Bei den Rhein-Neckar Löwen spielte Ymir Gislason nur in der Abwehr. Bei Frisch Auf Göppingen kommt er auch als Kreisläufer zum Einsatz und führt sein Team als Kapitän aufs Feld. Was schätzt er an seinem neuen Club? Wie lautet sein Tipp im Derby?
Mit dem Gerücht über seinen angeblichen Spitznamen räumt Ymir Gislason gleich zu Beginn des Gesprächs auf: „Mich hat noch nie jemand Alfred genannt“, sagt der Kapitän von Handball-Bundesligist Frisch Auf Göppingen mit einem Schmunzeln. Mit dem deutschen Bundestrainer mit dem gleichen Nachnamen ist er nicht verwandt. Er kennt seinen 65-jährigen isländischen Landsmann nur flüchtig. Schließlich war Ymir Gislason erst neun Jahre alt, als Alfred Gislason 2006 begann, für zwei Jahre die Nationalmannschaft Islands zu trainieren.
90 Länderspiele für Island
Inzwischen ist Ymir Gislason 27. Er hat 90 Länderspiele für sein Heimatland absolviert und gehört zu den etablierten Spielern im Nationalteam und in der Bundesliga. Nach viereinhalb Jahren bei den Rhein-Neckar Löwen zog es ihn im Sommer zu Frisch Auf. An diesem Samstag (20.30 Uhr) kommt sein Ex-Club in die Göppinger EWS-Arena. Und klar ist dieses Duell etwas ganz Besonderes für ihn: „Ich habe noch viele Freunde bei den Löwen. Ich freue mich auf ein heißes Spiel in einem brodelnden Hexenkessel.“
Nicht nur bei ihm steigt das Fieber: Die Halle ist bis auf einige Stehplätze fast ausverkauft, und auch sein Bruder Tjörvi Tyr (24), der für den Bergischen HC in der zweiten Liga am Ball ist, lässt sich das baden-württembergische Derby nicht entgehen. „Wir müssen eine gute Abwehr stellen und wie zuletzt in Leipzig eine top Torwartleistung haben. Wenn es uns dann noch gelingt, die Fans mitzunehmen, haben wir auch gegen die Löwen gute Chancen“, sagt der Kreisläufer.
Wunsch, auch vorne zu spielen
Warum er sich nach der vergangenen Saison für den Tapetenwechsel entschied und mit seiner Frau Margrit und den Söhnen Tristan (6) und Högni (3) vom Badischen ins Schwäbische wechselte? Zum einen legten die Löwen keinen gesteigerten Wert darauf, den auslaufenden Vertrag zu verlängern, zum anderen wollte Gislason künftig nicht mehr nur als Teilzeitarbeiter sein Geld verdienen.
Denn bei den Mannheimern spielte er unter Trainer Sebastian Hinze fast drei Jahre lang so gut wie nur in der Abwehr. „An Jannik Kohlbacher kam ich vorne nur schwer vorbei, ich musste meine Rolle akzeptieren“, sagt der „Iceman“ mit dem heißen Handballherz. Wegen seines unbändigen Willens war er einer der Publikumslieblinge in der SAP-Arena. „Ich hatte wunderschöne Jahre dort, zwar auch mit Tiefen, aber der DHB-Pokal-Sieg 2023 und die Spiele in der European League waren die Höhepunkte.“
Zum Kapitän bestimmt
Jetzt also Göppingen. Dort ist er Führungsspieler. Dort hat er Verantwortung. Trainer Ben Matschke bestimmte ihn zum Kapitän (was er bei der WM 2021 im Nationalteam schon einmal war). Obwohl es mit Frisch-Auf-Urgestein Marcel Schiller oder Rückraumspieler David Schmidt auch andere Kandidaten als Spielführer gab. „Ymir spielt auf zentraler Position, er ist mein verlängerter Arm auf dem Spielfeld. Er ist ein echtes Vorbild“, sagt der Göppinger Coach.
Dass die Kernkompetenz des 1,92-m-Mannes in der Defensive liegt, daran hat sich auch in Göppingen nichts geändert. Der klassische Angriffskreisläufer wird der Rechtshänder nie werden. Doch Gislason kommt bei Frisch Auf – im Gegensatz zu seiner Zeit bei den Löwen – auch vorne zum Einsatz. Er beginnt in Abwehr und Angriff und wird im Laufe jeder Halbzeit vom Schweden Ludvig Jurmala abgelöst. „Handball wird auf beiden Seiten des Spielfelds gespielt. Ist doch klar, dass es viel mehr Spaß macht, auch im Angriff am Ball zu sein“, sagt er. Dass allerdings noch nicht alles rundläuft, räumt er offen ein.
Die Mannschaft hatte im Sommer einen großen Umbruch. „Da reichen keine vier, fünf Monate, bis alle Rädchen ineinandergreifen, aber es wird immer besser“, sieht Gislason Schritt für Schritt Verbesserungen.
Mit 6:14 Punkten steckt Frisch Auf im Tabellenkeller. Auswärts wartet man seit 17 Spielen auf einen Sieg, der letzte doppelte Punktgewinn datiert vom 15. Oktober 2023 (26:21 in Lemgo). Alle sind froh, dass es am Samstag daheim gegen die Löwen (12:8 Punkte) geht, die mit den Ex-Göppingern Sebastian Heymann und Jon Lindechrone in die EWS-Arena kommen. „Wir sind nicht weit weg. Kleinigkeiten werden entscheiden“, macht Gislason sich und seinem Team Mut. Sein Tipp? „Wir gewinnen. Mit einem Tor, das reicht für zwei Punkte, und wir sind zufrieden.“
Ergebnisse und Termine
Pflichtspiele
Frisch Auf Göppingen – HSV Hamburg 25:25, THW Kiel – Frisch Auf 33:24, SG Flensburg-Handewitt – Frisch Auf 37:32, Frisch Auf – TSV Hannover-Burgdorf 31:33, Füchse Berlin – Frisch Auf 37:36/DHB-Pokal, SC Magdeburg – Frisch Auf 31:24, Frisch Auf – VfL Gummersbach 24:24, Frisch Auf – SG BBM Bietigheim 30:25, ThSV Eisenach – Frisch Auf 35:25, Frisch Auf – 1. VfL Potsdam 30:25, SC DHfK Leipzig – Frisch Auf 27:25, Frisch Auf – Rhein-Neckar Löwen (23. November, 20.30 Uhr), HC Erlangen – Frisch Auf (29. November, 19 Uhr), TVB Stuttgart – Frisch Auf (5. Dezember, 19 Uhr), Frisch Auf – TBV Lemgo Lippe (8. Dezember, 16.30 Uhr), Frisch Auf – HSG Wetzlar (15. Dezember, 15 Uhr), Füchse Berlin – Frisch Auf (22. Dezember, 16.30 Uhr), Frisch Auf – MT Melsungen (27. Dezember, 19 Uhr). (jüf)