten Fußballfan-Szene.

Er fuhr mit dem Schulschiff Deutschland um die halbe Welt, hat Nachrichtentechnik studiert, hat viel im Ausland gearbeitet, an Entwicklungen für eine Spacelab-Mission mitgewirkt und bis vor kurzem im Polizeiumfeld gearbeitet. „Das hat mich zu meinen Kinderbüchern mit Krimihandlung motiviert“, verrät Fritz Fassbinder. Wer sich seinen Lebenslauf anschaut, der ahnt gewiss, dass der Autor für seine Geschichten aus dem prallen Leben schöpft. Bei den Esslinger Literaturtagen Lesart hat Fassbinder nun sein jüngstes Buch „Die Wärme der Wölfe“ vorgestellt, das von der Verführbarkeit junger Menschen erzählt – eine authentische Kulisse liefert die gewaltbereite Fußball-Fanszene.

 

Verlockender Schutz der Wölfe

Der 16-jährige Ich-Erzähler Manuel besucht die zehnte Klasse und ist ein ganz passabler Schüler. Die attraktive Caro hat es ihm angetan, doch er kann bei ihr nicht landen. Vielleicht liegt das auch daran, dass Manuel und sein Freund zur Zielscheibe der Störenfriede aus der letzten Bank werden, die sich „Die Löwen“ nennen und Freude daran finden, ihre Mitschüler nicht nur mit verletzenden Sprüchen, sondern auch handgreiflich zu attackieren. Als es „Die Löwen“ eines Abends wieder mal auf Manuel abgesehen haben, sind ein paar Fußballfans aus den Reihen des Fanclubs „Die Wölfe“ zur Stelle und vertreiben seine Peiniger. Der Junge lernt, wie schön der Schutz durch eine Gruppe sein kann. Als sein neuer Mitschüler Sven, der zu den FC-Fans gehört, Manuel zum Fußballspiel einlädt, fühlt sich dieser erst mal geschmeichelt. Doch bald muss der Junge erleben, dass Fremdenhass, Suff und Gewalt in diesen Kreisen allzu weit verbreitet sind. Und ehe er es sich versieht, sitzt er selbst vor einem Richter...

Fritz Fassbinder hat selbst Fußball gespielt und ist viel in Stadien unterwegs. Entsprechend authentisch ist das, was er in „Die Wärme der Wölfe“ (Loewe-Verlag, 9,95 Euro) beschreibt – bis hin zum derben Jargon, der in dieser Szene Alltag ist. Der Autor kennt sich mit Ultras und Hooligans aus, er weiß sehr wohl, zwischen „gewaltsuchenden“ und „gewaltbereiten“ Fans zu unterscheiden, und er hat mehr als einmal beobachtet, wie leicht man in den Sog der Gewalt geraten kann – gerade dann, wenn man als junger Mensch verunsichert oder nicht ausreichend gefestigt ist und wenn man den Verlockungen einer Gemeinschaft erliegt, die es mit einem gut zu meinen scheint. „Das ist ein Phänomen, dem man nicht nur im Fußball erliegen kann“, hat Fassbinder seinem Esslinger Publikum erklärt. „Mein Thema ist nicht ausschließlich die gewalttätige Fußballszene, sondern die Verführbarkeit junger Menschen ganz allgemein, die arglos in solche Fänge geraten, aus denen sie sich oft nur noch mit Mühe befreien können.“

Dass die Geschichte in diesem Milieu spielt, liegt nicht nur daran, dass sich Fassbinder in dieser Szene sehr gut auskennt. Er weiß auch: „Fußball ist eine gute Möglichkeit, mein Anliegen zu transportieren.“

Jede Lesung hat ihren eigenen Charakter

Bei den Esslinger Literaturtagen Lesart war Fritz Fassbinder gleich dreimal im Gespräch mit seinem Publikum. Erst gab es am Sonntagabend eine öffentliche Lesung im Café Flo, am Montagvormittag war der Autor dann zunächst bei den achten Klassen des Esslinger Schelztor-Gymnasiums zu Gast, anschließend in der Neuen Schule in der Pliensauvorstadt.

„Und jede Lesung hat ihren ganz eigenen Charakter“, erzählt Fassbinder, der die Reaktionen aufmerksam verfolgt – vor allem dann, wenn unter seinen Zuhörerinnen und Zuhörern auch solche sind, die einschlägige Erfahrungen mit diesem Milieu haben. „Ich habe mich sehr bemüht, auf niemandem mit dem Finger zu zeigen. Diese Geschichte könnte in fast jedem großen Fußballverein spielen“, erklärt er. Deshalb heißt der Fußballverein, dem sich „Die Wölfe“ verschrieben haben, auch schlicht „FC“. Denn allein in den drei ersten Fußball-Ligen Deutschlands gibt es rund ein Dutzend dieses Namens.

Fritz Fassbinder weiß wohl, dass viele, die eine Nähe zu Ultras und Hooligans haben, nicht unbedingt zu den begeistertsten Bücherwürmern zählen. Deshalb gehört es zum Konzept, dass der Autor „auch mal in die Klischeekiste gegriffen hat“, auch wenn sich der eine oder andere aus der harten Fanszene eventuell auf den Schlips getreten fühlt.

Umso mehr freut es den Autor Fritz Fassbinder, dass „Die Wärme der Wölfe“ in vielen Schulen im Unterricht gelesen wird. Und nicht nur das: Sein Buch steht auch auf der Liste der Titel, die von der Jugendgerichtshilfe empfohlen werden und zu deren Lektüre Jugendrichter junge Menschen, die aus der Spur geraten sind, anstelle von Arrest verdonnern können.