In Zeiten von Smartphones und Internet das Lesen von Büchern attraktiv zu machen, ist nicht einfach. In der Friedrich-Silcher-Schule Böblingen scheint dies zu gelingen.
Kinder, die viel und gerne Bücher lesen statt an Smartphone, Tablet oder Computer zu zocken, zu chatten oder zu streamen? Im digitalen Zeitalter sind Bücher lesende Kinder eher eine Rarität geworden. Die Friedrich-Silcher-Grundschule (FSG) in Böblingen gehört zu den Schulen im Kreis, die diesem Trend etwas entgegensetzen. Nicht aber mit Verbot oder Bestrafung, sondern mit einem schulischen Fokus und einem Angebot, das Erfolg zu haben scheint.
Um zu verstehen, dass Lesen an der Schule am Murkenbach eine besondere Rolle spielt, muss man nicht lange suchen. Im Deutsch-Unterricht einer vierten Klasse geht es um Lektüren, an einem Tisch vor dem Sekretariat sitzt eine Schülergruppe zusammen und liest einen Text über das Mittelalter. Je nach Jahreszeit wird das Lesen richtiggehend zelebriert. Am 21. November zum Beispiel, wenn der bundesweite Vorlesetag stattfindet und der Böblinger Bundestagsabgeordnete und ehemalige FSG-Schüler Marc Biadacz (CDU) die Schüler in eine Geschichte entführt. Oder im Herbst, wenn am beliebten „Frederick-Tag“ an der Schule Lesungen zu der Comic-Maus stattfinden und die Schüler Eintrittskarten wie im Kino „erwerben“ können.
Hier gibt es eine Schulbücherei mit Büchereiausweis
„Ganz besonders ist vor allen Dingen unsere schuleigene Bibliothek“, betont Schulleiterin Christina Mayer-Gienke. Hier könne man seit nunmehr 18 Jahren nicht nur im Rahmen des Deutsch-Unterrichts Bücher lesen und diese besprechen, sondern mit dem eigenen Büchereiausweis Bücher ausleihen. „Das wird sehr gut angenommen. Ganze Schülergenerationen haben von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht. Sei es, weil sie ein Bücherreferat vorbereiten oder ein Buch für zuhause mitnehmen möchten“, sagt Mayer-Gienke. Die Schulbibliothek ist immer dienstags und freitags von 9 bis 11.30 Uhr geöffnet.
Geboren wurde die Idee der schuleigenen Bibliothek praktisch aus der Not heraus. 2007, als die Büchereizweigstelle des Murkenbach-Schulzentrums schloss, kamen einige Frauen auf die Idee, in den Räumlichkeiten der Grundschule eine Bücherei zu betreiben. Eine von ihnen ist Wiltraud Deißinger. Seit 18 Jahren engagiert sich die Rentnerin ehrenamtlich für die Schulbibliothek. Derzeit sorgen sechs Ehrenamtliche an zwei Tagen der Woche dafür, dass immer Büchernachschub gewährleistet ist, Bücher entliehen und wieder zurückgegeben werden können. Und dass alles sortiert ist. „Das ist viel Arbeit, aber es macht allen viel Freude“, erklärt Deißinger.
Über 2000 Bücher stehen derzeit in den Regalen der Schulbücherei. Mit Büchern zu arbeiten, bedeutet auch aktuelle Entwicklungen am Markt und die Geschmäcker der Kinder im Blick zu behalten. „Wir gehen in Buchhandlungen oder studieren Kataloge“, erklärt Wiltraud Deißinger. Zu den derzeitigen Lesevorlieben der Kinder sagt die Bibliotheksmitarbeiterin: „Beliebt sind Sachbücher über Geschichte oder Tiere.“ Etwas überraschend in Zeiten von Internet und Social Media ist ein weiterer „Bestseller“: „Hoch im Kurs stehen Aufklärungsbücher“, so die ehrenamtliche „Bibliothekarin“. Dieser Trend freue zwar nicht alle Eltern, dafür aber die wissbegierigen Kinder.
Die Omnipräsenz des Digitalen ist eine Herausforderung
Es geht beim breiten Leseangebot aber nicht nur um die Beschäftigung kleiner Bücherwürmer. Lesekompetenzen inklusive Verstehen und Wiedergeben des Gelesenen sind Grund-Instrumente im Werkzeugkasten eines jeden Schülers. Nicht jedem fällt dies heute leicht, beobachtet Mayer-Gienke: „Manche wachsen muttersprachlich nicht mit Deutsch, sondern einer bis zwei weiteren Sprachen auf. Tatsächlich lässt sich relativ leicht sagen, bei wem zuhause Sprache gefördert wird und wer viel Medienzeit hat.“ Konkret bedeute das häufig, dass wer viel Zeit an Smartphones, Tablets oder Konsolen verbringt, oftmals weniger flüssig lese und weniger leicht Texte in eigenen Worten wiedergeben könne.
Warum das Lesen und Reproduzieren im Jahr 2026 für manche Schüler eine solche Herausforderung darstellt – auch dafür hat die Schulleiterin eine Erklärung: „Wenn Kinder viel mit Bildern und Videos aus dem Netz beschäftigt sind, gehen massiv Sprachkompetenzen verloren. Wir hören oft, dass die Schüler Sätze so schreiben, wie sie sie im Internet oder Chats schreiben. Da fehlt dann auch gerne mal eine Präposition.“ Zudem sei auffällig, wie schnell die Konzentrationsspanne bei manchen flöten ginge, so die Schulleiterin, die selbst seit mehr als 30 Jahren im Schuldienst tätig ist.
„Gut aufgestellt“ auf die weiterführende Schule
Auch wenn die Startbedingungen bei Kindern unterschiedlich sind und auch immer bleiben werden, nach vier Jahren an der Friedrich-Silcher-Grundschule gehen die meisten mit gutem Rüstzeug auf eine weiterführende Schule, ist Christina Mayer-Gienke überzeugt: „Die Kinder sind meist gut aufgestellt.“
Das liege an Angeboten wie den Lesetandems oder Lesepatenschaften, aber auch an der eigens betriebenen Bibliothek. „Uns freut die Volljährigkeit der Bücherei und dass wir damit einen Beitrag leisten können zur besseren Lesefähigkeit von Kindern. Ich bin auch sicher, Lesen ist der Schlüssel zum Lernen und für alle Fächer und das Leben wichtig“, betont Wiltraud Deißinger.
Leseförderung
Bundesweite Initiative
Die Friedrich-Silcher-Grundschule gehört wie eine Vielzahl weiterer Schulen im Kreis Böblingen zu den Einrichtungen, die am sogenannten BISS-Transfer teilnehmen. BISS steht für „Bildung in Sprache und Schrift“. Die Initiative stellt wissenschaftlich erprobte Lernmethoden wie auch Schulungen für Lehrpersonal zur Verfügung, die den Schulen zu Gute kommen.
Bücherspenden
Die Schulbibliothek der FSG nimmt gerne altersentsprechende Bücher entgegen. Diese müssen allerdings nach der Neuen Rechtschreibung verfasst sein.