Wenn Helga Hofstetter das Grab ihres Mannes am Waldfriedhof besucht, muss sie Zeit einplanen. Foto: red

Für ältere Bürger aus dem Westen und Mitte ist der Weg zur Ruhestätte eines Angehörigen oft beschwerlich.

S-West - Wenn Helga Hofstetter (Name von der Redaktion geändert) ihren verstorbenen Mann auf dem Friedhof besuchen und das Grab mit frischen Blumen schmücken möchte, muss sie sich Zeit nehmen. Kurz mal auf den Friedhof laufen kann die 82-Jährige nicht. Sie wohnt in der Nähe des Leipziger Platzes im Stuttgarter Westen. Dort gibt es keinen Friedhof, und es hat auch nie einen gegeben. Der Hoppenlaufriedhof, der auf der heutigen Grenze zwischen West und Mitte liegt, ist seit 1882 geschlossen. Damals gab es noch keine Stadtbezirke. Die Einteilung der Innenstadt in fünf Stadtbezirke erfolgte erst 1957 mit der Bezirksverfassung.

Wenn Helga Hofstetter ihren Mann besucht, begibt sie sich auf eine kleine Reise. Mit dem Bus, der Bahn und der Seilbahn ist sie unterwegs bis zum Waldfriedhof, wo ihr Mann seit 27 Jahren ruht. 30 Minuten dauert eine Fahrt. Das Umsteigen macht die Anreise beschwerlich. „Ich muss viele Straßen überqueren, und wenn ich Pech habe, fährt die Bahn gerade weg.“ Helga Hofstetter ist noch gut zu Fuß. „Viele Bekannte von mir sind das nicht, und für sie sind die langen Fahrten und das viele Umsteigen bis zum Friedhof ein Problem.“ Trotz körperlicher Fitness hat auch die 82-Jährige vor zwei Jahren die Grabpflege abgegeben. „Gerade im Sommer sollte man mindestens jeden zweiten Tag gießen“, sagt sie. „Die Hitze vertrage ich aber nicht mehr so gut.“

Mittlerweile gibt es sehr viele freie Grabstätten

Seit 1954 lebt die 82-Jährige im Westen. Woanders wohnen wollte sie nie. „Wir haben viel Grün um uns herum, für Kinder alle Schulen und eine tolle Infrastruktur“, sagt sie. „Dass es hier keinen Friedhof gibt, weiß man natürlich.“ Bei der Wohnortwahl spielt das sicherlich keine Rolle – schon gar nicht bei jungen Leuten. Als Helga Hofstetters Mann starb, war sie 55 Jahre alt. Sie hatte die Wahl zwischen dem Prag- und dem Waldfriedhof. „Ich bin sicher, dass mein Mann nicht auf den Pragfriedhof gewollt hätte.“ Das war das einzige, was für sie gezählt hat. „Natürlich ist der Pragfriedhof vom Westen aus besser und mit weniger Umsteigen zu erreichen.“

Auf dem Weg zur Seilbahn fährt Helga Hofstetter in der Stadtbahnlinie U 14 immer am Heslacher Friedhof vorbei. „Dieser liegt natürlich günstiger für mich“, sagt sie. Heute würde sie dort auch eine Grabstätte bekommen. Vor knapp 30 Jahren ging das nicht. Der Westen, mit Mitte zusammen einer von zwei Stuttgarter Stadtbezirken, der keinen Friedhof hat, ist laut der Friedhofssatzung dem Prag-, Wald- und Dornhaldenfriedhof zugewiesen. „Wir haben mittlerweile aber so viele freie Grabstätten, dass die Bürger unabhängig vom Wohnort die Wahl haben“, sagt Harald Aust, der Leiter der Abteilung Friedhöfe und Bestattungen beim Garten- und Friedhofsamt. Von 157 000 Grabstätten auf 41 Friedhöfen sind momentan circa 38 000 frei. „Das liegt daran, dass der Wunsch, eine Grabstätte länger als die vorgegebene Ruhezeit von 20 Jahren zu erhalten, nicht mehr so da ist“, sagt Aust. Die Gründe sind vielfältig. „Oft ziehen die Leute weg, sind nicht mehr mobil oder haben keine so feste Familienbindung“, sagt Aust. Jährlich werden zwischen 1000 und 1500 Gräber mehr zurückgegeben, als das neue vergeben.

Vom Westen aus bleiben die Wege lang

Trotz der freien Wahl müssen Angehörige aus dem Westen entweder weit laufen, mit dem Auto oder mit den Öffentlichen fahren. Der Grund liegt in der Geschichte. Zur Gründerzeit herrschte ein Bauboom in Stuttgart. Zählte die Stadt 1861 noch 61 300 Einwohner, waren es 1900 schon 177 000. „Von der Rotebühlstraße in westliche Richtung bis zur Schwabstraße wurde in kürzester Zeit viel gebaut“, sagt Helmut Reusch, der immer wieder Führungen durch den Westen und über den Hoppenlaufriedhof anbietet. „Ein Friedhof war während des Baubooms nicht angedacht“, sagt Reusch. Auch beim Bau der Kirchen waren keine geplant. „Dass mit dem Bau einer Kirche automatisch auch ein Friedhof angelegt wird, ist Dorfdenken“, sagt Reusch. Das erkläre auch, warum es beispielsweise in Heslach oder Gablenberg einen Friedhof gibt. Das waren frühere eigene Gemeinden.

„Ich habe schon häufiger von älteren Bürgern gehört, dass es für sie ein Problem ist, zum Friedhof zu kommen“, sagt Reusch. Daran ändern wird sich nichts. Es gehört dazu, wenn man in einem der am dichtesten besiedelten Stadtbezirke wohnt. Das sieht auch Helga Hofstetter so. „Wir haben ja gar keinen Platz, und der Waldfriedhof ist auch wirklich schön.“ Bedauerlich findet sie, dass der 42-er Bus vom Westen aus nicht bis an den Wald- und Dornhaldenfriedhof hochfährt. „Das würde uns zumindest das Umsteigen ersparen.“

Historisches
Im heutigen Stuttgart-Mitte gab es früher viele Friedhöfe: den Hospitalfriedhof in der Neuen, später Reichen Vorstadt sowie den Leonhards- und den Lazarettfriedhof im heutigen Bohnenviertel ist. Der Hoppenlaufriedhof wurde mit Ausbruch der Pest 1626 angelegt. Zunächst war es ein Massengrab auf dem Grundstück des damaligen Bürgermeisters Johann Kercher. Dieser wurde 1628 als erster offiziell dort in einem Einzelgrab bestattet. Der Hoppenlaufriedhof wurde 1882 geschlossen. 1873 wurde der Pragfriedhof eröffnet.

Anbindung
Immer wieder wird im Westen der Wunsch geäußert, den 42er Bus, der bis zum Erwin-Schoettle-Platz fährt, weiter bis zum Waldfriedhof fahren zu lassen. Aus Sicht der SSB sprechen einige Faktoren dagegen: erstens hat der 42er heute schon eine lange Route und einen dichten Takt, so dass eine Verlängerung der Strecke als nicht sinnvoll erachtet wird. Zweitens soll die Seilbahn, „ein Stuttgarter Original“, sagt Birte Schaper von der SSB, als direkter Weg zum Friedhof genutzt werden. Zwei Verkehrsmittel parallel zum selben Ziel einzurichten, sei nicht sinnvoll, da sie sich gegenseitig die Fahrgäste wegnehmen.

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