Mädchen lieben Pferde – und umgekehrt wohl auch. Foto: Zlatan Durakovic/Fotolia

Wer sagt, dass nur der Mensch zu echter, tiefer Freundschaft fähig ist, hat noch nie mit Hunden oder Katzen sein Zuhause geteilt

Echte Freunde sind selten, wahre Freundschaften rar. Wenn man einen Freund errungen hat und die gegenseitige Wertschätzung und Zuneigung beide ihr Leben lang begleitet, ist das ein kostbares Gut, für das beide nicht genug danken können. Echte Freunde freuen sich, wenn der andere da ist, sie haben Zeit für ihn, hören ihm zu und trösten ihn. Sie trauern mit ihm und gehen mit ihm durch dick und dünn.

Vor tierischen Freunden kann man sich nicht blamieren

Wer sagt eigentlich, dass Freunde immer auf zwei Beinen gehen müssen und nur Menschen zu echter, tiefer Freundschaft fähig sind? Wohl nur die Tierverächter unter den humanoiden Zweibeinern. Jeder, der einen Hund oder eine Katze besitzt – von denen 6,8 beziehungsweise 11,8 Millionen unter deutschen Dächern leben –, würde vehement widersprechen, wenn seinem Liebling die Fähigkeit, innige Beziehungen zu Frauchen und Herrchen aufzubauen, abgesprochen würde.

„Freunde sind Individuen, die viel Zeit miteinander verbringen. Es geht bei Freundschaft um soziale Verträglichkeit, Toleranz und das Aktivieren des Beruhigungssystems“, sagt Kurt Kotrschal, Verhaltensbiologe an der Universität Wien und Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle im österreichischen Grünau. Nach dieser Definition macht es überhaupt keinen Unterschied, ob der Freund dicht behaart ist, maunzt, bellt oder wiehert, wenn er sich freut und Liebesbekundungen einfordert.

Unsere Stresssysteme würden durch angenehme soziale Kontakte deaktiviert, erklärt der 62-Jährige. Es gebe keinen signifikanten Unterschied zwischen menschlichen Freunden und Tieren, den sogenannten Kumpan-Tieren. „Wenn die Beziehung okay ist, entfalten sie bei beiden dieselben positiven Wirkungen auf Psyche und Physiologie. Gelegentlich sogar noch bessere, etwa weil man sich bei menschlichen Freunden davor hütet, sich zu blamieren.“

Auch der Mensch ist ein Tier

Das abendländische anthropozentrische Weltbild, in dem der Mensch zur „Krone der Schöpfung“ erhoben wird, der Tiere behandeln darf, als wären sie seelenlose Sachen, geht auf die Antike zurück. Für den griechischen Philosophen und Naturforscher Aristoteles (384–322 v. Chr.) ist „vollkommene Freundschaft die der trefflichen Charaktere und an Trefflichkeit einander Gleichen“. Sie hat „Werte und Lust zum Ziel und beruht auf Wesensgleichheit“.

Es stimmt: Mensch und Tier sind bei aller Vermenschlichung von Tieren und einem weitgehend übereinstimmenden genetischen Code nun mal nicht wesensgleich. Und doch können Tiere denken, fühlen und empfinden. Zumindest höhere Säugetiere verfügen über all das, was originäre Intelligenz ausmacht: Emotionalität, Erkenntnisvermögen, ein komplexes soziales Zusammenleben sowie echte Lernfähigkeit. Sie empfinden Freude und Trauer, sie nehmen Zuwendung und Schmerzen wahr, sie können Liebe empfangen und Liebe schenken.

Evolutionsbiologisch gehört der Homo sapiens zur Gruppe der Menschenaffen. Das Erbgut von Mensch und Schimpanse ist zu 98,6 Prozent identisch. Demzufolge ist der Mensch ein klügerer Affe, ein Säugetier, für das sich der aufrechte Gang als Vorteil in seiner Entwicklungsgeschichte erwiesen hat. Warum also sollte dieses unvollkommene und sich so maßlos überschätzende Wesen das einzige sein, das Freundschaften pflegt?

„Ich hab’ dich zum Schlecken gern – Du bist mein Freund“

Wenn man wissen will, wie Tiere ticken und ob sie andere Lebewesen als Freund wahrnehmen, muss mit mehreren von ihnen zusammenleben. Wer eine Katze in seiner Wohnung hält, könnte versucht sein zu glauben, Katzen seien Einzelgänger und Egomanen, die nur auf ihren Vorteil bedacht sind. Dass Stubentiger soziale Wesen sind, die zu komplexen Interaktion fähig sind, merkt man erst, wenn man mit mehreren dieser wunderbaren Geschöpfe zusammenlebt.

„Alle Säugetiere sind wie der Mensch hauthungrig. Miteinander etwas tun, tolerant sein, das Ankurbeln von wechselseitiger Fürsorge – das machen Hunde und Katzen auch gegenüber dem Menschen. Da wird geleckt und geschleckt“, so Kotrschal. Wenn eine Katze nach dem Putzen bei ihrem Herrchen gleich damit weitermacht, ist das eine „kätzische“ Art zu sagen: „Ich hab’ dich zum Schlecken gern. Du bist mein Freund.“

Katzen und Hunde hätten ein fast identisches soziales Gehirn wie der Mensch, erklärt der Biologe. Die grundlegenden Mechanismen zwischen den Spezies seien gleich. Deshalb sei auch anzunehmen, dass sie ähnlich wahrnehmen wie wir. „Wenn der Mensch einen Hund streichelt, gibt es bei beiden einen Ausstoß des Bindungshormons Oxytocin. Es handelt sich um eine sehr symmetrische Beziehung. Ich denke, das ist bei Katzen und Hunden nicht anders.“

Tiere sind Familienmitglied, Partner- und Babyersatz

Bis vor wenigen Jahrzehnten galten Tiere noch als eine Art Verhaltensroboter, die auf äußere Reize reagieren, genetisch auf bestimmte Verhaltensweisen konditioniert sind und durch Versuch und Irrtum lernen. Spätestens durch die Verhaltensforschungen des österreichischen Zoologen Konrad Lorenz (1903–1989) weiß man, dass es genauso kühn wie unsinnig ist zu behaupten, nur der Mensch sei zu Freundschaft fähig.

