Der Abstand reicht: Andreas Ramp und Sohn Felix messen genau. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Dem Wildwuchs auf den Köpfen wird endlich Einhalt geboten: Friseure dürfen am 4. Mai ihre Salons wieder öffnen. Sie müssen aber, und das ist nicht an den Haaren herbeigezogen, bei der Verschönerung ihrer Kunden strenge Hygiene-Richtlinien beachten.

Stuttgart - Andreas Ramp läuft mit dem Meterstab durch seinen Salon auf drei Etagen im Hindenburgbau. Jetzt wird Maß genommen: Reicht der Abstand zwischen den Sesseln für die Kundschaft? „1,50 Meter, also gerade so“, stellt der Friseurmeister zufrieden in der Abteilung im Erdgeschoß fest. Auch in seiner Lounge mit besonders großzügiger Ausstattung hat er kein Problem, aber im Salon mit Standard-Einrichtung und Eingang in der Klett-Passage kann er von den neun Plätzen nur fünf besetzen.

Endlich dürfen die Friseure dem Wildwuchs auf den Köpfen wieder Einhalt gebieten. Distanz zwischen den Kunden wird dabei zur Hauptsache in der Haupt-Sache. Auch Francine Bachtsevanis, Besitzerin eines Salons in Stuttgart-Rohr, weiß jetzt schon, dass sie von den acht Bedienplätzen nur sechs belegen darf. Schlimmer sei, dass sie von zwei Plätzen zum Haarewaschen nur noch einen benutzen kann, weil die Becken zu wenig Abstand haben und nicht auseinandergestellt werden können. Die Plexiglas-Trennwand, die sie schon für 200 Euro angeschafft hat, werde als Lösung nicht akzeptiert. „Wie soll das gehen“, seufzt sie: „Fünf Mitarbeiter und nur ein Becken zum Haarewaschen.“

Friseure und Kunden mit Masken

Den Abstand von 1,5 Metern einzuhalten ist nur eine der Bedingungen für die Wiedereröffnung der Salons. Wirtschaftsund Sozialministerium haben in Zusammenarbeit mit dem Fachverband Friseur und Kosmetik eine Richtlinienverordnung zur Wiedereröffnung der Friseursalon erstellt, um die Gefahr einer Ansteckung und Infizierung mit dem Corona-Virus so gering wie möglich zu halten. Mit einem ganzen Katalog von Regeln: „Als erstes gilt Maskenpflicht für Friseure und Kunden“, betont Matthias Moser, der Landesgeschäftsführer des Fachverbands.

Genau wie seit einer Woche für den Besuch von Geschäften und in Bussen und Bahnen. „Die Salons“, verspricht Moser, „werden Masken vorhalten und zur Verfügung stellen. „Richtig“, bestätigt Ramp, „ich habe gerade 10 000 Masken bestellt, weil ich am Tag sicher 60 Stück brauchen werde.“ Ramp verschweigt auch nicht, dass ihn dieser Service 80 Euro pro Tag kosten wird. Aber wie sollen mit dem Maskengummi über den Ohren die Haare gewaschen., gefärbt und geschnitten werden? „Dann müssen die Kunden die Maske eben mit den Händen vor Mund und Nase halten“, erläutert Moser.

Moser zählt die weiteren Hygienevorschriften auf: Händewaschen, oft und gründlich. Und alles desinfizieren: Die Hände, die Geräte wie Kamm und Schere, alle Oberflächen bis zu den Sesseln und Armlehnen. Alles, was zum Virenträger werden kann, unterliegt den strengen Regeln: Handtücher und Umhänge dürfen nur einmal verwendet werden. Dann ab in den Müll oder in die Kochwäsche. Gewährleistet sein müsse außerdem ein guter und regelmäßiger Luftaustausch in den Salons.

Ramp hat auch einen Barber Shop. Doch er kann den Herren derzeit vielleicht um, aber sicher nicht an den Bart gehen. Denn das Gesicht der Kunden ist tabu: Kein Stutzen und Trimmen der Bärte, kein Färben der Wimpern und Augenbrauen, keine Korrektur mit der Pinzette. Der Fürsorge um die Gesundheit der Kunden fallen auch lieb gewordene Annehmlichkeiten zum Opfer: der Espresso, das Mineralwasser und die Zeitschrift.

Haarige Zustände

Soweit sich der haarige Zustand der Mitbürger einschätzen lässt, sind die meisten zwar vom Struwwelpeter-Schicksal noch weit entfernt. Aber deswegen nicht weniger glücklich, dass sie Schopf und Schnitt, Farbe und Fasson den Kamm- und Scheren-Profis ihres Vertrauens überlassen können. Ein wieder gewonnenes Stück Wohlbefinden, das offenbar alle Ängste überwiegt.

Nicht nur Francine Bachtsevanis wird von „Reservierungen buchstäblich überrannt“, auch Ramps Mitarbeiterinnen Tanja und Annabelle können kaum das Telefon aus der Hand legen und blättern in großen Kalendern auf der Suche nach ersehnten Terminen für den Haarschnitt. „Alle Kunden wollen natürlich gleich am ersten Tag kommen, aber die ersten zwei Wochen sind längst ausgebucht“, berichtet Ramp. Obwohl sich die 13 Friseure und insgesamt 31 Mitarbeiter in zwei Schichten von voraussichtlich 8 Uhr morgens bis um 21 Uhr abends um die Köpfe der Kunden kümmern werden. Glücklich, dass die Durststrecke mit Kurzarbeit im April, 40 Prozent weniger Lohn und gar keinem Trinkgeld, vorbei ist.

150 Betriebe gehören der Friseur-Innung Stuttgart-Ludwigsburg an. Kommen alle haarscharf an einem finalen Cut vorbei? Rainer Balle, Innungsbetriebsleiter, ist zuversichtlich und voll des Lobes für die Landesregierung: „Die Soforthilfe, gestaffelt nach der Zahl der Mitarbeiter von 9000 bis 30 000 Euro, ist eine sehr ordentliche Unterstützung.“ Diese sei obendrein „prompt und zügig überwiesen“ worden, bestätigt Ramp. Es besteht diesbezüglich also kein Anlass, den Politikern den Kopf zu waschen.

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