Patrick Wiencek beendet am Saisonende seine Karriere als Handballprofi. Vor den Spielen gegen die Füchse und bei Frisch Auf Göppingen spricht er über den jüngsten DHB-Pokal-Triumph, die weiteren Ziele und er sagt, was er ab Sommer am meisten vermissen wird.
Handball-Bundesligist Frisch Auf Göppingen hat seit dem 6. April Pause. Der THW Kiel bestritt seitdem ein DHB-Pokal-Final-Four, muss an diesem Mittwoch (19 Uhr) gegen die Füchse Berlin ran, ehe es am Karsamstag (19 Uhr/EWS-Arena, es gibt noch Stehplatztickets) zu den ausgeruhten Göppingern geht. Kreisläufer Patrick Wiencek spricht über die Ausgangslage.
Herr Wiencek, welchen Stellenwert hat der aktuelle DHB-Pokal-Sieg für Sie?
Das war ein ganz besonderer Erfolg. Auch, weil er in Köln geholt wurde. In der Halle in der ich viele großartige Momente, aber auch einige sehr bittere Niederlagen erlebt habe. Es war unser erklärtes Ziel, es dieses Jahr zum ersten Mal zum DHB-Pokal-Final-Four in der Lanxess Arena zu schaffen. Jetzt zum 13. Mal in dieser unglaublichen Atmosphäre vor 20 000 Zuschauern mit dem THW Kiel den Pokal geholt zu haben, ist ein Traum.
Wie viel Rückenwind gibt es auf der Zielgeraden?
Natürlich gibt uns das Rückenwind, denn verbunden mit dem Pokalsieg ist unter anderem die direkte Qualifikation für die European League, das Erreichen des DHB-Pokal-Achtelfinales und des Supercups im August. Das nimmt den jungen Spielern ein wenig den Druck, den es durch die unfassbar enge und spannende stärkste Liga der Welt gibt.
Wie realistisch ist noch der Gewinn der deutschen Meisterschaft?
Wer in Flensburg und Melsungen die Big Points liegenlässt, sollte demütig sein. In diesem Jahr kämpfen andere Mannschaften in vorderster Linie um die Meisterschaft. Wir schauen jetzt weiter von Spiel zu Spiel und werden am Ende sehen, was dabei herauskommt. Auf jeden Fall wollen wir uns aber unseren weiteren Traum vom europäischen Final Four in Hamburg (Anm. d. Red.: 24./25. Mai) erfüllen. Dafür fehlen uns noch zwei gute Spiele gegen Limoges Handball (Anm.: 22. April auswärts, 29. April daheim).
„Erst einmal Hausaufgaben erledigen“
Wäre der Gewinn der European League für einen Champions-League-gewohnten Club wie den THW mehr als ein Trostpflaster?
Wenn man auf die Viertelfinal-Paarungen in der European League schaut, wird man sehen, dass sich da neben uns noch zahlreiche weitere Clubs tummeln, die in der jüngeren Vergangenheit in der Champions League gespielt haben. Deshalb sollte man auch in diesem Wettbewerb nicht zu weit in die Zukunft schauen, sondern erst einmal die Hausaufgaben erledigen.
Das Triple aber wäre der perfekte Abschluss Ihrer Karriere.
Der perfekte Abschluss meiner Karriere wird auf jeden Fall mein Abschiedsspiel am 25. Juli – da bin ich mir sicher.
Frisch Auf Göppingen hat seit seinem überraschenden 36:30-Sieg in Hannover am 6. April kein Spiel mehr bestritten und geht entsprechend ausgeruht ins Spiel am Karsamstag gegen den THW, der in dieser Zeit zwei DHB-Pokal-Spiele und gegen die Füchse spielen musste. Kann man in Anbetracht der Ausgeglichenheit der Liga bei dieser Konstellation überhaupt von einem klaren Favoriten THW in Göppingen reden?
Ein Handball-Experte hat jüngst gesagt, dass der THW Kiel immer Favorit ist, egal in welcher Verfassung und mit welchem Kader. Eben weil es der THW Kiel ist. Aber in dieser Liga gibt es den klaren Favoriten in keinem Spiel mehr. Wenn man die Göppinger anschaut, die zuletzt ja nicht nur in Hannover gewonnen haben, sondern auch gegen Flensburg gepunktet haben, ist man auf jeden Fall gewarnt.
Stehende Ovationen in Göppingen
Welche Erinnerungen haben Sie an die Duelle mit Frisch Auf in der EWS-Arena?
Es waren viele heiße Spiele darunter. Besonders gern erinnere ich mich an unser Auswärtsspiel am letzten Spieltag der Saison 2022/2023, als wir uns mit einem Sieg bei Frisch Auf die Meisterschaft geholt haben. Der Riesen-Applaus und die stehenden Ovationen der Göppinger Handball-Fans bei unserer Siegerehrung sind im Gedächtnis geblieben. Ein fairer Umgang und die Anerkennung der sportlichen Leistung auch des Gegenübers sind das, was den Handball ausmacht.
Was werden Sie nach Ihrem Karriereende am meisten vermissen?
Das weiß ich jetzt noch nicht, aber ich denke, es wird das Zusammensein mit den anderen Jungs in der Kabine sein. Nicht vermissen werde ich die stundenlangen Busfahrten zu Auswärtsspielen.
Was muss passieren, dass Sie über den Sommer hinaus doch noch einmal ein Comeback feiern?
Ich werde am 25. Juli mein Abschiedsspiel bestreiten und danach auf die Geschäftsstelle des THW Kiel wechseln und dort meine Aufgaben erledigen. Das ist meine Zukunft.
Patrick Wiencek
Karriere
Patrick Wiencek wurde am 22. März 1989 in Duisburg geboren, seine Eltern stammen aus Polen. Nach Stationen bei HSG Düsseldorf, Bergischer HC, TuSEM Essen, VfL Gummersbach wechselte er 2012 zum THW Kiel. Er absolvierte 159 Länderspiele (319 Tore). Erfolge im Verein: Deutscher Meister 2013, 2014, 2015, 2020, 2021, 2023; DHB-Pokal: 2013, 2017, 2019, 2022 und 2025; DHB-Supercup: 2012, 2014, 2020, 2021, 2022, 2023; EHF-Pokal: 2019; Pokal der Pokalsieger: 2011; Champions League: 2020. Nationalmannschaft: Juniorenweltmeister 2009, Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen 2016, 4. Platz bei der WM 2019. Am Saisonende beendet er seine Karriere und arbeitet auf der Geschäftsstelle des THW mit repräsentativen und operativen Aufgaben. Wiencek kümmert er sich um Sponsoren, aber auch um die Neuzugänge des THW.
Persönliches
Wiencek ist gelernter Anlagenmechaniker. Er ist verheiratet mit Fabienne. Das Paar hat zwei Kinder (Paul/10 und Lotta/13). Der 2,01 Meter große Kreisläufer ist ein ausgesprochener Familienmensch und leidenschaftlicher Hand- und Heimwerker. (jüf)