Winston Fuenmayor kommt aus Venezuala. Was er dort erlebt hat, hat er in eine Nummer gepackt, die ihn aus der Armut geholt und nach Deutschland gebracht hat.
Ein Käfig umgibt ihn. Ein Käfig aus Licht. Winston Fuenmayor (27) ist im Dunkel gefangen. So wie er sich einst in seiner Heimat gefühlt hat. Raus will er. Er kämpft, er zetert, er windet sich, er leidet. Sobald er sich dem Licht nähert, erscheinen Rechtecke in der Form von Spielkarten. An den Fingern, aus der Haut drängen sie heraus, aus dem Mund erbricht er sie, Dutzende, sind es, Hunderte, sie formen sich zu einem Panzer, die ihn einzwängen. Das Licht geht aus.
Anders als auf der Bühne ist ihm im richtigen Leben ein Ausweg gelungen. Mit Hilfe seiner Zauberkunst. Wir sitzen des Morgens im Friedrichsbau-Varietés, wo er noch bis zum 7. Juni bei der Revue „A Kind of Magic“ auftritt. Jetzt hat er ein bisschen Zeit zum Plaudern. Und zum Erzählen, wie er sich daheim auf den Weg gemacht hat, der ihn als Magier rund um die Welt geführt hat.
Und wie er da so dasitzt und erzählt, staunt er über sich selbst und wie sich sein Leben entwickelt hat. „Die Nummer, die aus mir herauswollte, in die ich gepackt habe, wie ich mich fühle, hat mein Leben verändert!“
Reisen wir mit ihm mal um die halbe Welt, zurück nach Venezuela, nahe der Hauptstadt Caracas. Dort wächst er auf, der Papa ist Musiker, Bandleader, „er macht unsere typische Musik, klingt beschwingt und lustig, sind aber tieftraurige Texte“. Dafür gibt es auch allen Grund. Venezuela hat die meisten Erdölreserven der Welt, ist also ein reiches Land. Das Geld fließt aber in die Taschen der Diktatoren und ihrer Günstlinge. Die knapp 30 Millionen Menschen sehen davon nichts, sie leiden Hunger, unter der Brutalität der Machthaber und der Kriminalität. Jeden Tag werden knapp 50 Menschen ermordet. Bis zu seinem Tod hatte Hugo Chavez den Staat umgebaut, die Wirtschaft verstaatlicht, unabhängige Gewerkschaften verboten. Sein Nachfolger Nicola Maduro regierte ähnlich brutal, bis ihn Donald Trump dieses Jahr aus dem Land verschleppen ließ. In Venezuela spricht man spöttisch von der Maduro-Diät, wenn es mal nichts zu essen gibt.
Dort also wächst Winston auf. Die Magie bietet ihm einen Ausweg. „Mit neun Jahren habe ich einen Zauberer im Fernsehen gesehen“, sagt er, „danach wollte ich auch Zauberer werden.“ Er bekam einen Zauberkasten in einer Metallbox. Der Inhalt ist längst verstreut und verloren, doch die Kiste begleitet ihn immer noch. „Ich war besessen, und meine arme Familie musste meinen 30 Minuten langen Zaubershows folgen.“ Sie hielten durch. Und er auch.
Was nicht immer einfach war. Denn Zauberei dient in Venezuela vor allem dem Belustigen und Unterhalten von Kindern. Im „Zauberhaus“, einem Laden, schult er seine Fertigkeiten, die er meist nur bei Kindergeburtstagen zeigen kann. Was aber seine Nerven stählt. Der erfahrene Kollege Ernesto Melero nimmt ihn unter seine Fittiche. Gemeinsam arbeiten sie an seiner Nummer, in der er seine Gefühle ausdrückt. Sein Ausgeliefert-sein, sein Eingesperrt-sein, sein Verzweifeln.
Sie nehmen ein Video auf. „Ich habe es dann an wirklich jeden geschickt, alle geflutet“, sagt Fuenmayor. Tatsächlich kommt eine Einladung nach Paris. Zum Cirque de Demain. Dort treten Artisten aller Sparten auf, die das Gesicht des Zirkus von morgen sein könnten. Vor 6000 Zuschauern. Fuenmayor verlässt erstmals Venezuela. Fliegt nach Paris. Alles bezahlt. Flug. Hotel. Er kommt sich vor wie im Traum. Steht vor dem Eiffelturm, tritt auf. Und gewinnt den Ehrenpreis. Das Publikum ist begeistert. Auch ohne die Geschichte hinter seinem Auftritt zu kennen.
Woran das liegt? „Wir Zauberer versuchen ja immer nah an der absoluten Perfektion zu sein“, sagt Fuenmayor, „meine Figur auf der Bühne ist alles andere als perfekt, sie ist verletzlich, sie ist frustriert, sie ist wütend, sie ist ungeschützt, sie ist nahbar.“ Und darin erkennen sich offenbar viele wieder. So hagelte es Preise. Und Engagements. Überall auf der Welt. Er tourt mit der Magierin Juliana Chen und einem Ensemble ein halbes Jahr durch China.
Ein Auftritt in den USA macht den Zauberer berühmt
Dann tritt er im Juni 2020 bei „America's got Talent“ auf. Und wird auf einen Schlag berühmt in seiner Heimat. Er gibt Interviews, an Zeitungen, im Fernsehen. Dann kommt Corona. Und ein knallharter Lockdown. „Ich saß zwei Jahre praktisch nur in meinem Zimmer“, erinnert er sich. „Ich hatte noch Glück“: Weil er in Dollars bezahlt wurde, und die Inflation so hoch wurde, wurde sein Geld immer mehr wert. Doch drumherum werden alle ärmer. Als dann noch eine Woche der Strom ausfällt, sagt er sich: „Ich muss hier weg!“ Er nutzt die Zeit, arbeitet an neuen Nummern.
Nichts wie weg!
Schon länger hatte er eine Anfrage vom GOP-Varieté in Bremen. Als er wieder aus Venezuela raus durfte, flog er nach Norddeutschland. Und blieb. Mittlerweile ist Bremen sein Zuhause geworden, dort hat er seine Freundin kennengelernt, dort lebt er. Von dort aus geht er seiner Arbeit nach. Und von da ist es dann auch nicht weit nach Stuttgart. Wo man ihn schon ganz lange buchen wollte. Und wo er auch gerne mal auftreten wollte. Schließlich hat der schwäbische Magische Zirkel einen guten Ruf und sich mit Topas, Roxanne, Julius Frack, Maurice Grange und vielen anderen als Talentschmiede erwiesen. Auch Jaana Felicitas hat dort ihre ersten Erfahrungen gemacht. Nun stehen sie und Fuenmayor bei „A Kind of Magic“ gemeinsam auf der Bühne. „Ich bewundere ihre Arbeit“, sagt er. was nicht verwunderlich ist. Haben doch beide diese poetische Art, die überlieferten Tricks der alten Meister neu zu präsentieren. Und manchmal lassen sich dabei Ketten sprengen. Und Käfige aufbrechen.