Max Herre und seine Frau Joy Denalane machen das, was sie so gut können: Liebeslieder singen. Foto: Lichtgut /Oliver Willikonsky

Die Stuttgarter Band Freundeskreis ist zurück für einen Sommer. Beim ersten Konzert vor dem Mercedes-Benz-Museum werden die Hip-Hopper um Max Herre von ihren Fans gefeiert, die dann doch noch nass werden.

Stuttgart - Es gibt viele Dinge, die bei einem Open-Air-Konzert, das auch noch Premiere feiert, stimmen müssen: die Musik, das Wetter und die örtlichen Begebenheiten. In zwei Punkten hat es bei der Reunion vom Freundeskreis gepasst, einer war ein Desaster. Lange Schlangen vor den Getränkeständen bereiten den Besuchern Unmut.

Aber von vorne: Eigentlich sind sie ja nie so richtig weg gewesen, zumindest nicht die Lieder. Immer wieder konnte man die Klassiker des Freundeskreises hören. Bei Solokonzerten von Herre oder bei seiner „Kahedi“-Tour. In Stuttgart auf dem Schlossplatz, in Ludwigsburg im Innenhof des Schlosses.

Jetzt aber haben sich Freundeskreis, also Max Herre, Don Philippe und DJ Friction, für einen kurzen Sommer wiedervereint und spielen sich am Mittwochabend vor 7300 Fans in zweieinhalb Stunden durch ihre eigene Hip-Hop-Geschichte. Zwanzig Jahre nach ihrem Debüt „Quadratur des Kreises“ und zehn Jahre nach ihrem letzten Auftritt in der Stadt stehen sie beim neuen Konzertsommer in Stuttgart vor dem Mercedes-Benz-Museum auf der Bühne.

Die Älteren, von denen heute einige hier sind, erinnern sich an die Hip-Hop-Open im Juli vor zehn Jahren. Hier stand der Freundeskreis wiedervereinigt auf der Bühne im Reitstadion in Cannstatt. Ganz zum Schluss sagte Max Herre: „Wir sehen uns in zehn Jahren.“ Er sollte recht behalten.

Jetzt sind sie also wieder da und das bei schönen, Instagram-tauglichen Sonnenuntergängen inklusive Regenbogen über Untertürkheim. Max Herre sagt auf der Bühne, dass sie zig Mal die Wetter-App gecheckt haben, ob das Wetter hält. Das tut es, immerhin bis zum letzten Song des Abends „Halt dich an deiner Liebe fest“, im Original von Rio Reiser. Auf der Bühnen-Leinwand wird das Video aus dem Jahr 1999 gezeigt. Junge Menschen verbringen eine gute Zeit am Strand mit Kindern und Wassermelonenschnitten. So viel Weichzeichner muss sein. Dann aber kommen die heftigen Regenfälle, und auf dem Heimweg werden die Fans „nass bis auf die Haut“, wie es in dem Hit „A-N-N-A“ besungen wird.

Immer noch eine Stuttgarter Band

Ja, es gibt natürlich ganz viel Nostalgie, Lokalpatriotismus und Liebe an diesem Abend. Auch wenn Max Herre, Joy Denalane und Afrob seit Jahren in Berlin wohnen, der Rest der Mannschaft über Deutschland verstreut ist, sind sie dann doch irgendwie immer noch eine Stuttgarter Band. Hier nahm dieses Kollektiv von Rappern, Sprayern und Musikern, das sich Kolchose nannte, seinen Anfang – in einem Gartenhaus in Kaltental, im Jugendhaus Mitte und im Club Prag. Das Konzert am Mittwochabend ist die Zusatzshow, die angesetzt wurde, nachdem das zuvor angekündigte Konzert am darauffolgenden Tag ratzfatz ausverkauft war. Viele der Gäste, die da sind, waren auch schon vor zwanzig Jahren dabei, haben zu „Mit Dir“ geknutscht, heute einen Babysitter eingeplant und tragen die ollen Kolchose-T-Shirts auf. Genau von dieser Lebenssituation wissen auch die Protagonisten auf der Bühne zu berichten, wenn Afrob mit Max Herre in seinem Song „Ruf deine Freunde an“ sprechsingt: „Die alten Knochen können nichts mehr außer 2Step.“ Ganz nach dem Motto: Älter werden wir alle, aber bitteschön gemeinsam. „Machen wir die Nacht zum Tag genau so wie früher.“

Und genau das würden viele Fans wahrscheinlich gerne tun, auch wenn es Mittwoch und lange hell ist. Auf 19 Uhr wurde der Beginn ohne Vorgruppe angesetzt. Also hetzen die Ticketbesitzer vom Büro zum Open-Air-Gelände, das ein Gast mit „Charme eines Parkplatzes“ umschreibt. Wer jetzt etwas essen oder trinken will, verpasst viel vom Konzert, das dann um 19.15 Uhr anfängt, die Schlangen an den viel zu wenigen Ständen jedoch sehr lang sind. Und wer kein Einlassbändchen für die vorderen Reihen ergattern kann, steht hinten – vor einer Leinwand.

Die Band sorgt für einen guten, lauten Sound

Dabei könnte ja alles so schön sein, diese musikalische Erinnerungsfahrt zu den Anfängen und Höhepunkten Stuttgarter Hip-Hop-Geschichte. Natürlich sind es vor allem die alten Gassenhauer, die von den Fans gefeiert werden. Von „den Hip-Hop-Headz, die 0711 lieben“, wie Max Herre im ersten Song des Abends, in „Esperanto“, singt. „Stuttgart, ich freue mich hier zu sein“, sagt Herre – und man glaubt es ihm natürlich, wenn er gleich im Anschluss seine biografische Heimatstadt-Hymne „1ste Liebe“ mit seiner Frau Joy Denalane singt und Stuttgart darin als „die Süße aus dem Süden mit dem Dialekt“ beschreibt. Neben Denalane sind auch Afrob, Sékou, die Sängerin Rachel und der Rapper Megaloh mit von der Partie. Die fünfköpfige Band unter der Leitung von Lillo Scrimali macht einen guten, lauten Sound, der dann doch viel mehr als ein Rapkonzert bietet.

Bis auf Megalohs „Dr. Cooper“ und Afrobs „Get Up“ sowie „Reimemonster“ werden besonders die alten Freundeskreis-Lieder bejubelt. Die Hauptprotagonisten des Abends sind aber Herre und Denalane. Herre, 47 Jahre alt, reimt in dem nun zehn Jahre alten Song „FK 10“: „War nie der Jesus, nie euer Petrus / Kein Genius, einfach nur ein Rapper mit Ethos / War nie nur ein intellektueller kleiner Studi-Futzke / Fakt ist: War nie an der Uni, macht mich nicht zu Rudi Dutschke / Waren einfach nur die coolsten Rapper und Producer / Weil wir den Mund nicht halten, galten wir als Revoluzzer.“ Herre war aber nicht nur der politische Rapper und Soul-Guerillero, sondern eben auch Teil eines öffentlichen Liebespaares, manifestiert in dem Song „Mit Dir“, mit dem die Lovestory ihren Anfang nahm. Das Lied darf nicht fehlen, Max und Joy sitzen nebeneinander, die Fans singen Wort für Wort mit, Pärchen halten sich im Arm und freuen sich auf ein Getränk zu Hause.

Sehen Sie im Video, was die Fans mit 20 Jahre Freundeskreis verbinden:

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