Kundgebung des Flüchtlingsrats in Stuttgart Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

In der Landeshauptstadt gibt es 27 Flüchtlingsfreundeskreise, in denen sich rund 1500 ehrenamtliche Helfer engagieren. Deren Arbeit hat sich in den vergangenen Jahren verändert.

Stuttgart - Sie begleiten Flüchtlinge bei Behördengängen, bringen ihnen erste Sätze auf Deutsch bei, kochen gemeinsam oder spielen zusammen Theater. Für die Ehrenamtlichen in Stuttgart gibt es zahlreiche Möglichkeiten und Ideen, Flüchtlinge willkommen zu heißen und ihnen den Start in dem fremden Land zu erleichtern. Derzeit gibt es in der Landeshauptstadt 27 Flüchtlingsfreundeskreise in denen sich rund 1500 ehrenamtliche Helfer engagieren.

„Je mehr schreckliche Meldungen über brennende Flüchtlingsheime durch die Medien gehen, desto mehr Helfer melden sich bei uns“, sagt Marina Silverii, Sprecherin des Freundeskreises West. Negative Reaktionen auf ihr Engagement für Flüchtlinge habe sie dagegen noch nie mitbekommen.

Nicht einfach nur Gutmenschen

Derzeit leben in der Stadt 3300 Asylbewerber in 73 Unterkünften. Die Zahl soll bis Jahresende auf 5400 Menschen steigen, deshalb errichtet die Stadt an elf weiteren Standorten Systembauten mit 2238 Plätzen. Die Mitglieder der Freundeskreise fungieren dabei häufig als Bindeglied zwischen den Anwohnern im Stadtteil und den Flüchtlingen in den Freundeskreisen. Sie tragen damit auch zum sozialen Frieden im Wohnumfeld der Unterkünfte bei: „Ich habe schon erlebt, dass die Anwohner anfangs skeptisch waren, aber nach einer Weile winken sie uns Ehrenamtlichen zu und erkundigen sich, wenn wir länger nicht mehr da waren“, sagt Silverii.

Die Helfer setzen sich heutzutage aus allen Gesellschaftsschichten der Bevölkerung zusammen, wie aus dem Stuttgarter Flüchtlingsbericht 2015 hervorgeht. Sie bringen dadurch unterschiedliche Erfahrungen und Fähigkeiten aus ihren Berufen mit in den Freundeskreis ein. So können sich beispielsweise Lehrer um Sprachkurse kümmern, während handwerklich Begabte Werkstätten gemeinsam mit den Flüchtlingen auf die Beine stellen. Tatsache ist: Jeder kann mithelfen und wird gebraucht. „Wir sind nicht lauter Gutmenschen“, betont auch Silverii.

Die Freundeskreise und ihr Engagement für Flüchtlinge haben sich im Vergleich zu früher erheblich verändert. So haben die Kreise nicht mehr zwingend eine Anbindung an Kirchengemeinden und freie Träger, sondern arbeiten auch eigenständig in freien Initiativen. Zudem engagieren sich die Bürger oft über einen kürzeren Zeitraum. Viele sind berufstätig oder haben sonstige Verpflichtungen, und können daher nur hin und wieder, oder in einem begrenzten Zeitraum helfen. Dadurch ist auch die Fluktuation in den Flüchtlingskreisen größer als in der Vergangenheit.

"Wir können scheitern, aber wir müssen es versuchen"

Kathrin Hildebrand Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

In Berührung mit Flüchtlingen kam Kathrin Hildebrand 2013 durch ihr Theaterprojekt „Revolutionskinder“. In dem Stück des Stuttgarter Theaters Lokstoff spielen 40 Jugendliche mit, darunter auch junge Flüchtlinge, deren Biografien in das Stück eingearbeitet werden. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein normaler Mensch nicht von diesen Schicksalen berührt wird“, sagt Hildebrand.

Ihr Engagement für die Jugendlichen reicht weit über das Theaterspielen hinaus: „Für sie sind wir oft die einzigen deutschen Ansprechpartner, wenn sie Probleme haben.“ Schon in drei Fällen hat sie es geschafft, die drohende Abschiebung ihrer Schützlinge zu verhindern. „Ich habe mir gesagt: Wir können scheitern, aber wir müssen es versuchen.“

Darüber hinaus hat sie festgestellt, dass das Schauspielern für die Flüchtlinge eine großartige Möglichkeit darstellt, um schnell die Sprache zu lernen, mit deutschen Jugendlichen in Kontakt zu treten und Selbstbewusstsein zurückzugewinnen. Neben den „Revolutionskindern“ führt Lokstoff im Oktober dieses Jahres zum ersten Mal „Pass.Worte.“ auf, in dem eine Flüchtlingsgeschichte stellvertretend für viele erzählt wird. Außerdem bieten sie einen kulturellen Sprachkurs an.

Traurig macht es Kathrin Hildebrand, wenn sie beobachtet, wie manche Flüchtlinge „durch das System fallen“, beispielsweise wenn ihr Status ungeklärt ist. „Sie werden von einer Stadt in die nächste geschickt und kommen einfach nicht zur Ruhe“, kritisiert sie.

