Um die Pflege des Gemeinschaftsgrabs müssen sich die Hinterbliebenen nicht kümmern, das ist alles inklusive. Foto: Tilman Baur

Die Friedhöfe verändern sich, weil die Menschen nach neuen Möglichkeiten für die Bestattung suchen. Auf dem Neuen Friedhof in Degerloch ist vor Kurzem das achte Gemeinschaftsgrab in Stuttgart eröffnet worden. Was hat es für Vorteile?

Degerloch - Der Sekt-Orange schmeckt Helga Arnold und Inge Stauch heute besonders gut. Die Frauen aus dem Lothar-Christmann-Haus in Hoffeld sind zur Eröffnung der Gemeinschaftsgrabanlage auf den Neuen Friedhof in Degerloch gekommen. Beide haben sich hier schon länger vormerken lassen und sind froh, dass die Anlage endlich so weit ist. „Ich habe viel mit der Stadt gerungen, es ist lange nicht vorwärtsgegangen“, sagt die 87-jährige Helga Arnold. Die 80-jährige Inge Stauch hatte erst vor Kurzem eine OP. Die müsse gut gehen, habe sie dem Arzt gesagt, schließlich sei ihr Grab noch nicht fertig.

Ein Grab auf einer Anlage wie jener in Degerloch nimmt Menschen wie Frau Arnold und Frau Stauch viele Sorgen ab. Schließlich müssen sie sich keine Gedanken darüber machen, ob und wer es einmal pflegt. Diese Aufgabe übernehmen die beiden beteiligten Genossenschaften und die Stadt. „Ich habe tolle Kinder, aber mit dem Friedhof wollen die nichts zu tun haben“, sagt Helga Arnold. Als sie ihnen eröffnet habe, dass sie das Grab des Vaters auflösen wolle, hätten die erst einmal nichts gesagt. Doch mittlerweile sind sie mit der Entscheidung für das Gemeinschaftsgrab zufrieden.

Es gibt zwei Varianten der neuen Grabform

Die Grabform ist seit Jahren im Kommen und bietet eine kostengünstige Alternative zum individuellen Grab, wahrt gleichzeitig die Würde der Verstorbenen, weil sie nicht anonym ist. Wie bei individuellen Gräbern gibt es bei einer Gemeinschaftsgrabanlage zwei Varianten: Erdgräber für Särge und Urnengräber. Die neue Anlage in Degerloch ist für Urnen. Auf beiden Seiten des großen Grabsteins sind je sechs kleine Steine in Blattform angeordnet, unter die jeweils zwei Urnen passen. „Urnenwahlgräber“ nennen sich solche Gräber im Amtsdeutsch. Insgesamt gibt es Platz für 24 Urnen. „Die Anlage wird in Zusammenarbeit mit der Stadt, der Genossenschaft Württembergischer Friedhofsgärtner und der Genossenschaft Netzwerkstein über die Laufzeit von 20 Jahren angelegt und gepflegt“, sagt Inge Bühler, Ingenieurin und Friedhofsplanerin bei der Stadt.

Wenn Bürger vorsorgen und eine Urnengrabstätte kaufen wollen, können sie sich an einen der drei Beteiligten wenden. „Sie machen dann einen Vertrag mit der Stadt und den Genossenschaften und werden im Todesfall hier bestattet“, so die Friedhofsplanerin. Ein Urnenwahlgrab auf dem Neuen Friedhof in Degerloch kostet 9287 Euro für eine Ruhezeit von 20 Jahren; das sind 464 Euro pro Jahr oder knapp 39 Euro pro Monat. Die Summe setzt sich aus Gärtnerleistungen (Bepflanzung, Arbeiten anlässlich der Beisetzung), Leistungen des Steinmetzes (Beschriftung der Platten, Gewährleistung der Standsicherheit) und den Kosten für die Nutzungsrechte zusammen.

Die Stadt wacht über die Pflege

Die meisten Gemeinschaftsgrabanlagen böten wie jene in Degerloch immer auch Platz für einen Partner, sagt Inge Bühler, manche sogar für vier Urnen. Ganz in Ruhe könnten sich Menschen im Voraus einen Standort aussuchen und alle relevanten Fragen klären. Angehörige sind während der 20-jährigen Ruhezeit von der Pflege des Grabes befreit. Diese übernimmt die zuständige Gärtnerei Raff.

Für viele Menschen ist genau das der Hauptgrund für die Entscheidung für ein Gemeinschaftsgrab. Sie wollen ihren Familienangehörigen nicht die Last aufbürden, das Grab regelmäßig selbst pflegen zu müssen. „Wir haben vertraglich mit den Genossenschaften geregelt, dass das Grab immer gut aussehen muss. Ansonsten wird die Stadt den Finger heben“, betont Inge Bühler. Dreimal im Jahr bepflanzen die Gärtner das Grab neu. Steinmetze überprüfen regelmäßig die Standfestigkeit. Und die Stadt kontrolliert, ob alles ordentlich aussieht.

Die Degerlocher Gemeinschaftsgrabanlage ist die insgesamt achte in Stuttgart, weitere sind in Planung. Seit 2016 gibt es auf dem Alten Friedhof in Vaihingen Urnengemeinschaftsgräber. Die Initiative zum Ausbau dieser alternativen Bestattungsform ergriffen die Vaihinger Friedhofsgärtner Joachim Hertneck und Bernd Elsäßer sowie die Steinmetze David Verstege und Wolfgang Machmer bereits 2013. Nach einigen Gesprächen mit Stadträten, dem Bezirksbeirat und der Verwaltung konnten die beiden Anlagen drei Jahre später umgesetzt und ihrer Nutzung übergeben werden.

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