Ihr Ruf ist schlecht, doch Affären sind verbreitet, sagt eine Stuttgarter Paarberaterin. Wir haben mit Menschen gesprochen, die Affären hatten, und Experten nach den Gründen gefragt.
Es war ein Skandal, der die Gemüter erhitzte – und die Menschen brennend interessierte: Das Techtelmechtel des früheren US-Präsidenten Bill Clinton mit der Praktikantin Monica Lewinsky ist eine der berühmtesten Affären der Geschichte.
Damals wurde über Monate hinweg diskutiert, was von 1995 bis 1997 wohl zwischen den beiden passiert war, ob Bill Clinton später unter Eid gelogen hatte – und schließlich leiteten die Republikaner ein Amtsenthebungsverfahren 1998 gegen ihn ein. Seit der #MeToo-Bewegung wird die Geschichte teils anders bewertet. Immer wieder werden Fragen nach Machtmissbrauch und Einverständnis gestellt.
Doch eines bleibt: Die Affäre war irgendwie spannend. Denn obwohl sie irgendwie schmuddelig sind, ist es doch faszinierend, zu fragen: Wie passiert so etwas? Warum geraten Menschen da immer wieder hinein? Und können Paare sich davon wieder erholen, wenn einer fremdgeht? Auch wir haben immer wieder mit Menschen gesprochen, die Affären hatten, haben – und Experten nach den Hintergründen gefragt.
Alex aus Baden-Württemberg führt eine offene Beziehung
Zum Beispiel mit Alex aus dem Osten Baden-Württembergs. Am Abend vor der Hochzeit eröffnete ihm seine zukünftige Frau, dass sie fremdgegangen war. Und doch endete das Ganze nicht in Eifersucht, Vorwürfen und Trennung. Sondern in einer offenen Beziehung mit Affären, gemeinsamen Abenteuern und Besuchen in Swingerclubs. Die Affäre seiner Frau war der Anstoß für ein Leben, von dem Alex 20 Jahre später sichtlich erfüllt erzählt.
Wie an diesem Tag vor der Hochzeit findet er es noch heute spannend, zu erfahren, was seine Frau mit ihren Affären tut. „Kopfkino hoch drei“, das gehe in ihm vor, wenn sie ohne ihn unterwegs ist. Er will genau wissen, was dort passiert. Das macht ihn an. So sehr, dass er sich nicht zum gleichen Zeitpunkt auf seine eigene Affäre konzentrieren kann. Er ist voll dafür, dass seine Frau sich mit anderen Männern trifft.
Yvonne hofft darauf, dass er seine Frau verlässt – vergeblich
Auch Yvonne hatte jahrelang eine Affäre mit einem verheirateten Mann – doch bei ihr lief alles ganz anders. Sie war unglücklich in ihrer Ehe mit einem psychisch kranken, manipulativen und aggressiven Mann. Und so fielen die Aufmerksamkeit und Zuneigung, die ihr Kollege Thomas ihr schenkte, auf fruchtbaren Boden.
Sie trennte sich von ihrem Mann und hoffte, dass Thomas dasselbe tun würde. „Ich hatte kein Schuldgefühl“, sagt sie über ihre Gefühle gegenüber Thomas’ Frau. Sie hatte sich um ihre Beziehung gekümmert, Thomas müsse dasselbe für seine Ehe tun, so ihr Denken.
Tat er aber nicht. Über Jahre hinweg hielt er seine Parallelwelt aufrecht: Sie für den Spaß, die Freiheit, das Verbotene – und seine Familie für die Zugehörigkeit. Die Stuttgarter Paarberaterin Corinna Stolz sagt dazu: „Eine Ehe erfüllt andere Bedürfnisse als eine Affäre“. Manche Leute würden in solchen Situationen erkennen, dass es gar nicht so schlecht sei, wenn sie beides haben können.
Trotzdem sagt sie, dass auch Probleme in der Beziehung keine Entschuldigung seien, fremd zu gehen. Und doch kämen Affären häufig vor.
Affäre mit Anlauf – Verheiratete suchen mit Apps nach dem Seitensprung
Wie sich zeigt, gibt es nicht nur Menschen, die quasi aus Versehen aus einer unglücklichen Beziehung heraus in eine Affäre hineinschlittern, wie Yvonne und Thomas. Sondern mit Anlauf in die Affäre starten: Etwa, in dem sie mithilfe von Apps oder Plattformen danach suchen.
Eine solche Plattform ist Ashley Madison. Sie vernetzt seit Jahrzehnten Millionen von verheirateten Menschen miteinander, um ihren Seitensprung zu organisieren. Aber warum? „Letztendlich steckt dahinter immer ein Bedürfnis“, sagt die Stuttgarter Paartherapeutin Filomena Lorenz. Der Reiz liege darin, „etwas Verbotenes, etwas Heimliches, etwas, das wir noch nie gemacht haben“ zu tun.
„Eine Affäre kann einen positiven Effekt haben“
Sind denn Affären immer etwas Schlechtes? Nein, sagt die Paar- und Sexualtherapeutin Lena Maier. „Eine Affäre kann sogar einen positiven Effekt auf die Beziehung haben“, meint sie. Zum Beispiel, wenn sie eine Art Weckruf sei. Dann müsse sie auch nicht unbedingt das Ende der Beziehung bedeuten.