Als Zeichen des Gedenkens wird bei Baumgräbern am Stamm eine Plakette angebracht. Grabschmuck ist bei dieser Bestattungsform nicht vorgesehen. Foto: Michael Steinert

Alte Bestattungsriten sind auf dem Rückzug. Die Stadt will neuen Trends gerecht werden und hat 69 neue Baumgräber-Standorte auf dem Friedhof Feuerbach geschaffen.

Feuerbach - Ein sanfter Windhauch streicht durch die Baumkronen des lichten Wäldchens. Die Blätter rascheln, ansonsten herrscht hier friedliche Ruh’. Nur auf den zweiten Blick sind die Spuren einer neuen Bestattungskultur auf dem Neuen Friedhof in Weilimdorf zu erkennen. Die Stadt hat im Juli 2010 insgesamt 369 Baumgräber auf dem weitläufigen Friedhof am Rande Weilimdorfs eingerichtet. „Momentan sind noch 145 Baumgräber frei“, sagt Stefan Braun, stellvertretender Leiter der Abteilung Friedhöfe beim Garten-, Friedhofs- und Forstamt. Die Mehrzahl der Plätze ist inzwischen belegt. Und seit es dieses Angebot in Weilimdorf gibt, nehmen die Belegungszahlen beständig zu.

Anteil der Feuerbestattungen liegt bei 70 Prozent

Die Baumgräber befinden sich dort kaum 100 Meter vom Eingang des Weilimdorfer Friedhofs entfernt und sind auf den ersten Blick nicht als solche erkennbar. Der Gottesacker sieht dort eher wie eine Parklandschaft aus. Das einzig Auffällige ist, dass postkartengroße Schilder an einigen Baumstämmen befestigt sind. Auf den angenagelten Täfelchen ist manchmal nur der Name des Verstorbenen eingraviert, manchmal haben die Hinterbliebenen auch den Geburts- und Sterbetag oder einen Spruch anbringen lassen. Aber auch ein anonymes Begräbnis ist innerhalb der Baumgrabgruppe möglich.

Tatsächlich befinden sich die Bestattungsriten hierzulande in einem tief greifenden Wandel. Inzwischen liege der Anteil der Feuerbestattungen in Stuttgart bei 70 Prozent, sagt Braun. Nur noch knapp ein Drittel aller Verstorbenen werde in Särge gebettet und der Erde anvertraut. Immer mehr Urnenbeisetzungen und die ungenutzten Flächen auf den Friedhöfen zwangen die Kommunen zum Handeln. „Vereinfacht ausgedrückt lassen sich zwei Trends beobachten: Zum einen hin zur Feuerbestattung und zum anderen hin zu Gräbern, die wenig oder keiner Pflege durch Hinterbliebene bedürfen“, sagt Braun.

Neue Friedhofssatzung seit Ende 2013

Um diesen geänderten Bedürfnissen gerecht zu werden, hat der Gemeinderat im Juli 2005 der Einrichtung von Baumgräbern auf Stuttgarter Friedhöfen zugestimmt. Seit August 2005 gibt es solche Grabstätten auf dem Waldfriedhof in Degerloch. Nachgefragt werden auch andere alternative Bestattungsformen wie Rasengräber, Gemeinschaftsgrabanlagen, Kolumbarien oder anonyme Urnengemeinschaftsstätten. Fest steht, dass in einer zunehmend mobileren Gesellschaft, in der auch der Anteil an Singlehaushalte ständig wächst und gleichzeitig immer weniger Kinder zur Welt kommen, die Nachfrage nach alternativen und pflegeleichten Bestattungsformen rapide steigt. Um diesen geänderten Bedürfnissen aus der Bevölkerung gerecht zu werden, habe die Stadt die Friedhofssatzung im November 2013 geändert, sagt Braun. Derzeit arbeite die Verwaltung an einem Konzept, je nach den örtlichen Gegebenheiten auf möglichst vielen Friedhöfen in Stuttgart alternative Grabarten anzubieten.

Momentan gibt es im Stuttgarter Norden für die Friedhöfe in Feuerbach (Baumgräber) und Botnang (Rasengräber) konkrete Pläne, in Stammheim und Zuffenhausen seien die Überlegungen noch nicht planungsreif, sagt Braun. Der Bezirksbeirat Feuerbach war sich in der vergangenen Sitzung einig, dass die Stadt dem wachsenden Wunsch nachkommen sollte. Die Politiker sprachen sich einstimmig für den Vorschlag des Garten-, Friedhofs- und Forstamtes aus, auf dem Friedhof Feuerbach 69 neue Baumgräber anzubieten. Die Voraussetzungen dafür sind bereits geschaffen: „Sofern wir von dem Bezirksbeirat nichts Gegenteiliges hören, würden wir die Baumgräber ab dem 1. Juli vergeben“, hat Amtsleiter Volker Schirner bereits kundgetan.

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