Friolzheim Teenager überpinseln obszöne Graffiti

Von Kevin Kulke 

Freiwillig übermalen Jugendliche Graffiti in der Autobahnunterführung. Foto: A. Gorr
Freiwillig übermalen Jugendliche Graffiti in der Autobahnunterführung. Foto: A. Gorr

In der Enzkreisgemeinde haben Unbekannte die Autobahnunterführung mit Farbe besprüht. Eine Truppe aus dem Jugendhaus und von der Polizei haben diese überstrichen. Die Jugendlichen motiviert dabei, dass sie ihrer Gemeinde etwas zurückgeben können.

Friolzheim - Die Unterführung der A 8 führt die Landstraße aus dem Flecken hinaus zu den Feldern vor dem Ort. Viele Menschen kommen hier nicht durch. Vereinzelte Radfahrer, Spaziergänger oder Landwirte nutzen sie. Der düstere Tunnel ist daher wie geschaffen für Möchtegern-Streetart-Künstler. Hier haben sie jede Menge Platz, um sich mit den Sprühdosen auf den kalten Betonwänden die ersten Sporen zu verdienen.

Als besonders kreativ haben sich die wahrscheinlich jugendlichen Täter dabei aber nicht erwiesen. Nun zieren englischsprachige Obszönitäten und homophobe Beleidigungen den Tunnel auf beiden Seiten. Mehr ist ihnen nicht eingefallen. Aber selbst wenn sie auf den grauen Betonflächen künstlerisch hochwertige Bilder hinterlassen hätten, ihre „Werke“ hätten so oder so entfernt werden müssen.

„Broken-Window-Theorie nennt sich das“, erklärt Polizeihauptkommissar Volker Weingardt den Sachverhalt auf Neudeutsch. „Wenn sie irgendwo ein Auto abstellen und eine Scheibe einschlagen, bekommen sie über Nacht noch eine Scheibe zertrümmert. So geht das immer weiter, bis ihr Wagen ein Wrack ist.“ Ähnlich verhält es sich mit Graffiti. Sobald jemand irgendwo hinsprüht, zieht es noch mehr illegale Sprayer an. „Wo ein Hund hinpinkelt, muss der nächste auch hin machen“, kommentiert Weingardt das Verhalten. Deswegen beeilen sich Gemeinde und Polizei, die Schmierereien zu entfernen.

Der Polizist, Jugend- und Graffitisachbearbeiter kennt sich aus in der Sprayerszene. Er beherrscht deren Jargon. „Outlines“, „Fillings“ oder besonders wichtig: „Fame“ zu deutsch „Ruhm“, den ein Sprüher nur erhält, wenn er möglichst illegal an schwer zugänglichen, aber gut sichtbaren Orten seine Bilder hinterlässt. Seit 2003 gibt es das Anti-Graffiti-Mobil in Pforzheim und im Enzkreis. Die Kooperation von Malern und Polizei beseitigt einerseits die Sprayfarbe und hilft jungen Straftätern andererseits, ihre Strafe in einer fairen Umgebung zu verbüßen.

Hier in Friolzheim sind es aber keine Ex-Knackis, sondern freiwillige Helfer aus dem Ort. Der Jugendpfleger Roland Marquart ist mit Teenagern aus dem Jugendhaus angerückt, um die Beamten tatkräftig zu unterstützen. Sie wollen zeigen, dass Jugendliche nicht immer nur verantwortlich sind für Verunstaltungen, sondern auch Verantwortung übernehmen können.

Die Idee, Polizei und Bauhof bei den Malerarbeiten zu unterstützen, fanden alle gut. Zum Beispiel auch Jenny Pacinella, die jetzt mit der großen Malerrolle graue Farbe auf der Betonwand verteilt. Die 17-Jährige geht in Mönsheim zur Schule, ist in ihrer Freizeit aber oft in Friolzheim im Jugendhaus. „Ich wollte etwas Soziales tun. Es hat sich einfach richtig angefühlt, heute hier zu sein“, erzählt die Schülerin.

Das Prinzip der jungen Maler ist dabei so simpel, wie einleuchtend. Sie streichen die Wand in einem bestimmten Grauton, um bei späteren Fällen von Spraydosen-Vandalismus schnell ausbessern zu können. Das spart viel Arbeit. Denn je schneller sie mit der Beseitigung sind, desto weniger Nachahmer werden angezogen.

Der 16 Jahre alte Luca hat sich heute entschlossen mitzumachen. Erst vor wenigen Wochen hatte er bei Volker Weingardt seine Sozialstunden abgeleistet, weil er tatsächlich etwas ausgefressen hatte. „Ich geb’s zu – Ich habe Scheiße gebaut“, kommentiert er seine Situation. Er hat gegen das Waffengesetz verstoßen und ist zu Arbeitsstunden verurteilt worden.

Aber von Weingardt fühlte er sich fair behandelt, und hat die aufgebrummte Arbeit längst erledigt. Jetzt möchte Luca zeigen, dass er sich gebessert hat und hilft freiwillig, die Schmierereien Anderer zu überpinseln. „Das tut mir gut hier“, erklärt er. Weil er dabei viel Engagement zeigt, versucht Volker Weingardt dem Jugendlichen eine Ausbildungsstelle zu besorgen. Er hat ihn mit aufs Arbeitsamt genommen und geholfen, sich vorzubereiten.

In ein paar Tagen begleitet er Luca zu einem Vorstellungsgespräch. Die Ausbildung zum Industriemechaniker ist in greifbare Nähe gerutscht. Das sich ausgerechnet ein Polizist richtig um ihn kümmert, nachdem ihn Arbeitsamt und Schule so lange enttäuscht haben, motiviert Luca. Er hat Vertrauen gefasst. „Irgendwie bin ich sogar froh, dass sie mich erwischt haben.“ Auf diese Art hat Volker Weingardt schon so manchen Jugendsünder wieder auf die richtige Spur geführt. „Mit Lob und Ermutigung können wir vielen jungen Leuten helfen. Schon oft haben wir bei dem Arbeitsstundeneinsatz echte Talente entdeckt, die heute Maler oder Gerüstbauer sind“, erzählt der Polizist stolz.

Nach nur zwei Stunden ist die komplette Unterführung fertig gestrichen. Auf beiden Seiten über mehr als 50 Meter und in drei Meter Höhe glänzt die Betonwand noch gräulich von der Farbe. Alle sind zufrieden – sie haben etwas für ihre Gemeinde getan. Wie sie reagieren würden, wenn hier jemand wieder rumschmiert, wissen sie alle. „Ich glaube, dann würde ich die Polizei rufen“, sagt Jenny Pacinella. „Und ihm sagen, er soll das wieder wegmachen.“ So würde auch die Zivilcourage noch gestärkt.

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