Diese Blumen haben Angehörige von der Baggerschaufel beim schnellen Abräumen des Schmucks an Allerheiligen an der Urnenwand nehmen dürfen. Foto:  

Im Trauermonat November brandet der Ärger über abgeräumte Dekorationen an der Urnenwand auf dem Fellbacher Friedhof erneut auf.

Der Monat November ist geprägt durch Tage des Gedenkens an die Verstorbenen. Viele Menschen besuchen Gräber, zünden Kerzen an – für sie sind Friedhöfe ein wichtiger Ort der Erinnerung. Im Trauermonat brandet der Ärger über die Umsetzung der Friedhofsordnung in Fellbach neu auf: In einer kleinen Feier wurde an Allerheiligen der Verstorbenen gedacht. Auch Heidi Grau war darunter. Sie hat im vergangenen Jahr ihren Vater verloren. Das Grab ihrer Eltern ist an der Urnenwand auf dem Fellbacher Kleinfeldfriedhof untergebracht.

 

Die Kerzen seien bei der kleinen Feier von einem katholischen Pfarrer geweiht worden, schildert Heidi Grau. Blumenschalen und Gestecke seien zum Schmuck aufgestellt worden. Doch am Montag, 3. November, sei sie „einmal mehr tief geschockt“ gewesen. Sie habe erlebt, wie die an Allerheiligen auf dem Friedhof gesegneten Kerzen und liebevolle Blumengrüße bereits auf den Müll geworfen worden seien. Einige der Blumen habe sie von der Baggerschaufel nehmen dürfen. Davon habe sie ein Foto gemacht, um zu zeigen, wie schön die Dekoration gewesen sei.

Die Urnenwand auf dem Kleinfeldfriedhof in Fellbach Foto: Eva Schäfer

Auch eine Unterschriftenliste hat es von Angehörigen gegeben

Der Frust auf dem Friedhof dauert schon länger. Auch eine Unterschriftenaktion hat es von Angehörigen gegeben. Die Stadt hatte im Frühjahr auf dem Kleinfeldfriedhof angemahnt, dass die Friedhofsordnung nun konsequent umgesetzt werde: Auf Plakaten wurde appelliert, auf „pflegefreien Grabstätten“ – wie Urnenwand und Baumreihengrab – abgestellte Gegenstände zu entfernen. Stichtag war der 1. März. Bis dahin hätten Angehörige die Chance, die Dekoration abzuräumen. Danach würde Schmückendes entfernt. Die Verwaltung habe zwar „bisher in einem gewissen Rahmen individuelle Möglichkeiten des Gedenkens zugelassen“. Doch hätten sich Beschwerden über ein Zuviel an Deko gehäuft.

Auf erneute Nachfrage sagt die Stadt Folgendes: Jede Bestattungsform habe bestimmte Rahmenbedingungen, in Gesprächen zwischen Friedhofsverwaltung, Bestattern und Hinterbliebenen werde mehrfach darauf aufmerksam gemacht. Die Entscheidung für eine Bestattungsform fällten die Bürger bewusst und würden sich darauf verlassen, dass die Rahmenbedingungen eingehalten werden. Eine Bestattung in Urnenwänden und Columbarien sei für Angehörige ohne eigenen Pflegeaufwand verbunden. Dies werde von Bürgen gewählt, die alleinstehend sind, deren Angehörige nicht vor Ort wohnen oder älter sind. Die Bestattungsart ermögliche aber keine individuelle Grabgestaltung.

Stadtverwaltung: Im November werde Schmuck etwas später abgeräumt

Für viele Hinterbliebene sei die Einhaltung der Regeln wichtig. Sie lehnten eine persönliche Gestaltung ab, da diese gegebenenfalls ihren Vorstellungen widerspreche, sie diese unschön fänden oder sie sich dadurch beeinträchtigt fühlten. Dazu hätte die Stadt zahlreiche Rückmeldungen. Man sei hier gegenüber den Angehörigen in den über 1320 Grabstätten in Columbarien/ Urnenwänden auf dem Kleinfeldfriedhof verantwortlich.

Selbstverständlich wollten Angehörige gerade im November ihre Trauer ausdrücken. „In dieser Zeit werden Kränze und Blumen, die auch an den Columbarien oder bei anderen Gräbern ohne individuelle Gestaltung abgelegt werden, erst etwas später abgeräumt“, so die Stadtverwaltung. Leider habe das Wetter nach Allerheiligen aber die Trauerbekundungen etwas „derangiert“. „Kerzen wurden durch den Regen gelöscht, das Wachs verspritzt und einzelne Sträuße zerstört. Daher musste die Dekoration am Montag abgeräumt werden“, so das Presseamt der Stadt.

Ob grundsätzlich eine Fläche für Gestecke/ Kerzen auch an den Columbarien zur Verfügung gestellt werden könne, werde am Runden Tisch Friedhöfe erörtert. Die Umbettung in ein Urnengrab sei unter bestimmten Voraussetzungen möglich. Die Kosten für die Umbettung von etwa 450 Euro tragen die Angehörigen.

„Bedaure zutiefst, dass wir uns für die Urnenwand entschieden haben“

Mit der aktuellen Situation will sich Heidi Grau nicht abfinden. Sie spreche für mehrere Trauernde, auch auf dem Friedhof in Schmiden werde das Vorgehen beklagt. In ihrem Ärger hat sie einen Brief an die katholische Kirchengemeinde geschrieben. Ihr Anliegen drückt sie darin folgendermaßen aus: „Wir wünschen uns eine menschliche Betrachtung und Bewertung von Trauer auf einem Friedhof und ein Entgegenkommen oder einen Kompromiss, mit dem alle Beteiligten leben können. An den anonymen Gräbern und den Wiesengräbern gibt es eine Säule, an der kleine Grüße abgelegt werden. Wir wünschen uns ebenfalls eine solche Möglichkeit.“

Über eine Umbettung habe sie auch nachgedacht und sagt: „Ich bedaure zutiefst, dass wir uns für die Urnenwand entschieden haben. Mit dem Wissen von heute hätte ich meine Eltern nicht in der Urnenwand bestattet, und so geht es vielen von uns.“