Gustavo, genannt „Guga“ Kuerten. Drei Mal konnte der Sandplatzspezialist die French Open gewinnen. Wie unser Redakteur findet: zurecht! Foto: Getty Images

Fünf-Stunden-Matches, ein langsamer Belag, Ballabdruckkontrollen – viele würden Sandplatztennis gerne beschleunigen. Bloß nicht, fleht unser Redakteur. Eine Liebeserklärung an den Sandplatz.

Stuttgart - Höher, schneller, weiter. Was auf die moderne Leistungsgesellschaft zutrifft, ist längst in der Welt des Sports angekommen. Ein Thema wie Digitalisierung? Funktioniert im Sport – abgesehen von den andauernden Diskussionen über den Videobeweis im Fußball – zuweilen sogar besser als in der deutschen Politik. Alles muss plan- und überprüfbar sein, nichts wird mehr dem Zufall überlassen. Auch hier ist der Sport ein Spiegelbild der Gesellschaft.

Sport als Spiegelbild der Gesellschaft

So wundert es auf den ersten Blick nicht, dass auch im Tennis eine Beschleunigung der Abläufe gefordert wird. Die Zeit zwischen erstem und zweiten Aufschlag? Hat längst eine Zeitbegrenzung. Ein dritter beziehungsweise fünfter Satz? „Zeitverschwendung“, sagen die Beschleuniger. Im Mannschaftsspielbetrieb auf Vereinsebene und beim Doppel auf der Tour ist der Entscheidungssatz schon abgeschafft und durch den Match-Tie-Break ersetzt. Fünf-Satz-Matches? Und das gar auf den von vielen als zu langsam empfundenen Sandplätzen in Roland Garros? „Nicht mehr zeitgemäß.“ Wer wolle denn noch Vier- oder Fünf-Stunden-Matches anschauen, fragen die Kritiker. „Ich!“, will man jenen Anti-Nostalgikern zurufen. Nun wird sogar diskutiert, ob der Hawk-Eye genannte Videobeweis im Tennis nicht auch auf Sandplätzen eingesetzt werden soll. Schließlich mache es das Spiel noch langsamer, wenn der Stuhlschiedsrichter bei jedem strittigen Ball auf den Platz müsse.

Hawk-eye auf dem Sandplatz?! Ernsthaft???

Wenn deutsche Tennisfans das fordern, muss die Frage erlaubt sein: Wisst Ihr, dass Steffi Graf ihren letzten French-Open-Titel nur gewann, weil es eben keinerlei technische Hilfsmittel gab? Die Gräfin lag im Finale 1999 gegen Martina Hingis chancenlos zurück, bis sich die Schweizerin über einen (in ihren Augen falsch ausgewählten) Ballabdruck maßlos ärgerte. Die damals 18-Jährige stürmte auf Grafs Platzseite und stritt dort so lange mit dem Schiedsrichter, bis sich das Pariser Publikum zu einem gellenden Pfeifkonzert aufschwang. Der Rest ist Geschichte. Graf gewann das Finale, Hingis heulte bittere Tränen und mit dem Pariser Publikum wurde die spätere Nummer eins der Welt nie mehr warm.

Aber sehen Sie sich die Szene doch selbst an:

Das muss man nicht fair finden. Aber das Markieren der Abdrücke und das Streiten darüber gehört zum Sandplatztennis dazu, wie für den Hobbytennisspieler das Radler nach dem Medenspiel am Sonntag.

Und überhaupt: Was soll bitte die Diskussion, Sandplatztennis dauere zu lange und sei nicht mehr zeitgemäß? Soll es etwa besser sein, sich ein Wimbledon-Halbfinale anzuschauen, bei dem sich in einem knapp dreistündigen Fünf-Satz-Match kaum ein Ballwechsel entwickelt? Wo selbst Filzball-Künstler wie Roger Federer schauen, dass sie den Ball höchstens ein, zwei Mal spielen müssen, um den Punkt zu machen. Frei nach Rudi Völler sei den Sandplatz-Kritikern gesagt: „Dann habt ihr den Sport nie geliebt.“ Es gibt wenig großartigeres, als auf dem Sandplatz in einen Angriffsball des Gegners reinzurutschen und ihn mit einem Slice- oder Lob so derart zu entschleunigen, dass man wieder mitten im Ballwechsel ist. Und wer einmal Rafael Nadal live gesehen hat, wie er noch im fünften Satz einen unmöglichen Ball „aus der Ecke fischt“, um ihn mit einem hohen Lobball wieder ins Spiel zu bringen, der erstarrt vor Ehrfurcht.

Muster, Chang, Lendl – manche Legende gibt es nur dank Sandplatztennis

Eine Verkürzung oder Abschaffung der Sandplatzsaison hätte zur Folge, dass sich der Trend zu schnelleren Aufschlägen, kürzeren Ballwechseln und weniger epischen Tennisschlachten noch verstärkt. Dabei erzählen sich Tennisfans noch heute die Geschichte vom French-Open-Finale 1989, als der 17-Jährige Michael Chang von Krämpfen geplagt Ivan Lendl in die Knie zwang. Das war kein spielen. Das war Kampf. Das war Rennen um jeden Ball. Tricksen, täuschen, von unten aufschlagen – alles war dabei.

Oder es sei an einen Thomas Muster erinnert. Kein einziges Match konnte der Österreicher in Wimbledon jemals für sich entscheiden. In Paris? Da wollte keiner auf den linkshändigen Wühler mit dem großen Kämpferherzen treffen. Und der Spruch „Ein Tennismatch ist erst gewonnen, wenn auch der Matchball verwandelt ist“, trifft eben nur auf den Sandplatz wirklich zu. Weil Typen wie Muster, Chang oder Nadal keinen Ball verloren geben. Weil für Athleten dieser Güteklasse jeder noch so gute Ball irgendwie zu erlaufen ist. Weil Sandplatztennis eben etwas ganz besonderes ist.

Paris – ein Hort der Entschleunigung

In der zweiten Juni-Woche beginnt in Stuttgart die Rasensaison. Sandplatztennis in Paris fühlt sich auf der nach Geschwindigkeit sehnenden Tennistour wie ein Hort der Entschleunigung an. Ein Ort, wo Kämpfer noch einen Platz auf dem Tenniscourt haben. Ein Turnier, bei dem Tennistaktik über die Frage hinaus geht, ob man durch die Mitte oder über Außen aufschlagen soll. Wer in Paris gewinnt, der kann mehr als „nur“ herausragend Tennis spielen: der kann kämpfen, rennen, beißen und schlagen.

Und da doch auch diese Attribute in der Leistungsgesellschaft etwas gelten, belasst doch bitte das Sandplatztennis wie es ist: Der geilste Sport der Welt. Danke!

In unserer Bildergalerie finden Sie die Rekordsieger der Herren bei den French Open in Paris. Viel Spaß beim Klicken.

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