Es gibt viele Gründe für die 18:0-Punkte-Serie von Frisch Auf Göppingen in der Handball-Bundesliga. Ein ganz wesentlicher ist Kresimir Kozina. Der Kreisläufer befindet sich in der Form seines Lebens – Zufall ist das nicht.
Göppingen - Nach wichtigen Toren kommt es schon mal vor, dass Kresimir Kozina Richtung Seitenlinie sprintet und auf die Ersatzbank steigt. Dann reißt er mit dem Rücken zum Spielfeld die Arme nach oben und den Mund weit auf und lässt seinen Emotionen Richtung Tribüne freien Lauf. Dabei spielt es gar keine so große Rolle, ob die Halle ausverkauft ist oder sich wie derzeit nur ein paar Vereinsmitarbeiter, Sicherheitsleute und Pressevertreter in der fast menschenleeren Arena verlieren.
„Ich bin so geboren worden, egal ob ich als kleiner Junge Handball, Basketball oder Fußball gespielt habe, ich war immer mit voller Leidenschaft bei der Sache“, sagt Kozina. Der gebürtige Bosnier ist der emotionale Anführer von Frisch Auf Göppingen. Gemeinsam mit Abwehrchef Jaccob Bagersted reißt er die Mannschaft mit, reizt, stachelt an, muntert auf.
Schiller profitiert von Kozina
Das alles fällt umso leichter, wenn die Leistung stimmt. Und das tut sie beim 30-Jährigen. Kozina befindet sich in der Form seines Lebens, sein Anteil an der 18:0-Punkte-Serie in der Handball-Bundesliga ist riesig. Er packt in der Abwehr entschlossen zu, ackert vorne am Kreis, stellt Sperren, reißt Lücken, dreht sich blitzschnell in den freien Raum. Wenn der 1,96-m-Mann seine gut 110 Kilogramm in eine rasante Bewegung bringt, ist er kaum zu stoppen. Oft bleibt den gegnerischen Abwehrspielern nichts anderes übrig, als zu unfairen Mitteln zu greifen. Was dann einen Siebenmeter zur Folge hat, die Top-Torjäger Marcel Schiller zuletzt traumhaft sicher verwandelte. „Krescho ist ein Spieler, den jeder gern in seiner eigenen Mannschaft hat und nicht in der gegnerischen“, sagt sein Trainer Hartmut Mayerhoffer.
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Kozina geht immer ans Limit. „Manchmal übertreibe ich es mit den Emotionen, auch im Training“, räumt er selbst ein. Die Gegner unterstellen ihm dann einen Hang zur Theatralik, er selbst wiederum findet, dass die Abwehrspieler gegen ihn häufig ein Stürmerfoul provozieren. Wie auch immer: „In den 60 Minuten ist alles erlaubt, was die Regeln hergeben – und ich tue alles, damit meine Mannschaft gewinnt“, sagt der Rechtshänder – und ergänzt: „Wenn die Gegner sagen, heute geht es gegen die eklige Mannschaft Frisch Auf, ist das doch das größte Kompliment.“
Am Sonntag gegen Nordhorn
Vor dem Heimspiel des Tabellenfünften an diesem Sonntag (16 Uhr/EWS-Arena) gegen den Tabellen-17. HSG Nordhorn-Lingen befindet er sich mit seinem Team auf dem besten Weg, sich für den internationalen Wettbewerb zu qualifizieren. „Wir haben in der WM-Pause extrem gut an unserer Physis gearbeitet“, sagt Kozina. Er selbst hat jetzt auch Luft für 60 Minuten, ist so durchtrainiert wie noch nie in seiner Karriere und hat sechs, sieben Kilogramm an Muskelmasse draufgepackt. Die Rückkehr in die kroatische Nationalmannschaft hat ihn zusätzlich beflügelt, auch wenn der Traum von Olympia äußerst unglücklich platzte.
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Der gläubige Katholik hat eine ungewöhnliche Vita. Im Alter von zwei Jahren kam er als Kriegsflüchtling mit seiner Familie – sein Bruder Bruno spielt in der spanischen ersten Liga bei BM Puerto Sagunto – nach Hagen/Westfalen. Mit sieben Jahren ging es zurück nach Kroatien, Fan von Borussia Dortmund ist er geblieben. 2013 bis 2015 spielte er für den österreichischen Topclub Alpla HC Hard, ehe er den Sprung in die Bundesliga schaffte. Die SG Flensburg-Handewitt (2015/16) und die Füchse Berlin (2016/17) nahmen ihn hauptsächlich deshalb unter Vertrag, weil sich Spieler auf seiner Position verletzt hatten. Den endgültigen Durchbruch schaffte er bei Frisch Auf. „Der Wechsel war die beste Entscheidung meines Lebens“, sagt Kozina. Mit seiner Frau Petra und den Kindern Magdalena (2) und Petar (ein Monat) fühlt er sich pudelwohl in Göppingen. Seinen Vertrag hat der Publikumsliebling bis 2024 verlängert.
„Brave Teams gewinnen keine Titel“
Bis dahin will er so viel wie möglich erreichen. „Brave Teams gewinnen keine Titel“, lautet einer seiner Leitsätze. Mit ihm als emotionalen Anführer hat sich Frisch Auf zu einer für die Gegner unangenehmsten Mannschaften der Liga entwickelt, weshalb zumindest die Chancen auf einen Europapokalplatz gar nicht so schlecht stehen.