Immer wieder freitags: Schülerinnen und Schüler lassen ein bis zwei Unterrichtsstunden sausen, um eine strengere Klimapolitik zu fordern. Foto: factum/Granville

Wenn die „Fridays for Future“-Bewegung am Freitag weltweit demonstriert, erwarten auch die Ludwigsburger Aktivisten viel Zuspruch. Rektoren fragen sich, wie sie mit dauerhaften Unterrichtsversäumnissen umgehen sollen.

Ludwigsburg - Ich finde es schon traurig, dass uns immer wieder vorgeworfen wird, wir hätten keine Ahnung. Wir wissen mehr, als diese Leute denken“, sagt Tobias Sattler, Oberstufenschüler am Technischen Gymnasiums in Bietigheim-Bissingen. Er steht mit einer Gruppe der kammerkritischen Kaktus-Initiative vor dem Gebäude der Industrie- und Handelskammer in der Kurfürstenstraße. Die Kakteen hatten gefordert, dass Schüler aus der Fridays-for-Future-Bewegung in der Bezirksversammlung ein Statement zu ihren Beweggründen verlesen dürfen. Sie durften nicht. Deshalb erzählt Tobias Sattler nun eben open air über die Ziele der Protestbewegung, während die IHK-Flaggen stramm im Wind flattern.

Schüler beeindrucken Unternehmer

„Wir fordern, dass 80 Prozent der Kohlekraftwerke bis 2030 abgeschaltet werden, und einen kompletten Kohleausstieg bis 2038“, fasst der junge Mann zusammen. Auch die Unternehmen vor Ort seien dabei gefragt. „Jeder kann und muss etwas für den Klimaschutz tun.“ Die Kakteen sind ganz seiner Ansicht – und ohnehin angetan vom Engagement der jungen Leute. Eine solch große Bewegung für den Umweltschutz habe es seit vielen Jahren nicht gegeben, meint Peter Schweizer, Internet-Unternehmer aus Bietigheim-Bissingen. Clemens Morlok von der just call GmbH aus Ditzingen hätte es allein aus einem einzigen Grund wichtig gefunden, dass sich die Versammlung die jungen Leute anhört: „Wir sind schließlich die Generation, die den Klimawandel verursacht hat.“

Tobias Sattler ist zuversichtlich, dass am kommenden Freitag, wenn der Schülerstreik globale Dimensionen annehmen soll, auch in Ludwigsburg wieder mehr als 500 Schüler auf der Straße sein werden. Allerdings würden Sanktionen wie Nachsitzen auch manche Jugendlichen abschrecken.

Wer fehlt, wird eingetragen

Wie gehen die Schulen damit um, dass die Protestbewegung mehr als ein Strohfeuer ist? „Da es noch keine anderslautende Ansage aus dem Kulturministerium gegeben hat, handhaben wir es wie bisher. Die Schüler werden als unentschuldigt fehlend ins Klassenbuch eingetragen, und wer während der Proteste eine Arbeit verpasst, wird mit ungenügend bewertet“, sagt Mathias Hilbert, Chef des Otto-Hahn-Gymnasiums und Geschäftsführender Schulleiter der Ludwigsburger Innenstadtgymnasien. Das sei jüngst Konsens bei einer Schulleiterbesprechung gewesen. Im Prinzip bleibt es aber jeder Schule überlassen, wie streng sie mit den streikenden Schülern umgeht – was der Geschäftsführende Schulleiter problematisch findet. Markus Moskau, Abiturient aus Asperg und Initiator der Proteste in Ludwigsburg, berichtet, je nach Schule drohten den Schülern teilweise auch Nachsitzen oder Einträge ins Zeugnis. Nach der Erfahrung von Irem Inan, Mitglied des Ludwigsburger Jugendgemeinderats und Oberstufenschülerin am Otto-Hahn-Gymnasium, stehen die meisten Lehrer Fridays for Future im Grunde aber wohlwollend gegenüber.

Kultusministerin Susanne Eisenmann schrieb den Schulrektoren jüngst, man müsse das Interesse und Bewusstsein der Schüler für den Klimaschutz ernst nehmen, gleichzeitig aber über die Einhaltung der Schulpflicht im Land wachen. „Bei allem Verständnis für das berechtigte Anliegen der Schüler kann es nicht sein, dass der Unterricht dauerhaft freitags ausfällt. Deshalb rege ich an, dass wir das Thema von der Straße ins Klassenzimmer holen“, so Eisenmann. Die Bildungspläne böten dafür viele Anknüpfungspunkte. Auch das Umweltministerium liefere Projekte, Material sowie die Internetplattform KlimaNetBaden-Württemberg mit vielen Anregungen.

Eine Einladung an die Ministerin

Mancher Schulleiter würde sich indes eine konkretere, einheitlichere Linie zum Umgang mit den protestierenden Schülern wünschen. Dass es diese bisher nicht gebe, liege möglicherweise an der „geringen Bereitschaft, sich wegen dieses Themas den nächsten Koalitionskrach einzufahren“, so Mathias Hilbert. „Andererseits ist es nicht so, dass wegen der Fridays-for-Future-Proteste die Schulen halb leer sind. Der Schulbetrieb ist nicht gefährdet. Und bei denen, die es mit den Klimastreiks ernst nehmen, habe ich auch keine Sorge, dass sie den Stoff nicht eigenverantwortlich nacharbeiten.“

Die Fridays-for-Future-Bewegung reagierte auf den Brief der Kultusministerin auf ihre Weise: „Ihren Vorschlag, die Demonstration von der Straße in die Klassenzimmer zu holen, begrüßen wir sehr“, schreiben Organisatoren von Demos in ganz Baden-Württemberg. „Allerdings würden wir Ihnen ein noch besseres Angebot unterbreiten: Wir laden Sie ein, die Klassenzimmer auf die Straße zu holen, um zu zeigen, dass auch Sie hinter uns stehen.“

Laut Markus Moskau lassen sich aber auch „kreative Wege finden, Sanktionen zu umgehen“. Er verweist auf die Homepage des Europa-Parlamentariers Martin Sonneborn, der auch Satiriker ist. Dort findet sich ein PDF-Dokument, das das freitägliche Fernbleiben vom Unterricht entschuldigen soll. Dass immer wieder der Vorwurf laut wird, die Schüler wollten schlicht schwänzen, will Moskau nicht stehen lassen. Es gehe weiter um den Umweltschutz, sagt er. „Wir haben tatsächliche Anliegen und sehen uns dazu gezwungen, die Schule auf rein unsere eigenen Kosten zu bestreiken, um die Dringlichkeit unseres Anliegens in den Vordergrund zu stellen. Wir verpassen Unterrichtsstoff, der trotz unseres Fehlens klausurrelevant ist. Wir setzen uns bewusst Sanktionen aus, die keiner von uns gerne durchmacht. Warum? Weil uns von Regierungen und Konzeren weltweit unsere Zukunft geklaut wurde und wird.“ Wer schwänzen wolle, mache das sowieso. „ Das hat dann allerdings nichts mit der Fridays-for-Future-Bewegung zu tun.“

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