Szene aus „Clowns“, dem neuen Programm des Friedrichsbau Varietés in Stuttgart. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Wie bitte? Keine Rote Nasen? Keine Spritzblumen in der Anzugjacke? Die neue Eigenproduktion des Friedrichsbau Varietés heißt zwar „Clowns“, Ralph Sun umgeht aber die üblichen Klischees. Am 10. April war Premiere.

Stuttgart - Kennen Sie den? Ein Depressiver geht zum Arzt. Dieser rät ihm, einen Auftritt des Clowns Grimaldi zu besuchen. Der hätte noch jeden aufheitern können. Der Patient bricht in Tränen aus und schluchzt: „Ach! Herr Doktor! Ich bin Grimaldi!“

Mit diesem Witz über sich selbst erhärtete der Clown Joseph Grimaldi die gesellschaftliche Vorstellung vom traurigen Clown. Die Künstler der neuen Friedrichsbau-Varieté-Eigenproduktion „Clowns“ wirkten bei der Premiere am Freitag aber glücklicherweise nicht betrübt.

Im Vergleich zu seiner gleichnamigen Regiearbeit von 2012 distanziert sich Ralph Sun jedoch vom klassischen Clownswesen. Keine roten Nasen, keine Spritzblumen – das neue Programm ertrüge wohl auch ein Coulrophobiker, also einer, der Clowns krankhaft fürchtet.

Wobei: Clownesk verziert sich zumindest die großartige Band um Sänger und Pianist Mr. Leu. In Zirkusdirektormanier kündigt er mit weißbepinseltem Gesicht die Akteure an. Sein krachendes Klavier, das Saxofon Ben Perkoffs, der Kontrabasssaiten zupfende Robin Draganic und Drummer Michael Clifton haben immer wieder Manegenmusik im Programm.

Zuhause für schräge Vögel

Perfekt harmonieren etwa Band und Jongleur Giulio Lanzafame, der mit hektischerem Takt auch schneller wirft und fängt. Zu den stärksten Nummern zählen seine Schritte auf dem Schlappseil – nicht unbedingt komisch, dafür unfassbar leichtfüßig.

Diane Dugards dressierte Hühner balancieren von ihrem Handballen über die Brust zum andern. Später schlüpft die Französin selbst ins Federkleid und beweist bei einer Äquilibristikeinlage, dass nicht nur ihre Eier legende Entourage über einen ausgezeichneten Gleichgewichtssinn verfügt.

Auch der Hund Boby hält manchen Trick bereit. Dugards Bühnenpartner Juan Cocho begleitet sie dabei auf dem Akkordeon oder kreiselt im Cyr Wheel durch die Gegend. Witzig und originell sind diese Einfälle. Wann kann man schon mal glockenspielenden Hühnern lauschen? Allein die Darbietungsdauer hätte man drosseln können.

Kegelförmige Einhornfrisur und Superheldenanzug

Ein weiterer schräger Vogel, wenn auch nicht aus ornithologischer Sicht, tappt mit Archie Clapp ins Rampenlicht. Seine Erscheinung kündigt den anarchischen Wahnsinn seines Auftritts an. Mit kegelförmiger Einhornfrisur und Superheldenanzug verbiegt „Super Archie“ Kleiderbügel und überzeugt mit Lichtzauberei, bei der kleine rotleuchtende Punkte über seinen Körper wandern.

Ein Auserwählter aus dem ­Publikum darf dem auf einer Leiter tänzelnden später Fackeln zuwerfen. Allerdings ­jongliert er, ohne sie zu entflammen. ­Feuerschutzgründe. Sagt er. Clapp gelingt es, die Premierenmenge aus der Applaustrance zu reißen und sie amüsiert die ­Häupter schütteln zu lassen.

Sowieso dürfte „Clowns“ öfters zum Staunen denn zum Lachen animieren. Das Trapezpaar „Die Maiers“ verbindet jedoch beide Emotionen mühelos. Eigentlich möchten Sabine Maier und Joachim Mohr auf dem Turngerät unter der Decke Hand in Hand sitzen wie auf einer Hollywoodschaukel.

Kombination aus Artistik und Slapstick

Doch bereits beim Aufbau der notwendigen Leiter artet die geplante Zweisamkeit in Slapstick aus. Dann muss der Herr beim Klettern auch noch das nach oben rutschende Kleid der Gattin zurückhalten, um den Anwesenden die Sicht auf deren Unterwäsche zu verbergen.

Und schließlich muss er sich auch noch seiner Hosenträger entledigen, um damit das Trapez überhaupt erreichen zu können. Frau Maier garniert das Ganze mit köstlich genervter Mimik. Die folgende Artistik wäre freilich atemraubender, erlebte man sie varietétypisch direkt über den Köpfen statt vorne auf der Bühne.

Ebenfalls in die Lüfte schwingt sich Lara Paxton, die sich als Akrobatin im Großmutteralter ausgibt und seufzend auf ihre Karriere zurückblickt. Bevor die alte Dame jedoch am schwebenden Rollator turnt, zieht sich die Hinführung zu lange hin – Gicht hin oder her.

Nervenkitzel in den vorderen Reihen

Dynamischer agiert der Franzose Jean Ferry. Flummigleich stößt er seine Waden ins federnde Trampolin, doch zur Hauptattraktion des Abends avanciert seine Interaktion mit der freistehenden Leiter.

Speziell in den vorderen Reihen sorgt dies für Nervenkitzel: Der wacklig auf der Leiter tippelnde Ferry droht, gen Zuschauer umzukippen. Doch keine Panik: Ferry ist Profi, seine zittrige Unsicherheit ist grandios gespielt. Beim souveränen Handstand auf dem Kletterutensil, spätestens jedoch nach Ferrys Rückwärtssalto legt sich die Angst ums Abendmahl.

Obwohl manch Einlage zu langatmig geraten ist, sich die einzelnen Akteure ruhig öfters gegenseitig unterbrechen könnten, um die Show temporeicher zu gestalten, bieten Suns „Clowns“ einige launige Höhepunkte.

Der akrobatische Slapstick hat Niveau, die musikalischen Beiträge der Band sind grandios. Erfolgreiche Ansätze sind erkennbar: Das angestaubte Clowns­image lässt sich durchaus aufpolieren! Vielleicht kommt der ganz große Durchbruch ja im dritten Anlauf.

Weitere Informationen unter www.friedrichsbau.de

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