Alle bei Frisch Auf Göppingen freuen sich über einen neuen Hauptsponsor, doch Teile der Fans laufen wegen der damit verbundenen Farbe Blau auf den Heimtrikots Sturm. Haben der Verein und der Geldgeber die Wirkung unterschätzt?
Stuttgart - Sie sind treu, traditionsbewusst und durchaus kritisch. Keine neue Erkenntnis ist auch, dass die Fans von Frisch Auf Göppingen ihre Eigenheiten haben. Es gab Anhänger aus dem Lager des Handball-Bundesligisten, die wegen der Spielgemeinschaft mit dem TSV Scharnhausen zwischen 1994 und 1997 die Spiele hartnäckig boykottierten. Es gab auch einzelne Fans, die die Halle nicht mehr betraten, als Rolf Brack im September 2017 als Trainer einstieg. Jetzt schlagen vor dem Saisonauftakt an diesem Dienstag (19 Uhr/EWS-Arena) gegen den württembergischen Rivalen HBW Balingen-Weilstetten erneut die Wellen hoch. Grund: Der neue Hauptsponsor Teamviewer hat die Grundfarbe Blau auf den Heimtrikots als Bedingung für seine Unterstützung definiert.
Das Stimmungsbild ist seitdem zweigeteilt. Die einen akzeptieren die neue Farbenlehre, weil sie schlicht froh sind, dass in den schwierigen Corona-Zeiten durch den neuen Hauptsponsor das finanzielle Überleben gesichert ist. Das milliardenschwere Software-Unternehmen unterstützt das Männer- und Frauen-Bundesligateam mit insgesamt 800 000 bis 950 000 Euro pro Saison in den nächsten beiden Jahren.
Bruch mit der Tradition
Für die Kritiker hat der Sponsor durch den Bruch der grün-weißen Tradition auf den Heimtrikots Grenzen überschritten. Vor allem Mitglieder des Fanclubs Bianco Verde wollen sich damit nicht abfinden. Sie haben eine Petition „Zur Rettung der regionalen Handball-Tradition“ gestartet. Diese ist an den Hauptsponsor, den Verein und den Oberbürgermeister der Stadt Göppingen gerichtet. Inzwischen haben über 400 Personen die Petition unterschrieben. „Für manche ist das Trikot nur ein Fetzen Stoff – für andere ist es die Identifikation mit ihrem Herzensclub. Ein bisschen mehr Kompromissbereitschaft von Teamviewer, und wir wären gemeinsam heiß auf die neue Runde“, heißt es in der Petition.
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Am vergangenen Wochenende machte der Fanclub zudem durch eine Plakataktion auf sich aufmerksam. Neben der Firmenzentrale von Teamviewer brachten sie ein Banner an mit der Aufschrift „Tradition ist nicht verhandelbar“ und einem grünen Firmenlogo, statt des eigentlich blauen des Unternehmens. Dadurch nahm die Diskussion rasant an Schärfe zu. Die Handys aller Beteiligten glühten. Auf der Vereinshomepage von Frisch Auf verurteilte Geschäftsführer Gerd Hofele sowohl die Petition als auch die Plakataktion: „Wir distanzieren uns extrem und äußerst scharf. Die Petition geht eindeutig zu weit, weil sie direkt an unseren Partner Teamviewer gerichtet ist.“ Und zum Banner sagte der 55-Jährige: „Das ist geschäftsschädigend, wir behalten uns weitere Maßnahmen vor.“ Daraufhin reagierte wiederum Bianco Verde. In einem Offenen Brief an Hofele kritisierten sie die ihrer Meinung nach überzogene Reaktion: „Ihr Tonfall suggeriert persönliche Beleidigungen und Drohungen gegenüber den handelnden Personen, was die Fanszene nicht nur verunglimpft, sondern kriminalisiert“, hieß es.
