Immer vorneweg: Wie in vielen anderen Städten im Land demonstrierten die Schüler auch in Ludwigsburg. Foto: factum/Jürgen Bach

In Ludwigsburg gehen bei strömendem Regen am Freitag rund 500 Menschen auf die Straße, um gegen die Klimapolitik Berlins zu demonstrieren. Es zeigt sich, dass die Proteste längst nicht mehr nur von Schülern getragen werden.

Ludwigsburg - Für viele Kritiker ist die Fridays-for-Future-Bewegung eine Ansammlung verwöhnter Gören, die unrealistische Forderungen an die Politik stellen – und das ist noch freundlich formuliert im Vergleich zu dem, was man in Facebook-Kommentaren lesen kann. Stefan Krüger sieht das anders. „Alter weißer Mann für Klimaschutz“ steht auf seinem Schild, das der Mann mit grauen Haaren dem Regen an diesem Freitag am Ludwigsburger Busbahnhof entgegenstemmt. Krüger ist zum dritten Mal bei einer Klimademonstration dabei. Schon im Mai war er beim sogenannten Generalstreik dabei, als Fridays for Future und andere Organisationen auch Erwachsene dazu aufgerufen hatten, die Arbeit niederzulegen und für besseren Klimaschutz auf die Straße zu gehen. Und auch Ende September, als rund um den Globus demonstriert wurde. „Kein sonderlich großes Engagement“, wie er findet.

Für ihn stand es nicht zur Debatte die Demo am Freitag ausfallen zu lassen, nur wegen „ein bisschen Regen“. Das ist untertrieben. Es schüttet in Strömen. Die Schulterpolster von Krügers Jacke sind bereits durchnässt, da ist der Demonstrationszug noch nicht einmal losgelaufen.

Eine „gesamtgesellschaftliche Bewegung“

Anders als Krüger hat das nasskalte Wetter viele davon abgehalten, zu kommen. Die Polizei schätzt die Teilnehmerzahl am Freitagmittag zwischen 500 und 1000, die Veranstalter ebenso. Beim Generalstreik im September hatten bei strahlendem Sonnenschein 1500 Menschen laut Polizei demonstriert, die Veranstalter zählten sogar 5000 Menschen. Markus Moskau, der Gründer der Ortsgruppe Ludwigsburg von Fridays for Future sagt dennoch: „Unsere Bewegung hält Regen und Kälte definitiv nicht ab.“

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Vorneweg marschieren am Freitag wieder die Schüler, mit bunten Plakaten und lauten Sprechchören machen sie auf sich aufmerksam. Aus mehreren Boxen auf einem Lastenrad dröhnt beinahe ohrenbetäubend Moskaus Stimme. „Es gibt kein Recht auf Kohlebaggerfahren“, skandiert er. Auffällig ist aber auch, dass die Erwachsenen– junge Mütter mit Kinderwägen, Väter mit ihren Söhnen an der Hand und Rentner mit Regenschirmen –, die hinterher laufen, beinahe in der Überzahl sind. „Wir sind eben eine gesamtgesellschaftliche Bewegung geworden“, sagt Moskau. Es scheint ihn zu freuen.

Angst um die Zukunft der eigenen Kinder

Bei der zentralen Kundgebung auf dem Rathaushof haben zwei grauhaarige Damen unter dem Pavillon im Ratskellerbiergarten Schutz vor dem Regen gesucht. „Wir haben schon 1983 gegen die Pershingraketen demonstriert“, sagt Gisela Weiß. Warum es jetzt die Jugend gebraucht hat, damit auch die älteren Generationen sich gegen die Klimapolitik wehren? „Sie betrifft das ja am meisten“, sagt Gabriele Mayer. Wie viele andere sind sie früher von der Arbeit gegangen.

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„Mein Chef sieht das ähnlich wie ich“, sagt ein Bauingenieur aus Vaihingen/Enz. Er ist mit seinem Sohn nach Ludwigsburg gekommen – natürlich mit der Bahn. Auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes, vor der Stadtbibliothek, kniet eine junge Mutter auf dem Boden. Sie füttert ihr Kind mit einer Banane. Die 30-Jährige ist auch gekommen, weil sie Angst um die Zukunft ihrer beiden Sprösslinge hat. Was jeder im Privaten tue, reiche nicht aus, sagt die Ludwigsburgerin und wiederholt damit die Botschaft, die kurz zuvor Markus Moskau verkündet hat. Die Politik und vor allem die großen Unternehmen müssten sich ändern. In die Zukunft blicke sie nicht sehr optimistisch. Deshalb sei sie zur Demo gekommen. „Alles, was man tun muss, um an einer Demonstration teilzunehmen, ist aufzutauchen.“

Nicht alle können die Proteste verstehen

Vielen ist aber schon das zu viel. Sie können nichts mit den Klimaprotesten und den Forderungen von Fridays for Future anfangen. Als der Zug vom Rathausplatz auf die Wilhelmstraße einbiegt, steht eine Horde Schüler an der Bushaltestelle und schaut den Protestierenden hinterher. Einige lachen. Warum sie nicht demonstrieren? Drei Mädchen zucken mit den Schultern. „Keine Lust.“ Lieber schnell nach Hause. Vor dem Marstall schreit Moskau in sein Mikrofon: „Tut mir Leid Leute, aber Black-Friday-Shopping ist scheiße fürs Klima!“ Ein Mann, der vor dem Haupteingang steht, schüttelt verächtlich mit dem Kopf. Als die rund 500 Menschen über die Sternkreuzung ziehen, müssen die Autos warten. Ganz vorne an der Ampel steht ein roter Golf. Der Fahrer raucht eine Zigarette. Dass er warten muss, störe ihn nicht, sagt er. Er lässt den Motor laufen. Aber die Proteste nachvollziehen könne er trotzdem nicht.

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