„Aus biologischer Sicht ist das Verhältnis von Tier und Mensch eine echte Sozialpartnerschaft und Freundschaft“, betont Kotrschal. Und wie in einer menschlichen Freundschaft ist es ein Geben und Nehmen. „Wenn in einer menschlichen Beziehung der eine nur gibt und der andere nur nimmt, dann wird die Beziehung nicht ewig halten.“

Unser Verhältnis zu Tieren ist befremdlich und paradox. Sie gelten als die besten Freunde des Menschen, werden verhätschelt, liebkost und umsorgt. Sie sind Familienmitglied, Partner- oder Babyersatz. Andererseits landen sie in den Regalen der Supermärkte, nachdem sie in qualvoller Enge vegetieren mussten. Für viele Menschen haben ihre tierischen Gefährten eine größere Bedeutung als ihresgleichen, weil unter Umständen die Beziehung auf einer viel tieferen emotionalen Basis funktioniert als mit den Mitmenschen.

Einfach beste Freunde

„Jede Freundschaft ist einmalig“

„Wie kann ein Leben lebenswert sein, das nicht in gegenseitigem Wohlwollen von Freunden ruht?“, fragt der römische Philosoph und Redner Cicero (106–43 v. Chr.) in seiner Schrift „De Amicitia“ (Der Wert der Freundschaft). „Was kann schöner sein, als irgendjemanden zu haben, mit dem du alles besprechen kannst wie mit dir selbst? Was wäre das für ein hoher Genuss im Glück, wenn du niemanden hättest, der sich gleichsam wie du selbst darüber freut?“

Das Schöne, Hohe und Wertvolle wird erst zu dem, was es ist, wenn man es mit einem anderen teilt und von ihm wiederum beschenkt wird – durch seine Wertschätzung, sein uneigennütziges Interesse und vorbehaltloses Vertrauen. Warum sollte der andere nicht eine flauschige Wonneproppen-Maine-Coone-Katze oder ein treuer Labrador sein? „Jede Freundschaft ist einmalig“, sagt Kotrschal. „Sie besteht nicht nur aus den Eigenschaften der beiden Partner, sondern darin, was zwischen den beiden entsteht. Jede Partnerbeziehung ist einzigartig – sowohl bei Tieren als auch bei Menschen.“

Teure Accessoires befriedigen die Eitelkeiten der Halter, nicht der Vierbeiner

Zur Freundschaft gehört „Erwählt-Werden und Erwählen, Passion und Aktion in einem“, schreibt der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber (1878–1965). Ist es wirklich so vermessen zu glauben, dass nur Menschen dazu fähig seien? Kein Mops und kein Schäferhund, keine Siam- und Europäisch-Kurzhaar-Katze?

Dass Tiere die Fähigkeit zu Beziehungen besitzen, die alle erforderlichen Facetten umfasst, ist unter den meisten Biologen heute unbestritten. Doch noch immer weiß man nicht genau, was in den Köpfen von Tieren vor sich geht. Empfinden Hunde und Katzen Menschen als ihresgleichen? Kotrschal: „Da ich keine Katze und kein Hund bin, weiß ich das nicht.“ Können Tiere die Liebe, die der Mensch vermittelt, auch spüren? „Da bin ich mir sehr sicher. Ich weiß zwar nicht, wie ein Hund oder eine Katze Liebe empfinden. Das Rüstzeug im Gehirn und die Physiologie, die dazugehört, ist aber exakt dieselbe wie beim Menschen. Das Verhalten auch.“

Wie beim Menschen kommt es auch bei tierischen Freunden nicht darauf an, den Wertgeschätzten mit Geschenken zu überhäufen. Hunden ist es egal, ob sie ein Brillanten-Halsband oder eines aus Leder haben. Hauptsache, sie können herumtollen, schnüffeln, spielen und werden gestreichelt. Ohne Gassi-Gehen verkümmern auch Luxus-Hunde. Teure Accessoires befriedigen die Eitelkeiten der Halter, nicht aber der Vierbeiner.

„Einfach beste Freunde“

„Jede Partnerbeziehung ist einzigartig – bei Tieren wie bei Menschen“, sagt Kotrschal, Autor des Buches „Einfach beste Freunde. Warum Menschen und andere Tiere einander verstehen“ (Brandstätter-Verlag, Wien 2014). Irgendwann kommt der Tag, an dem man von seinem tierischen Freund Abschied nehmen muss. „Das ist so, wie wenn man einen Menschen verliert“, weiß der Hundebesitzer aus eigener Erfahrung. Und wie in menschlichen Beziehungen sei es nicht sehr klug, sich gleich danach den nächsten Partner anzulachen und zu versuchen, die verlorene Partnerschaft mit einem neuen Partner zu leben. „Das läuft meistens schief.“

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