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Inzwischen haben die Verantwortlichen um den neuen Aufsichtsratschef Claus Mai erneut den Kontakt zu den Fans gesucht. Dass sich doch noch ein Kompromiss abzeichnet (mit einem blauen Auswärtstrikot könnten selbst die Hardliner unter den Fans leben), ist derzeit nicht absehbar. Für den Sponsoring- und Marketingexperten Stefan Walzel von der Deutschen Sporthochschule Köln kommt der Aufschrei von Teilen der Fans wenig überraschend: „Die Grundfarbe des Trikots hat ein sehr hohes Identifikationspotenzial für die Fans.“
Fehleinschätzung wegen mangelnder Marktkenntnis?
Der Experte glaubt, dass sich das Software-Unternehmen, das erstmals im Bereich Sportsponsoring aktiv ist, keinen Gefallen mit seiner Extremhaltung tut: „Das Unternehmen möchte doch seine Bekanntheit, sein Image mit positiv emotionalen Attributen aufladen. Wenn gleich zu Beginn negative Tendenzen herrschen, wird das nicht gelingen.“ Walzel kann sich vorstellen, dass sich dieser technikaffine Software-Riese den Besonderheiten des Sports gar nicht bewusst ist: „Der Fehler könnte aus Unwissenheit oder mangelnder Marktkenntnis passiert sein.“ Im Übrigen gäbe es laut Walzel keinen wissenschaftlichen Beleg, dass die Unternehmensfarbe entscheidend zum Erfolg des Sponsorings beitrage.
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Walzel hat seine Meinung nicht exklusiv. Auch der Sportmanager Klaus Kärcher, Inhaber der Fellbacher Agentur Vitesse, glaubt, dass das Unternehmen sportspezifische Aspekte wie Emotionalität, Loyalität oder Irrationalität nicht auf der Rechnung hatte. Seine Einschätzung: „Kurzfristig muss das Schmerzensgeld sehr, sehr hoch sein, um die Trikotfarbe aufzugeben, langfristig ist es für einen Traditionsverein mit elf deutschen Meisterschaften und sechs Europapokalsiegen die falsche Entscheidung.“
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Frisch Auf Göppingen hält dagegen, bittet um Verständnis für seine Lage – mit dem Tenor: Was im Geist und im Herz vorherrscht, ist entscheidend, nicht die zweite Haut.
Übrigens: Zum Saisonstart an diesem Dienstag läuft Frisch Auf so oder so in Grün-Weiß ein. Die Lieferung der blauen Trikots steht noch aus.
Das sagt Teamviewer
Folgende Stellungnahme von Teamviewer-Pressesprecherin Martina Dier erreichte unsere Redaktion zu dem Thema auf Nachfrage am Montagabend:
„Wir freuen uns, dass Frisch Auf auf uns zugekommen ist, und uns das Hauptsponsoring dieses großartigen Vereins angeboten hat. Handball passt hervorragend zu unserer Unternehmenskultur, und die Leidenschaft und die visionären Ideen von Frisch Auf Göppingen haben uns überzeugt. Wir sind beide in Göppingen ansässig, haben anspruchsvolle Ziele und teilen ähnliche Werte. Es passte einfach alles, von daher freuen wir uns sehr auf die Partnerschaft und Zusammenarbeit. Frisch Auf und auch wir bekommen sehr viel positives Feedback zu unserer Kooperation und wir nehmen wahr, dass die Fans sich insgesamt darüber freuen, dass wir gemeinsam mit Frisch Auf dafür sorgen wollen, dass der Handball in Göppingen nicht nur in schwierigen Zeiten eine Zukunft hat, sondern hoffentlich auch an frühere Erfolge anknüpfen kann. Wir verstehen, dass die Trikotfarbe für manche Fans ein emotionales Thema ist. Doch sowohl Frisch Auf als auch wir sind der Meinung, dass wir einen guten Kompromiss gefunden haben, indem wir neben der blauen Grundfarbe des Trikots grüne und weiße Elemente integriert haben. Die Vereinsfarben bleiben natürlich weiterhin grün und weiß.“