"Ehrenamtliche werden nicht geschult"

Marina Silverii Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Ursprünglich wollte sich Marina Silverii nur um die Finanzen des Freundeskreises West kümmern. Doch ziemlich schnell war sie mittendrin im Organisieren von zahlreichen Projekten für die Flüchtlinge, die in der Forststraße im Stuttgarter Westen untergebracht sind. „Mir liegen vor allem die Kinder am Herzen“, sagt die Lehrerin. Der Freundeskreis ermöglicht Flüchtlingskindern den Besuch einer Judoschule, eines Schwimmkurses oder in den Sommerferien die Kinderspielstadt Stutengarten zu besuchen. Dass manche Anwohner skeptisch auf Flüchtlinge in der Nachbarschaft reagieren, findet Silverii zunächst nicht problematisch. „Viele sind vorsichtig, wenn neue Nachbarn einziehen. Aber dann gewöhnt man sich aneinander“, sagt Silverii. Im Westen funktioniert die Integration ihrer Meinung nach schon sehr gut: „Die Flüchtlinge haben sich ins Stadtbild eingefügt und fallen kaum mehr auf.“ Rund 280 Interessierte hat der Freundeskreis, von denen sich 90 Mitglieder tatkräftig einbringen.

Zu sehen, wie schnell viele Flüchtlinge Deutsch lernen und sich in der neuen Umgebung zurechtfinden, bereitet der 49-Jährigen große Freude. Doch manchmal stößt auch sie an ihre Grenzen: „Wir Ehrenamtlichen haben nicht gelernt, wie man mit den Traumata der Menschen umgeht.“ Sie würde sich wünschen, dass die Mitglieder darin geschult würden. „Innerhalb des Freundeskreises tauschen wir uns aber über unsere Erlebnisse aus. Das hilft schon ungemein“, sagt Marina Silverii.

"Die Kapazitäten der Sozialsysteme erhöhen"

Bernhard Mellert Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Bernhard Mellert besucht Woche für Woche die Flüchtlingsunterkunft in der Forststraße. Dort gibt er Basis-Kurse, um den Flüchtlingen den Start mit rudimentären Deutschkenntnissen in dem fremden Land zu erleichtern. Dass er selbst Berufsschullehrer ist, hilft Mellert bei seiner ehrenamtlichen Arbeit jedoch nur bedingt: „Da wird nicht selten mit Händen und Füßen gearbeitet“, sagt der 53-Jährige.

Denn einen Dolmetscher hat der Lehrer, der eigentlich Technik unterrichtet, nicht an seiner Seite. Die Ressourcen, mit denen die etwa 20 Helfer aus dem Stadtteil auskommen müssen, sind denkbar gering. Wer unter den Deutschkursbesuchern kein Englisch oder Französisch spricht, müsse darauf hoffen, dass ein anderer Kursteilnehmer übersetzen kann, sagt Mellert.

Den Plänen der Landesregierung, die weit mehr Flüchtlinge aufnehmen will als bisher, blickt er zwar mit Sorge entgegen. Jedoch: „Andere Länder haben mit mehr Flüchtlingen zu kämpfen als wir. Dabei geht es uns viel besser als den Menschen dort“, sagt er. Doch Ehrenamtliche allein können die Aufgaben, die zu bewältigen sind, nicht in den Griff kriegen. „Wer mehr Flüchtlinge aufnimmt, muss auch die Kapazitäten der Sozialsysteme erhöhen“, findet Mellert. 

"Das Schicksal jedes Einzelnen im Blick behalten"

Volker Gemmrich Foto: Gottfried Stoppel

Als im Herbst 2013 ein Flüchtlingsheim in Oeffingen im Rems-Murr-Kreis eröffnete, lief das nicht ohne Konflikte ab. Davon kann der evangelische Pfarrer Volker Gemmrich ein Lied singen. Denn als klar wurde, dass knapp 70 Flüchtlinge kommen würden, regte sich Widerstand in der Dorfgemeinde.

„Die Gegner haben mit einer Klage erwirkt, dass die Flüchtlinge in Container auf einem Parkplatz in Fellbach ziehen mussten“, sagt Gemmrich. Er, der Mitgründungsmitglied des Freundeskreises Fellbach ist, schlüpfte in die Vermittlerrolle. „Die Lage hat sich beruhigt. Die Anwohner haben die Situation hingenommen, wenn auch manche zähneknirschend“, so der Pfarrer.

Die Flüchtlingshelfer des Freundeskreises Fellbach sind unter dem Dach der Kirchengemeinde organisiert, werden also rechtlich nicht anders als der Kirchenchor behandelt, was Vorteile hat. „Wir können dadurch Spendenkonten einrichten oder Kosten abwickeln wie jede öffentlich-rechtliche Körperschaft“, sagt Gemmrich.

Außerdem sei man während der Ausübung des Ehrenamts versichert. Für die Zukunft wünscht er sich vor allem eines: „Es ist eine Herausforderung, das Schicksal jedes Einzelnen im Blick zu behalten und zu erkennen, dass wir es mit Individuen zu tun haben.

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